«Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobender Monolog.» Guy Debord attestierte der Gesellschaft des Spektakels ein ins Totale gesteigertes Selbstinteresse. Eitel kreist sie um sich und produziert immer neue Spektakel.
Seit Debords Schrift ist ein halbes Jahrhundert vergangen und die Vereinnahmung schreitet fort. Lässt sich dem Spektakel noch entkommen? Hat der Konsum alle Lebensbereiche erfasst? Darf überhaupt alles kommerzialisiert werden? Spielen ethische Fragen bei diesem totalen Ausverkauf eine Rolle? Simon Fujiwara begibt sich mitten ins Geflecht dieser Fragen und thematisiert sie undogmatisch, aber anhand eines besonders sensiblen Themas.
Erinnerung oder Infotainment?
Der Künstler mit britisch-japanischen Wurzeln besuchte im vergangenen Jahr das Anne Frank Haus in Amsterdam. Das Museum ist längst eine der touristischen Hauptattraktionen der Stadt. Mehr als eine Million Menschen besuchen jährlich das Haus. Spontanbesuche sind nahezu unmöglich geworden, ein Onlinebuchungssystem versucht die Ströme zu regulieren.
Doch was ist überhaupt zu sehen? Wenig Originales ist aus der Zeit Anne Franks erhalten. Selbst die Tapete ist nachträglich wieder hinzugefügt worden, und zwar aus Gründen der Authentizität aus ehemaligen DDR-Beständen. Auch das Bücherregal, welches das Vorderhaus vom Hinterhaus trennte, in dem sich Anne Frank und weitere sieben Untergetauchte verbargen, ist eine Rekonstruktion. Geschieht sie im Dienste der Aufklärungs- und Erinnerungsfunktion? Oder ist bereits die Stufe zum Infotainment überschritten?
Schicksale im handlichen Format
Im Museumsshop schliesslich entdeckte Simon Fujiwara ein Tagebuch im Stile des Anne Frank Tagebuches. Die leeren Seiten als harmloses Angebot für heutige Konsumenten und Konsumentinnen? Das ganze Schicksal nurmehr noch ein Produkt, eine Projektionsfläche für zeitgenössische Harmlosigkeiten?
Simon Fujiwara urteilt nicht, aber seine Arbeit im Kunsthaus Bregenz zeigt doch sehr deutlich, wie unauflöslich die kapitalistischen Verstrickungen sind. Das Hope House basiert auf einem Modell des Abbe Frank Hauses, wie es im Museumsshop angeboten wird: ein Steckmodell in der Grösse eines Puppenhauses. Nun erstreckt es sich in Bregenz über drei Stockwerke des Ausstellungshauses in Realgrösse. Selbst die Verbindungsbolzen aus Pappe wurden nachgebildet, auch die aufgedruckten Ziegelsteine sind nur aufgedruckt.
Dort, wo das Anne Frank Haus leer ist – originales Mobiliar war nicht erhalten – bestückt Fujiwara seine Rekonstruktion der Rekonstruktion mit Beispielen aus der Welt der Waren, die nicht immer eine heile, aber immer eine schöne Welt ist. So fühlt sich das eigene Leben gleich besser an nach einem Einkauf im Choose Love Store: Hier können Utensilien erworben werden, die Geflüchtete dringend benötigen, und sie werden den Bedürftigen direkt zugestellt. Wer für sich selbst konsumieren möchte, aber keine Zeit dafür hat, kann den Service von Outfittery beanspruchen und sich vollständige Bekleidungspakete aufgrund seiner online eingegebenen Vorlieben zusammenstellen.
Visuelle und inhaltliche Parallelen
Der auseinandergefaltete Outfittery-Versandkarton sieht wie der Grundriss eines Hauses aus. Diese Verbindungen visueller oder inhaltlicher Art durchziehen Fujiwaras Arbeit und reichen sogar noch darüber hinaus. So hat der Künstler das rekonstruierte Bücherregal im Hope House erneut nachgebaut, aber mit gebrauchten Fifty Shades of Grey-Exemplaren bestückt. Sie stammen aus einem der Brockenhäuser der Hilfsorganisation Oxfam, das mit ausgemusterten Exemplaren des Erotikromans dermassen überschwemmt wurde, dass die Mitarbeitenden im Internet darum baten, ihnen keine publizistische Massenware mehr zukommen zu lassen, und aus den Büchern eine kleine Festung bauten.
Oxfam wiederum geriet in der Zwischenzeit in die Schlagzeilen, weil Journalisten von Partys in den Republiken Haiti und Tschad berichteten, für die Oxfam-Angestellte Prostituierte engagierten.
Fujiwaras System ist so durchlässig und flexibel wie die Deckenkonstruktion im Kunsthaus Bregenz: Für das Hope House wurden die Oberlichter geöffnet, der Nachbau des Modells durchdringt gleichsam das gesamte Haus, so wie sich auch Kommerz und Kunst durchdringen. Eines der bekanntesten Beispiele zitiert Fujiwara in seiner Plastik Penthouse: Ein Modellexemplar des Anne Frank Hauses ist hier gekrönt von einem modernistischen Glaskubus, auf dem wiederum ein goldfarbener Balloon Dog aus Keramik steht.
Jeff Koons‘ Werk ist der Prototyp einer sich verselbständigenden Warenkette, sind doch die in millionenteure Kunst verwandelten Ballonhündchen inzwischen in handlicher, immer noch blitzblank polierter Version für ein paar Dollars im Internet zu haben und kaum zu unterscheiden von den teuren Originalen und Multiples.
Das Spektakel dreht sich weiter. Noch einmal Debord: «Es ist vielmehr eine tatsächlich gewordene, ins Materielle übertragene Weltanschauung. Es ist eine Anschauung der Welt, die sich vergegenständlicht hat.»
Bis 2. April
kunsthaus-bregenz.at
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