Ein Meer aus zellophanverpackten Dingen vor dem Buckingham Palace; Diana, die ehemalige Kronprinzessin, tot. Tausende und Abertausende Menschen wollen ihre Emotionen ausdrücken. Aber wodurch? Wie lässt sich in säkularisierten Zeiten trauern? Wie Anteilnahme zeigen beim Unfalltod einer Person des öffentlichen Lebens? Wie Betroffenheit?
Die Trauer um die «Königin der Herzen» war in ihrer materiellen Präsenz zwar besonders ausufernd, ist aber längst kein Einzelfall. Blumen, Herzen und Plüschtiere künden immer wieder vom verzweifelten Wunsch der Menschen, sich zum Tod Anderer zu äussern, seien es prominente Verstorbene oder die Opfer von Anschlägen oder grosser Unglücke. Dieses kollektive Trauervokabular ist trotz rasanter gesellschaftlicher Veränderungen recht stabil und weicht sogar auf sogenannten Onlinefriedhöfen nicht wesentlich ab von etablierten Ritualen. Auch virtuell werden Trauerkerzen gespendet, Herzen und Rosen zum Anklicken angeboten.
Memorial, 2020.
Und weil die Trauersitten bei aller Heterogenität einander so ähnlich sind, funktioniert Bunny Rogers‘ Installation im Kunsthaus Bregenz universell und unabhängig von der persönlichen Ausgangssituation der Künstlerin. Zwar stellt sich die 30-jährige US-Amerikanerin selbst als Verstorbene im Erdgeschoss des Ausstellungshauses dar, aber das glatte, verjüngte Gesicht passt bestens zur App-gesteuerten Porträtretusche – jede Individualität ist getilgt.
Effektvolles Gedenken
Wieder einmal wird das Kunsthaus Bregenz seinem Ruf gerecht, einzigartige Installationen mit grosser Geste zu präsentieren. Für Bunny Rogers‘ «Kind Kingdom» wurde keine Mühe gescheut, kein inszenatorischer Aufwand kleingerechnet. Diesmal ist das Foyer in Dunkel gehüllt und mit einer – inzwischen freilich recht zertretenen – Rasenfläche ausgelegt. Effektvoll strahlt blaues Licht auf einen Hügel aus getrockneten Rosen, manche in Zellophan eingepackt, und blauschimmernden Schokoladenherzen.
Trash Mound, 2020.
«Bunny Rogers – Kind Kingdom»: bis 13. April, Kunsthaus Bregenz.
Freitag, 6. März, 18 Uhr: Künstlerin Bunny Rogers liest eigene Gedichte am «Happy Friday» (ganztags freier Eintritt in die Ausstellung)
kunsthaus-bregenz.at
Ein blumenumranktes Bildnis zeigt die Künstlerin in jugendlichem Alter, stellvertretend für alle, die sich mit dieser Trauerkultur identifizieren wollen. Wohin diese Kultur führt, zeigt die Künstlerin im ersten Obergeschoss etwas zu deutlich, deshalb ist diese Etage die schwächste in der gesamten Ausstellung: Die Trauerfeier ist vorüber, anstelle des Rosenhügels türmen sich schwarze Abfallsäcke. Pappteller, Dosen, verschrumpelte Luftballons sind auf dem Rasen verteilt. Leere Flaschen und süsslicher Geruch zeugen von einem alkoholgetränkten Gelage – so sieht die Ohnmacht gegenüber dem Tod aus, sehr explizit, sehr detailverliebt.
Abstrakter kommen die in Betonpfeiler gegossenen Rosen und die Pappsärge im zweiten Obergeschoss daher. Umgeben sind sie von Absperrgittern, in die mal Klebebänder, mal Satinschleifen eingeflochten sind; die profane Wirklichkeit und die Sehnsucht, sie zu negieren, sind eng verknüpft.
Erinnerung an Columbine
Im obersten Stockwerk des Hauses schliesslich gelingt der Künstlerin die stimmige Synthese all ihrer Aussagen. Wohl noch nie in der Geschichte des Kunsthauses wurde die Architektur von Peter Zumthor krasser umgedeutet. Locker Room verwandelt die klare Strenge des Raumes in eine Gemeinschaftsdusche. Plötzlich geht das diffuse Licht eine Symbiose ein mit dem im Raum verteilten Dampf, und der Beton wird zur schlüssigen Folie für die gefliesten Wände in gelb und beige. Die Duschköpfe tropfen, Wasserlachen stehen auf den Bodenfliesen.
All das steigert die Brisanz der Assoziationen, beginnend bei der Massenreinigung über die Massenabfertigung bis hin zur Massensäuberung.
Locker Room, 2020.
Das Aussehen des Duschraumes bezieht sich auf jenen der Columbine High School in Littleton. Der Amoklauf dort vor 21 Jahren gehört zu den Kernthemen der Künstlerin, findet sie doch darin das ganze Spektrum der Trauerkultur: vom Verlust nahestehender Menschen über das Trauma der Überlebenden, die kollektive Erinnerung, das offizielle Mahnen und Gedenken bis hin zur Faszination, die auch oder gerade die grauenhaftesten Ereignisse mit einer hohen Zahl Toter für eine gewisse Fangemeinde ausüben.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt Barbara Kruger in einer grossen Einzelausstellung. Die Losungen der Amerikanerin sind nicht neu - aber unvermindert aktuell.
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.