, 12. November 2018
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Osten retour

Aus dem Novemberheft: Nach hunderten erfolglosen Bewerbungsversuchen hat sich Daniel* weit weg von 
seinem Zuhause in Sachsen einen Job gesucht. Zurzeit verdient er sein Geld als Metallbauer in der Ostschweiz.

Die Bilder zum November-Titelthema von Saiten hat Linus Lutz gemacht.

Jeden Freitagabend steigt Daniel* in sein Auto und fährt nach Rheineck. Dort warten bereits seine Kollegen, manchmal bis zu 15 Männer, alle zwischen 20 und 60. Ihre Autos lassen sie auf dem Parkplatz stehen, ab hier geht die Reise gemeinsam weiter, mit zwei oder drei Wagen, je nach Grösse der Fahrgemeinschaft. Sie alle stammen aus der Region zwischen Dresden und Leipzig. Sechs bis sieben Stunden später, gegen Mitternacht, sind die meisten in ihrem ostdeutschen Zuhause angekommen. Im Ostschweizer Zuhause wohnen sie nur unter der Woche, wenn sie auf Schweizer Baustellen arbeiten, für gewöhnlich als Temporäre.

Daniels Arbeitstag als Metallbauer beginnt früh. Um sechs oder sieben, je nachdem, wo sich die Baustelle befindet, trifft sich die Truppe im Magazin. Das Material und die Werkzeuge werden eingepackt, der Tagesablauf wird besprochen, dann geht es mit dem Chefmonteur ab auf die Baustelle. Mal verbringt das Team nur einige Tage auf einer Baustelle, bei grossen Projekten bis zu einem halben Jahr.

Feierabend ist für gewöhnlich um fünf, manchmal wird auch länger gearbeitet, vor allem, wenn die Metallbauer in Zürich oder Basel stationiert sind und auch dort übernachten. In der Regel montieren sie zuerst eine Alu-Unterkonstruktion, diese wird dann mit Stahlblech oder sogenannten Sandwich-Platten verkleidet, mittels Schrauben oder Nieten. Manchmal wird die Fassade noch mit Dämmwolle isoliert. Das sei vor allem im Sommer mühsam, sagt Daniel, weil die Wolle auf der verschwitzten Haut klebenbleibt.

Ein wilder Haufen

Die Stimmung auf der Baustelle ist rau. «Die Leute sind ziemlich schnell gereizt, wenn etwas nicht funktioniert», erklärt der 37-Jährige mit einem Schulterzucken. «Das ist schon etwas ganz anderes als in einem Büro. Ständig ist man unter Zeitdruck, alle kommen aus verschiedenen Nationen, die Mentalitäten und Sprachen sind verschieden, das macht es nicht immer einfach – stell dir einen wilden Haufen aus Spaniern, Deutschen, Ex-Jugoslawen, Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn, Italienern, Portugiesen und einigen Schweizern vor.»

Nun könnte man denken, dass die Baustelle ein idealer Integrationsmotor ist: Da arbeiten Leute aus den verschiedensten Nationen zusammen, und am Ende des Tages haben sie gemeinsam etwas erschaffen. Doch dem ist nicht so.

Daniel wünscht sich mehr Zusammenhalt auf dem Bau und dass sich die verschiedenen Nationen gegenseitig mehr akzeptieren. «Jeder haut jeden in die Pfanne», sagt er, und man merkt ihm die Enttäuschung darüber deutlich an. «Alle schwärzen sich gegenseitig an, sobald sich die Gelegenheit bietet. Und ich habe es satt, der ‹Scheiss-Deutsche› zu sein.» Woher diese Bissigkeit kommt, kann er nicht sagen. «Vielleicht liegt es am Konkurrenzdruck, denn irgendwie sind wir ja alle ersetzbar. Das gehört zu den Nachteilen als Temporärer.»

