Kategorie
Autor:innen
Jahr

Regale, Bühnen und Innensichten

Regale mit Leere, aber Tiefgang, und neue Raumerfahrungen im strengen Zumthor-Bau: Das bietet die Ausstellung des Österreichers Heimo Zobernig im Kunsthaus Bregenz. Nina Keel hat sie getestet.
Von  Gastbeitrag

Das Ablegen des Mantels im Untergeschoss geschieht zu Sätzen über Regale im Ohr, die der «Regalkünstler» Helge Schneider in einem Film sermonisch von sich gibt. Schmunzelnd verlasse ich die Garderobe Richtung erste Etage, wo es weitergeht mit Regalen, diesmal aber realen Regalen. Sie bilden den Auftakt der letzte Woche eröffneten Einzelausstellung von Heimo Zobernig im Kunsthaus Bregenz.

Puppen und Möbel und Menschen

In einem regelmässigen Raster aufgestellt, sind auf der ersten Etage des KUB gegenwärtig reihenweise leerer Regale zu sehen: Der Rundgang beginnt mit Billy-Regalen aus unbehandelten Spanplatten, geht über zu runden, verloren im Raum stehenden Barelementen, bis hin zu komplett dysfunktionalen, aus schwarzen und rohen Regalfragmenten zusammengesetzten Objekten, die rein skulptural sind. Dieses Ikea-ähnliche, doch wesentlich leblosere Setting wird durchsetzt von Werken mit Schaufensterpuppen. Sie sind teils gefängnisartig von Strukturen umgeben, teils durch Regalelemente segmentiert und stellen eine Art Verschmelzung zwischen Puppen und Möbeln dar.

zobernig2

Doch weit gefehlt, wer denkt, das Ganze bleibe in der Puppenwelt: Über Spiegel, die an der Innenseite einiger Regale angebracht sind, schafft Zobernig Menschen-Möbel-Hybride, wenn auch temporäre. Auf das Involviert-Sein folgt schliesslich – abgesetzt von den fünf Reihen Möbeln und Objekten und unter Änderung der Blickrichtung – eine Zäsur in Gestalt einer weissen Leinwand auf Rollen.

Hinter dem Vorhang

Die ist aber nur von kurzer Dauer, denn kaum im zweiten Obergeschoss angelangt, wird der weitere Weg in den Ausstellungsraum durch eine herabhängende, schwarze Vorhangwand versperrt. Den Besuchenden stehen zwei Möglichkeiten offen: Dem frei gebliebenen Korridor ins Ungewisse zu folgen oder unter dem Vorhang hindurchzugehen. Ich entscheide mich für letzteres und bin sofort verwickelt ins Werk. Doch was ist hier überhaupt das Werk? Sollte es die Vorhangsinstallation sein – was wäre dann der Raum dahinter? Oder bin zuletzt ich Teil des Werkes in dem Bühnenspiel, das ich nun mit der Aufsicht führe?

Die Einzelausstellung von Heimo Zobernig wird ergänzt durch Werke im öffentlichen Raum von Bregenz und ist bis zum 10. Januar 2016 zu sehen; ebenso die Ausstellung von Amy Sillman in der KUB-Arena im Erdgeschoss.
kunsthaus-bregenz.at

In diesem Raum wird zudem deutlich, dass nicht nur die ungeduldige Ausstellungsbesucherin eine Grenze überschreitet, sondern auch Zobernig selbst, als er einen Teil der milchigen Glasplatten der Decke herausnehmen liess und so den Blick frei gibt auf die technischen Innereien des KUB. Damit gelingt es ihm aber auch, aufzuzeigen, wie in Kunstausstellungen Strategien des Aufladendens mit Bedeutung funktionieren, was u.a. über Lichtsituationen oder über das Nicht-Berühren-Dürfen von Kunstobjekten erreicht werden kann. Zobernig, der in den 70er Jahren an der Kunstakademie in Wien die Bühnenbildnerklasse besuchte und bekannt ist für seine architektonisch-künstlerischen Interventionen, schuf hier den stärksten Raum seiner Ausstellung.

Zumthor bekommt eins auf die Decke

Was dann ein Geschoss weiter oben folgt, ist eine Wiederholung von Teilen der Präsentation Zobernigs im österreichischen Pavillon an der diesjährigen Biennale resp. eine weniger gelungene Version davon. In Venedig purifizierte Zobernig den 1934 eröffneten österreichischen Pavillon mit einfachen, aber wirkungsmächtigen Eingriffen: Er liess die Decke durch das Einsetzen schwarzer Raumkörper tiefer legen und einen gleichfarbigen Boden einziehen. Eine ursprünglich angedachte, brachiale Bronzefigur liess er zugunsten der Leere weg.

Diese wird nun in Bregenz ausgestellt und bildet den figurativen Gegenpart zur dunklen Deckenkonstruktion. Auch in Bregenz hätte man die Figur besser weggelassen, denn durch ihre Präsenz kann sich die von der heruntergehängten Decke ausgehende Enge – eine komplett neue Erfahrung in den sonst überhöhenden Zumthor-Räumen – kaum einstellen, zu sehr lenkt sie davon ab.

Dennoch überzeugt die Ausstellung mit ihrem über weite Strecken äusserst durchdachten Aufbau, der mit einer eher konventionellen Objektpräsentation anfängt und sich hin zu einer Dekonstruktion ihrer Rahmenbedingungen entwickelt. Nicht zuletzt wird in Zobernigs Einzelpräsentation wieder einmal verdeutlicht, wie die gebaute Umgebung unsere Bewegungen, Wahrnehmung sowie auch unser Verhalten beeinflusst.

Bilder:  Nina Keel

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42