Als Kinder gab es für uns kaum etwas Verlockenderes, als auf der verlassenen Baustelle herumzustrielen. Wir konnten uns tagelang in irgendwelchen Rohbauten vergnügen; die Maschinen, Gruben, Leitungen und Keller erforschen, Hütten bauen, Versteckis oder Räuber und Poli spielen, Seilbahnen quer durch die Treppenhäuser spannen. Keine Ahnung, ob es damals auch «Betreten verboten!»-Schilder gab. Irgendwie sind wir immer durch die Gitter gekommen. Jedes Mal muss ich grinsen, wenn ich die kleine Narbe am Knie betrachte, die ich einem Armierungseisen verdanke. Das waren gute Zeiten.
Heute verursachen Baustellen bei mir eher gemischte Gefühle. Einerseits sind sie Sinnbilder für internationale Zusammenarbeit, für die Kreativität und den Gestaltungswillen der Menschen, für den wohltuenden Kreislauf von Zerfall und Erneuerung. Andererseits kann die Baustelle allzu auch oft ein Symbol der Verdrängung und Ausbeutung sein, für den menschlichen Grössenwahn und die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit.
Auch in St.Gallen ist einiges los: Kürzlich wurde der neue Bahnhof eröffnet, ost- und westwärts werden Strassen aufgerissen, ein neues Spitalquartier wird gebaut und demnächst die Stadtautobahn saniert. Aktuell soll es auf städtischem Gebiet insgesamt 33 Baustellen geben. Seit einigen Monaten wird auch neben unserem Saiten-Büro fleissig gebaggert, gebohrt und gewerkt: Das letzte Haus im ehemaligen Handwerkerquartier an der Frongartenstrasse wurde abgebrochen. Nun sehen und hören wir Tag für Tag einem neuen, potentiell profitablen Wohn- und Geschäftsgebäude beim Wachsen zu. Laut, aber auch spannend und darum eine der tollsten Möglichkeiten zur Prokrastination in letzter Zeit – und die Inspiration zu unserem Novemberheft.
Der reale Baustellenalltag hat natürlich wenig zu tun mit den romantischen Kindheitserinnerungen, die wir wohl alle haben, sondern eher mit Konkurrenz- und Zeitdruck, harter Arbeit, Lohndumping und anderen politischen Krämpfen. Und auch in Sachen Frauen ist die Baustelle eine Baustelle. Mehr davon im Interview mit Gewerkschaftssekretärin Danijela Bašić auf Seite 24. Ausserdem kommen ein angehender Tiefbauer zu Wort, ein pendelnder Temporärarbeiter aus Sachsen und ein Bewohner des künftigen Ökoquartiers Les Vergers im Kanton Genf. Schliesslich: ein löbliches Beispiel für den Umgang mit alter Bausubstanz. Die Bilder zum Titelthema hat Linus Lutz gemacht.
Weiter im Heft: Ein Rundgang mit Sitterwerk-Chef Felix Lehner, der am 17. November mit dem Grossen Kulturpreis der Stadt St.Gallen ausgezeichnet wird, Überlegungen zu Kinder- und Menschenrechten und der Anti-Menschenrechts-Initiative, über die wir am 25. November abstimmen, ein gut gefüllter Novemberkalender und Post aus der Stadt der Bücher.
Corinne Riedener
Reaktionen/PositionenRedeplatz mit Stephan SchweigerStimmrecht von Nechung Engeler-ZingshukHerr Sutter sorgt sich… von Bernhard ThönyEvil Dad von Marcel MüllerInnensichten: La Buena Onda und LeonardoMensch Meyer von Helga und Janine Meyer
Das LebenselixierHöchste Zeit für eine Kulturgeschichte der Baustelle.von Peter Surber
Osten retourDaniel ist Metallbauer in der Ostschweiz und pendelt jedes Wochenende nach Sachsen zu seiner Familie.von Corinne Riedener
«Manchmal fehlt die Wertschätzung»Noam Fels macht eine Lehre als Strassenbauer.von Andri Bösch
«Man baut immer mehr, immer schneller, mit immer weniger Leuten»Unia-Gewerkschafterin Danijela Bašić im Gespräch über den eskalierenden Streit in der Baubranche.von Sina Bühler
Neuer Glanz für die Fifties – und den PfauWie man mit alter Bausubstanz löblich umgeht.von René Hornung
Leben auf einer BaustelleIm Ökoquartier Les Vergers entsteht eine neue Welt.von Pascal Mülchi
Die Fotos im Titelthema stammen von Linus Lutz.
Flaschenpost aus New York.von Rosario Florio und Larissa Kasper
«Abtreiben!! Und ein neues, gesundes Baby machen»#perfectbaby #cutebaby. Aber was, wenn die Realität anders aussieht?von Veronika Fischer
Was machen Hubers, Meiers und Müllers in Strassburg?Essay zum Reportagenbuch Frau Huber geht nach Strassburg und zur Abstimmung über die «Selbstbestimmungsinitiative».von Rolf Bossart
Kinder haben Rechte – und IdeenWas, wenn Kinder gleichberechtigt mitreden könnten?von Peter Surber
Ein Rundgang durchs Sitterwerk mit Kulturpreisträger Felix Lehner.von Peter Surber
Sackgasse Brexit: Peter Stäubers neues Buch.von Richard Butz
Die 10. Ausgabe des Filmfestivals Pantalla Latina.von Urs-Peter Zwingli
Peter Mettlers berauschender Film Becoming Animal.von Marcel Elsener
Interaktion, Dialog, Demokratie: das Playbacktheater St.Gallen.von Andri Bösch
Dora Rittmeyer-Iselin erhält endlich ihre eigene Biografie.von Peter Müller
Lichtungen: Vier St.Galler Lyrikerinnen in einem Band.von Peter Surber
Valentina Stiegers Ausstellung in der Kunsthalle.von Julia Kubik
Die neue Platte von Lord Kesseli & The Drums.von Corinne Riedener
Kulturparcours
Mixologievon Niklaus Reichle und Philipp Grob
2 Gedichte im Novembervon Claire Plassard und Florian Vetsch
AbgesangKehl buchstabiert die Ostschweiz: eine BilanzKellers GeschichtenKreuzweisewortePfahlbauerBoulevard
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.