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Kauft, Leute, kauft!

Simon Fujiwara stellt Fragen rund um Vermarktung, Ethik und Kunst. Im Kunsthaus Bregenz ist sein Nachbau des Bastelbogens aus dem Anne Frank Museum zu sehen.
Von  Kristin Schmidt , 
Simon Fujiwara: «Hope House» in Bregenz. (Bilder: Markus Tretter)

«Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobender Monolog.» Guy Debord attestierte der Gesellschaft des Spektakels ein ins Totale gesteigertes Selbstinteresse. Eitel kreist sie um sich und produziert immer neue Spektakel.

Seit Debords Schrift ist ein halbes Jahrhundert vergangen und die Vereinnahmung schreitet fort. Lässt sich dem Spektakel noch entkommen? Hat der Konsum alle Lebensbereiche erfasst? Darf überhaupt alles kommerzialisiert werden? Spielen ethische Fragen bei diesem totalen Ausverkauf eine Rolle? Simon Fujiwara begibt sich mitten ins Geflecht dieser Fragen und thematisiert sie undogmatisch, aber anhand eines besonders sensiblen Themas.

Erinnerung oder Infotainment?

Der Künstler mit britisch-japanischen Wurzeln besuchte im vergangenen Jahr das Anne Frank Haus in Amsterdam. Das Museum ist längst eine der touristischen Hauptattraktionen der Stadt. Mehr als eine Million Menschen besuchen jährlich das Haus. Spontanbesuche sind nahezu unmöglich geworden, ein Onlinebuchungssystem versucht die Ströme zu regulieren.

Doch was ist überhaupt zu sehen? Wenig Originales ist aus der Zeit Anne Franks erhalten. Selbst die Tapete ist nachträglich wieder hinzugefügt worden, und zwar aus Gründen der Authentizität aus ehemaligen DDR-Beständen. Auch das Bücherregal, welches das Vorderhaus vom Hinterhaus trennte, in dem sich Anne Frank und weitere sieben Untergetauchte verbargen, ist eine Rekonstruktion. Geschieht sie im Dienste der Aufklärungs- und Erinnerungsfunktion? Oder ist bereits die Stufe zum Infotainment überschritten?

Schicksale im handlichen Format

Im Museumsshop schliesslich entdeckte Simon Fujiwara ein Tagebuch im Stile des Anne Frank Tagebuches. Die leeren Seiten als harmloses Angebot für heutige Konsumenten und Konsumentinnen? Das ganze Schicksal nurmehr noch ein Produkt, eine Projektionsfläche für zeitgenössische Harmlosigkeiten?

Simon Fujiwara urteilt nicht, aber seine Arbeit im Kunsthaus Bregenz zeigt doch sehr deutlich, wie unauflöslich die kapitalistischen Verstrickungen sind. Das Hope House basiert auf einem Modell des Abbe Frank Hauses, wie es im Museumsshop angeboten wird: ein Steckmodell in der Grösse eines Puppenhauses. Nun erstreckt es sich in Bregenz über drei Stockwerke des Ausstellungshauses in Realgrösse. Selbst die Verbindungsbolzen aus Pappe wurden nachgebildet, auch die aufgedruckten Ziegelsteine sind nur aufgedruckt.

Dort, wo das Anne Frank Haus leer ist – originales Mobiliar war nicht erhalten – bestückt Fujiwara seine Rekonstruktion der Rekonstruktion mit Beispielen aus der Welt der Waren, die nicht immer eine heile, aber immer eine schöne Welt ist. So fühlt sich das eigene Leben gleich besser an nach einem Einkauf im Choose Love Store: Hier können Utensilien erworben werden, die Geflüchtete dringend benötigen, und sie werden den Bedürftigen direkt zugestellt. Wer für sich selbst konsumieren möchte, aber keine Zeit dafür hat, kann den Service von Outfittery beanspruchen und sich vollständige Bekleidungspakete aufgrund seiner online eingegebenen Vorlieben zusammenstellen.

Visuelle und inhaltliche Parallelen

Der auseinandergefaltete Outfittery-Versandkarton sieht wie der Grundriss eines Hauses aus. Diese Verbindungen visueller oder inhaltlicher Art durchziehen Fujiwaras Arbeit und reichen sogar noch darüber hinaus. So hat der Künstler das rekonstruierte Bücherregal im Hope House erneut nachgebaut, aber mit gebrauchten Fifty Shades of Grey-Exemplaren bestückt. Sie stammen aus einem der Brockenhäuser der Hilfsorganisation Oxfam, das mit ausgemusterten Exemplaren des Erotikromans dermassen überschwemmt wurde, dass die Mitarbeitenden im Internet darum baten, ihnen keine publizistische Massenware mehr zukommen zu lassen, und aus den Büchern eine kleine Festung bauten.

Oxfam wiederum geriet in der Zwischenzeit in die Schlagzeilen, weil Journalisten von Partys in den Republiken Haiti und Tschad berichteten, für die Oxfam-Angestellte Prostituierte engagierten.

Fujiwaras System ist so durchlässig und flexibel wie die Deckenkonstruktion im Kunsthaus Bregenz: Für das Hope House wurden die Oberlichter geöffnet, der Nachbau des Modells durchdringt gleichsam das gesamte Haus, so wie sich auch Kommerz und Kunst durchdringen. Eines der bekanntesten Beispiele zitiert Fujiwara in seiner Plastik Penthouse: Ein Modellexemplar des Anne Frank Hauses ist hier gekrönt von einem modernistischen Glaskubus, auf dem wiederum ein goldfarbener Balloon Dog aus Keramik steht.

Jeff Koons‘ Werk ist der Prototyp einer sich verselbständigenden Warenkette, sind doch die in millionenteure Kunst verwandelten Ballonhündchen inzwischen in handlicher, immer noch blitzblank polierter Version für ein paar Dollars im Internet zu haben und kaum zu unterscheiden von den teuren Originalen und Multiples.

Das Spektakel dreht sich weiter. Noch einmal Debord: «Es ist vielmehr eine tatsächlich gewordene, ins Materielle übertragene Weltanschauung. Es ist eine Anschauung der Welt, die sich vergegenständlicht hat.»

Bis 2. April

kunsthaus-bregenz.at

 

Die Er­de ist nicht ge­nug

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Die er­neu­ten Spar­vor­schlä­ge der St.Gal­ler Re­gie­rung stos­sen auf brei­te Ab­leh­nung. Die Kul­tur­sze­ne so­li­da­ri­siert sich ge­gen die Ab­bau­plä­ne. Die Kul­tur­lob­by hat sich in Stel­lung ge­bracht. Obs hilft?

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Kunstausstellung

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Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

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Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

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Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

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Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

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FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

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«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

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VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

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Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,