Käse, Versicherungen und Fisch

Daniel zahlt 500 Franken für sein Zimmer in Wittenbach. Der gelernte Industriekaufmann arbeitet mit Unterbrüchen seit insgesamt elf Jahren in der Schweiz. Das erste Mal gekommen ist er mit Anfang 20. Nach der Ausbildung fand er keine Arbeit in Sachsen, also ist er spontan mit seinem Cousin mitgefahren, der einen Job in der Schweiz hatte. Am Freitag konnte Daniel probearbeiten, am Montag darauf anfangen: in der Lebensmittelproduktion. Er hat Käse verarbeitet in einer St.Galler Fabrik, drei Jahre lang, nach neun Monaten war er stellvertretender Betriebsleiter. Die Arbeit habe ihm sehr gut gefallen, sagt er, aber die Firma wurde verkauft und er verlor seine Anstellung. Danach folgten ein Job bei einem anderen Käseproduzenten für neun Monate und eine Anstellung als Sachbearbeiter bei einer grossen Schweizer Versicherung während knapp fünf Jahren.

Seine Frau kennt Daniel aus seiner Jugend. Seit zehn Jahren sind sie ein Paar, seit sieben Jahren ein Ehepaar. Die gelernte Bürokau rau hat ebenfalls fünf Jahre lang in der Schweiz gelebt und gearbeitet, der gemeinsame Sohn kam in St.Gallen zur Welt. 2013 ist die Familie nach Deutschland zurückgegangen, in ihre alte Heimat, «einem kleinen Ort zwischen Dresden und Leipzig».

Für Daniels Frau ein Glücksfall, für ihn «eine scheiss Zeit», wie er sagt. Sie habe sich damals zwischen vier Jobangeboten entscheiden können, er habe mehrere hundert Bewerbungen verschickt, erfolglos. Irgendwann hörte er auf zu zählen. Ihm sei «einfach die Decke auf den Kopf gefallen». Darum hat er im Herbst 2014 wieder angefangen, sich in der Schweiz zu bewerben – heimlich.

Schliesslich wurde er doch noch fündig in Sachsen. Für kurze Zeit arbeitete er als Produktionsleiter in einem Fischverarbeitungsbetrieb. Doch dann plagte ihn eine Rückenverletzung und er wurde rausgeschmissen, noch während der Probezeit, die in Deutschland bis zu sechs Monate dauern kann. Im Nachhinein war das aber «ganz okay», sagt er, denn sein Chef habe die Belegschaft – vor allem ältere Frauen, die kaum mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben – zu Zwölfstunden-Schichten in der nass-kalten Fabrik verdonnert. «Das war nicht in Ordnung, aber niemand hat sich getraut, den Mund aufzumachen, weil ja alle auf den Job angewiesen waren. Der hat das voll ausgenutzt – in einer solchen Firma wollte ich ohnehin nicht bleiben.»

Deutschlands Osten sucht bald 30 Jahre nach der Wiedervereinigung wirtschaftlich immer noch den Anschluss an die restliche Bundesrepublik. Eines der Probleme sei das Lohndumping, erklärt Daniel. «Früher waren es viele Polen, die in den Osten kamen und für wenig Geld arbeiteten, heute sind es oft Ungarn, Ukrainer oder Rumänen.» Sie verdrängten die Einheimischen, die sich dann ihrerseits Arbeit in der Schweiz oder einem anderen europäischen Land Arbeit suchten. Das sei kein Vorwurf, betont er, sondern eine Feststellung. Ginge es nach ihm, müsste die Devise heissen: gleiches Geld für gleiche Arbeit – egal, welche Nationalität ein Arbeitnehmer hat. Auch in der Schweiz.

Bloss nicht ans Fliessband

«Hätte ich einen Bürojob in der Region Leipzig-Dresden, müsste ich einen Arbeitsweg von 70 oder 80 Kilometern in Kauf nehmen», erklärt Daniel, «dafür reicht ein deutscher Lohn einfach nicht.» In seinem ursprünglichen Beruf als Industriekaufmann würde er in Ostdeutschland etwa 1600 Euro brutto verdienen. Oder er könnte sich etwas in der Autoindustrie suchen, um besser über die Runden zu kommen. Am Fliessband. Aber das hiesse «morgens das Gehirn abgeben und abends wieder mitnehmen», und das will er nicht.

