Was für ein Kontrast! Was für eine Konsequenz! Eben noch zeigte das Kunsthaus Bregenz die grossformatigen Bilder der Schweizer Künstlerin Miriam Cahn, präsentierte ihre eindringlichen Blicke auf das Menschsein, auf Intimität, Gewalt und Angst, gemalt mit verschwindenden Konturen, in glühenden Farben, intensiv und archaisch. Nun folgt auf die ausfasernden malerischen Gesten, auf die pudrigen Kreidelinien die dreidimensionale Form.
Gequetscht, zusammengesunken, zerdrückt und immer wieder in menschlicher Gestalt: Ab Mitte Juli werden Arbeiten von Thomas Schütte im Kunsthaus Bregenz zu sehen sein. Auch Schütte zeigt die Menschen nicht heldenhaft, sondern verletzlich und verletzt, isoliert oder auf Gedeih und Verderb aneinander gekettet, verloren und suchend.
Schütte ist Bildhauer. Seit Jahrzehnten untersucht er das Bild des Menschen, wie es in vorhergehenden Bildhauergenerationen geprägt wurde und wie es in der heutigen Zeit aussehen kann: Wie lassen sich die Verstrickungen, Zwänge darstellen? Wie steht der Mensch heute da? Und wie seine Kreaturen?
Der Bildhauer und Zeichner arbeitet immer wieder für den öffentlichen Raum. In Bregenz begrüsst das Dritte Tier die Gäste der Ausstellung. Freundlich blickt es in die Welt, den Robbenschwanz grüssend erhoben, den schweren Oberkörper auf Menschenarme aufgestützt, die in merkwürdigen Pranken enden. Aus seinen Nüstern schnaubt das Tier ein Wölkchen in die Luft.
Thomas Schuette: Drittes Tier, 2017. (Bild: Aurelien Mole)
Schütte hat immer auch das Absurde, das Komische in seine Arbeiten integriert und mit dem Ernsten, ja Tragischen verschmolzen. Das Tier ist eine von drei kolossalen Figuren, die während der Ausstellung im Bregenzer Stadtraum gezeigt werden. Die anderen beiden sind Männer im Matsch: Ihre Füsse stecken fest, zur Bewegungslosigkeit verdammt harren sie ihres Schicksals.
Thomas Schütte: 13. Juli bis 6. Oktober, Kunsthaus Bregenz kunsthaus-bregenz.at
Im Kunsthaus selbst wird eine Auswahl der architektonischen Modelle Schüttes zu sehen sein. Auch sie entstehen seit langer Zeit und sind sehr eng mit den Befindlichkeiten des Menschen verknüpft. Betitelt sind sie als Entwürfe für Bunker, Ferienhäuser oder Museen.
Im Stockwerk darüber sind Frauenplastiken mit einer Gruppe von keramischen Arbeiten kombiniert: Farbig glasierte Platten sind zu fiktiven Flaggen zusammengefügt und karikieren die bunten Symbole der Nationalstaatlichkeit.
Im obersten Stockwerk schliesslich beginnen abermals drei Männer im Boden zu versinken. Sind es Porträts unserer Zeit? Persiflieren die Plastiken die kunsthistorisch etablierten Vorgänger? Bei Schütte ist alles möglich, drum lohnt jede seiner Ausstellungen einen Besuch.
Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt Barbara Kruger in einer grossen Einzelausstellung. Die Losungen der Amerikanerin sind nicht neu - aber unvermindert aktuell.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.