Die Angelegenheit könnte bis vor Bundesgericht gehen, droht einer der Kläger. Der Gegenstand der Auseinandersetzung: ein Trottoir am Spisertor in St.Gallen. Es soll erhöht werden, damit der Einstieg in die neuen längeren Züge der Appenzellerbahnen hindernisfrei auf der ganzen Zugslänge möglich ist. Gut für Rollstuhlfahrer, Kinderwagen, Velos und Krückengängerinnen. Schlecht für die Geschäfte, deren Parkplätze nicht mehr zu befahren wären. Ein Konflikt mit politischem Zündstoff, weil sich auch der Stadtrat gegen das Projekt wehrt, und mit der Tendenz zu Juristerei und Rechthaberei. Es ist das klassische Dilemma, das auf zahllosen gesellschaftlichen Reibungsfeldern existiert und besonders dort, wo «political correctness» das Sagen hat: Auf beiden Seiten gibt es gute Argumente, moralische Ansprüche, pragmatische Einwände und rasch einmal: Verletzlichkeiten.
Zugänglichkeit für alle, Inklusion, Barrierefreiheit: Das ist ein Minenfeld. Dieses Heft wagt sich hinein. Es handelt «Von Hindernissen» und im Untertitel von «Barrierefreiheit und Diversität». Falls Sie das bereits gelesen haben, beherrschen Sie offenbar die Braille-Blindenschrift – falls nicht, ist Ihnen auf dem Heftcover eine erste veritable Barriere begegnet, ein Hindernis nicht für Sehbehinderte, sondern für Normalbehinderte.
Im Zentrum dieses Hefttitels steht eine Erstpublikation: Auszüge aus dem jüngsten Buchprojekt des St.Galler Autors und Rollstuhlfahrers Christoph Keller Every Cripple a Superhero. Florian Vetsch hat die Auszüge eigens für Saiten übersetzt, Keller steuerte Fotos bei – wir freuen uns über diese publizistische Uraufführung und über die markanten Sätze, die darin zu finden sind, zum Beispiel dieser: «Hab ne Behinderung, bin keine.» Neben Keller kommen die Dirigentin Felicitas Gadient, der Aktivist Cem Kirmitizoprak, Sehberater Virgil Desax, HSG-Professor Nils Jent und Jacqueline B. zu Wort – Spezialisten allesamt. Zumindest dem einen kapitalen Punkt aller Gender-, Handicap-, Rassismus- und sonstigen Diversitäts-Debatten versuchen wir damit gerecht zu werden: «Nothing about us without us». Oder wie Jacqueline B. schreibt: «…dass wir Betroffenen die Einzigen sind, die kompetent über uns Auskunft geben können».
Ausserdem im Heft: Besuche in Lichtensteig, wo sich gerade ein mittleres Kulturentwicklungs-Wunder abspielt. Aktuelles aus Literatur, Theater, Kunst und Kino. Und der Bericht von einem, der ans Ziel gekommen ist.
Peter SurberP.S. Alle Texte dieses Titels werden Anfang Oktober online gestellt und damit nicht nur lesbar, sondern auch hörbar sein: barrierefrei auf saiten.ch.
Reaktionen/PositionenRedeplatz mit Bea WederStimmrecht von Muzaffer «Midi» MermerHerr Sutter sorgt sich… von Bernhard ThönyEvil Dad von Marcel MüllerInnensicht: St.Galler Restaurants: Am Gallusplatz und PerronnordMensch Meyer von Helga und Janine Meyer
Aus: Jeder Krüppel ein SuperheldErinnerungssplitter. Teil I, Teil II, Teil III.Von Christoph Keller und Florian Vetsch (Übersetzung)
Zur Not mit FlaschenzugFelicitas Gadient dirigiert den Kammerchor Wil im Rollstuhl.Von Bettina Kugler
Wir sind auch daCem Kirmizitoprak kämpft für eine Gesellschaft, in welcher alle dazugehören.Von Andri Bösch
BlindsurfingWie barrierefrei sind Websiten für Blinde und Sehbehinderte? Ein Crashtest.Von Virgil Desax
Aufklären! Mit stoischer Geduld!Nils Jent, HSG-Professor für Diversität und Inklusion, plädiert für Kompromisse statt Konfrontation. Das Interview.Von Peter Surber und Christoph Popp
Einerseits und andrerseitsChancengleichheit – Überlegungen zu einem gesellschaftlichen Minenfeld.Von Rolf Bossart
Dumm gelaufenGesundheit ist etwas, das man viel zu wenig schätzt. Bis man plötzlich aus dem Tritt geworfen wird.Von Corinne Riedener
Die Barrieren in den Köpfen der UndiagnostiziertenVon Jacqueline B.
Das Correctness-Quizvon Christoph Keller
Die Fotos im Titelthema stammen von Christoph Keller
Flaschenpost aus Venedig. von Maria Guta
Auf nach Lichtensteig!Das neue Rathaus für Kultur, die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Wirkstadt und das Interview mit Mathias Müller.Von Julia Kubik, Sascha Erni, Michael Hug und Soma Wonglamdab (Zeichnung)
Neue Bücher von Kettly Mars und Erich Hackl. Und ein Streit.Von Daniel Fuchs und Jochen Kelter
Clément Moreaus antifaschistische Kunst in einer Ausstellung.Von Richard Butz
Anja Kofmels aufrüttelnde Dokumentation Chris the Swiss.Von Adrian Lemmenmeier
Der Maler und Architekt Johannes Hugentobler – wiederentdeckt in Appenzell.Von Sibylle Zambon
Kulturparcours
Mixologie
2 Gedichte im Oktober
Kehl buchstabiert die OstschweizKellers GeschichtenKreuzweisewortePfahlbauerBoulevard
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.