«Wenn man in Deutschland einigermassen gut leben will mit einem Kind, sollten beide Elternteile etwa 2000 Euro brutto verdienen», sagt er. «Alles wird teurer. In den Jahren, als unser Kleiner im Kindergarten war, wurden die Kosten dafür dreimal erhöht. Das Kindergeld von 200 Euro pro Monat reicht bei weitem nicht r das Essen und die Betreuung.»

Seit Oktober 2015 arbeitet Daniel also wieder in der Schweiz. Seine Frau ist in Deutschland geblieben. Zuerst fand er etwas im Gartenbau, 3800 Franken brutto. Nach zwei Jahren und etlichen Stunden Winterdienst auf Abruf hatte er die Schnauze voll. «Mein damaliger Chef wollte mich zwingen, den ganzen Winter über in der Schweiz zu bleiben, inklusive Wochenende, aber das machte ich nicht mit, sonst hätte ich meine Familie ja gar nicht mehr gesehen.» Seither arbeitet er als Temporärer im Metallbau für eine Firma aus der Region.

Den Job findet er «spannend, aber auch streng manchmal». Man lerne viel Neues, die Arbeit sei viefältig, trotzdem will er so schnell wie möglich wieder zurück in seinen ursprünglichen Beruf als Industriekaufmann. Abends begibt er sich darum oft auf Stellensuche – vor allem in der Ostschweiz.

Derzeit verdient Daniel 5500 Franken brutto, inklusive 13. Monatslohn und Feriengeld. Davon bleibt aber nicht allzu viel übrig, sagt er, denn er muss damit seine Kosten in der Schweiz und die seiner Familie in Deutschland decken. «Und die ganze Pendelei kostet ja auch Geld. Die Leute denken immer, wenn man in der Schweiz arbeitet, sei man reich – die goldene Schweiz! Aber viel bleibt da nicht hängen, denn man zahlt ja auch Steuern hier, Lebensmittel und Krankenkasse. Ein bisschen besser ist der Lebensstandard aber schon. Und man fühlt sich sicherer, wenn man weiss, wie man Ende Monat die Rechnungen bezahlt. So weiss ich meine Familie versorgt.»

Eine halbe Weltreise

Als Daniel das erste Mal in die Schweiz kam, war er frisch von zuhause ausgezogen und hatte noch kaum Verpflichtungen. Heute pendelt er für die Familie jedes Wochenende nach Sachsen und wieder zurück. Solange der Kleine noch in der Schule ist, wollen Daniel und seine Frau ihn nicht aus seinem Umfeld reissen.

Die Entscheidung, wieder in die Schweiz zu gehen, ist ihm alles andere als leicht gefallen. «Es war sehr schwer und hat uns einige schlaflose Nächte gekostet, auch ein paar Tränen. Wir hatten eine Krise, aber wir haben viel geredet und konnten sie überwinden. Mittlerweile haben wir uns ganz gut damit arrangiert.»

Je näher der Freitag, desto besser die Laune. Nicht nur bei Daniel. Schon Mitte Woche machen die Kumpels der Fahrgemeinschaft ab, wer am Wochenende hin- und zurückfährt. Die Treffpunkte sind meistens irgendwo in Autobahnnähe. «Schweizer schütteln manchmal den Kopf, wenn ich sage, dass ich jedes Wochenende 650 Kilometer heimfahre. Für euch ist das eine halbe Weltreise, für mich ist es Alltag, ich bin das mittlerweile gewohnt», sagt er und lacht. «Am Anfang war es schon gewöhnungsbedürftig. Auch heute ist es noch manchmal streng, je nachdem wie der Freitag auf der Arbeit gelaufen ist.»

Die Stunden im Auto seien jeweils ziemlich lustig, sagt er. Alle freuen sich auf zuhause. «Die, die keine Familie haben, setzen wir manchmal direkt an der Kneipe ab. Manche gehen kaum recht nach Hause am Wochenende, sondern feiern durch.» Daniel nicht. Er geht so schnell wie möglich heim zu seiner Familie – und geniesst die Zeit mit ihnen, bis er am Sonntagabend wieder losfährt Richtung Ostschweiz.

* Name der Redaktion bekannt.

Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

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