Anfang August vor einem Jahr wurden auf dem frisch gestalteten Kornhausplatz in St.Gallen Bäume gepflanzt. Man habe nur die robustesten Sorten, die mit Hitze, Trockenheit und Abgasen zugange kommen, ausgewählt, versicherte das private Gartenbauunternehmen. Wer jetzt über den peinlich-reinlichen und fugendicht zugekitteten Platz beim Hauptbahnhof geht oder eilt, sieht zwar, dass die Silberlinden einigermassen über die Runden kommen. Aber die Gleditschien sehen nicht gut aus. Einzelne Äste sind bereits abgestorben. Ist es Wassermangel? Die Stadtkassiere können sich vorerst damit trösten, dass ein allfälliger Ersatz noch in die Anwuchsgarantie der Gärtnerei fallen dürfte.
Was die Stadtbegrünung betrifft, hinkt St.Gallen anderen Städten weit hinterher. Meist scheitern vernünftige Vorhaben schon an der Hauptsorge der Stadtreinigung, dass die Putzmaschinen nicht mehr unter den tief hängenden Ästen hindurchkommen, was bei Jungbäumen eben der Fall wäre. Herangekarrte grössere Bäume sehen zudem einfach schon nach fertigem Platz aus. Der Gesamteindruck lässt sich eher mit den üppigen Illustrationen, die im Vorfeld herumgeboten wurden, abgleichen, als wenn die Pflanzen über etliche Jahre vor Ort hochwachsen müssten. Das Bahnhofareal sollte bei der Einweihung am 31. August ordentlich daherkommen, so wollten es Politik und Wirtschaft. Da kann man auch mal darüber hinwegsehen, dass Bäume im vollen Blättergewand in aller Regel nicht verpflanzt werden. An Saisongerechtes und natürliche Kreisläufe halten sich ohnehin nur noch ein paar letzte vegane Kleinstadthipster.
Wir gehen auf Spurensuche in andere Städte, die grossangelegte Stadtbegrünungs-Projekte verfolgen. Wir besuchen einen Permakulturhof im Rheintal und holen uns dort Tipps, wie auch auf Stadtbalkonen Gemüse gedeihen kann. Ein Samenbömbeler erklärt, wie er die Stadtverwaltung bei ihren stiefmütterlichen Begrünungsbestrebungen heimlich unterstützt.
Eine nachhaltige Stadtbegrünung kostet. Man lässt sich aber lieber weiterhin ein bisschen grün umringen, im Stadtzentrum ist eine üppige Bepflanzung schlicht zu aufwändig. Dabei gäbe es andernorts durchaus Sparpotenzial, etwa bei den diversen Standortförderungsstellen. Die Wirtschaft kann sich schliesslich selber regulieren, so schallt es zumindest allenthalben vom Rosenberg. Die Natur könnte es mit Sicherheit noch besser, wenn man sie denn liesse.
Und das leitet über zum Haupttext in diesem Sommerheft: Christoph Keller, der St.Galler Autor, entwirft in seinem neusten Roman Der Boden unter den Füssen die Fantasie eines Gartens, der mehr und mehr ein Eigenleben annimmt, und die Utopie einer Gesellschaft, die die radikale Wende riskiert: Mensch und Natur nicht auf Konfrontationskurs, sondern miteinander. Das Buch erscheint im August, Saiten hat die Freude, einen Auszug als Vorabdruck publizieren zu können. Ein weiterer künstlerischer Zugriff auf das Thema sind Aurelio Kopainigs nachdenklich stimmende Fotografien aus seinem Langzeitprojekt Houses & Trees.
Ausserdem im Sommerheft: Haus der freien Szene, Gefängnistheater, struktureller Rassismus und der ausführliche Sommerführer – 22 mal üppig spriessende Kultur.
Roman Hertler
ReaktionenPositionenRedeplatz mit Ann Katrin CooperStimmrecht von Farida FerecliNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan RutishauserInnensichten: DenkBar und Militärkantine
Gartenfantasie und Fortschrittskritik: Ein Auszug aus dem im August erscheinenden Roman Der Boden unter den Füssen des St.Galler Schriftstellers Christoph Keller.
Grün und biodivers bauen: Singapur macht es vor, Mailand kanns auch, St.Gallen hinkt noch hinterher.von Corinne Riedener
Zauberwort Permakultur: Was die Familie Schmid auf dem Hof Morgarot im Rheintal praktiziert, kann auch städtische Balkone verwandeln.von Roman Hertler
Der Samenbömbeler: K.R.* wünscht sich eine grünere Stadt mit grösserer Biodiversität und tut auch etwas dafür.von Roman Hertler
Bildstrecke und Cover: Aurelio Kopainig
Das Land der unwahrscheinlichen Möglichkeiten: Diamantenschürfen in Arkansas.von Thomas Stüssi
«Auf der Bühne bin ich kein Verbrecher»: Wie Strafgefangene das Theaterspielen erleben.von Mirjam Bächtold
Struktureller Rassismus: Warum Aufklärungsarbeit Teil der Unterdrückungsspirale ist.von Serafina Ndlovu
Musik, Theater, Kunst und Filme in Altstätten, Steinach, Arbon, Rorschacherberg, St.Gallen, Winterthur, Konstanz, Rapperswil-Jona, Dornbirn, Lustenau, Trogen, Frauenfeld, Salenstein, Kreuzlingen, Gais, Feldkirch, Bütschwil, Lichtensteig, Rorschach, Schwellbrunn, Sargans, Bregenz, Weesen und Weiertal.
Mit Beiträgen von Veronika Fischer, Kristin Schmidt, Peter Müller, Sascha Erni, Michael Lünstroth, Urs-Peter Zwingli, Andreas Kneubühler, Roman Hertler, Peter Surber und Corinne Riedener
Illustrationen: Emil Bänziger
Abgesang
BoulevardKalenderKioskKellers GeschichtenPfahlbauerComic von Julia Kubik
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.