«1968 ist der Name für eine sehr unerwartet aufgeflammte Epoche der niemals gesehenen Symbole, des unverhofften Rausches, der erschütterten Alltäglichkeiten – for the times they are achangin’.» So bilanziert der Philosoph Georg Kohler mit Bob Dylan als Zeuge das Schicksalsjahr 68, in einem Buch zur Berner Rebellion unter Laubengängen.
Und die 68er in der Ostschweiz? Im Mai 2018, 50 Jahre danach, ist in der Ostschweiz von Erinnerungskultur kaum etwas zu merken. Ausstellungen, Debatten, Kontroversen, eine Bilanz der gewaltigen Umbrüche von damals? Fehlanzeige. Allerdings: Die «neuen sozialen Bewegungen» der 60er- und 70er-Jahre hat bereits das 2016 als Neujahrsblatt des Historischen Vereins erschienene Buch Aufbruch weiträumig besichtigt.
Saiten will den Mai 2018 dennoch nicht einfach so unter den Teppich kehren. 50 Jahre danach lässt Corinne Riedener in diesem Heft eine generationenübergreifende Runde die damaligen Erfahrungen und heutigen Lebensgefühle diskutieren. Chris Schmid, Mann der ersten Stunde in der etwas verspätet zur Rebellion findenden Gallusstadt, erinnert an die Anfänge im «Kreis», dem längst ordentlich gentrifizierten Goliathquartier. Rolf Bossart liest Ueli Mäders ausholende Recherche über 68 und die Folgen, Ralph Hug bespricht das Buch über die «Wochenzeitung», das wirksamste Nach-68er-Medium. Jochen Kelter geisselt im Kulturteil die Ökonomisierung des Literaturbetriebs, 50 Jahre nachdem das Kursbuch 15 den «Tod der Literatur» verkündet hatte.
Und ohne Parolen für 2018 ff, illustriert von der jungen Zeichnerin Miriam Schöb, lassen wir 1968 nicht ziehen. Umso mehr, als die grossen Themen dieselben bleiben. Ein Kenner der Epoche, der Autor Wolfgang Kraushaar, bilanziert in einem neuen Reclambuch: «68 war in seinem Kern auch eine Freiheitsrevolte. Das Subjekt sollte von seinen als ‹bürgerlich› verstandenen Panzerungen aufgebrochen werden. Die Gesellschaft sollte nicht mehr durch eine kapitalistische Wirtschaftsordnung geprägt sein und alle Formen von Ausbeutung und neoimperialistischer Herrschaft hinter sich lassen. All das ist auch heute immer noch nicht überholt.»
Weiter im Heft: ein Blick ins Sarganserland, das als einziger Wahlkreis vor zwei Monaten den Theaterumbau in der weit weg liegenden Hauptstadt abgelehnt hat. Eine Reportage über das Kickboard und Edi Duarte, seinen Winterthurer Erfinder. Frauenrap. Und die grosse Hommage an Sprengmeister Roman Signer zum Achtzigsten.
Peter Surber
Reaktionen / PositionenRedeplatz mit Norbert MöslangHässig von Nadja KeuschHerr Sutter sorgt sich… von Bernhard ThönyEvil Dad von Marcel MüllerBlickwinkel von Daniel V. KellerMensch Meyer von Helga und Janine Meyer
«Man kann nicht die Globalisierung kritisieren, aber bei Amazon einkaufen»Vier Aktivistinnen und Aktivisten diskutieren über 68, die Folgebewegungen und darüber, was heute zu tun wäre.von Corinne Riedener
«Moskau einfach!»Chris Schmid erinnert sich an die Anfänge der Revolte in St.Gallen.notiert Von Roman Hertler
Ausbruch aus dem MalaiseZu Ueli Mäders Buch 68 – was bleibt? von Rolf Bossart
40 Jahre links denken, links schreibenStefan Howalds Geschichte der WOZ.von Ralph Hug
«Lohngleichheit jetzt!»Die (alten und neuen) Parolen für 2018.gezeichnet Von Miriam Schöb
Das Coverbild und die ganzseitigen Bilder im Titel zeigen Videoausschnitte von 1. Mai-Demonstrationen.
Wie Edi Duarte das Kickboard erfand – und ein anderer davon profitierte.von Tim Wirth
Wind und Wetter: Die Glaziologin und Meteorologin Rebecca Gugerli im Interview.von Cathrin Caprez
Sarganserland: Eine Region fühlt sich vernachlässigt.von Marion Loher
Flaschenpost aus dem Alpenhof.von Virginie Gauthier, Christof Nüssli, Jessie Kerspe und Justin Tyler Tate
Signersignale/Romanromane: Zum 80. von Roman Signer.von Christoph Keller
Aline Feichtingers Buch über Signers Aktion vor der Orangerie.von Peter Surber
Frauen-Rap: Im Mai kommen Flohio und Danitsa ins Palace.von Corinne Riedener
In den Gängen: Der neue Spielfilm von Thomas Stuber.von Frédéric Zwicker
50 Jahre nach 68: Tod der Literatur – eine Streitschrift.von Jochen Kelter
Lea Blochs Buch über das Leben von Kurt Bigler.von Peter Müller
Die Kellerbühne holt Hiltys Roman Parsifal auf die Bühne.von Daniel Fuchs
Kulturparcours
Mixologievon Niklaus Reichle und Philipp Grob
Zwei Gedichte im Maivon Claire Plassard und Florian Vetsch
Kehl buchstabiert die OstschweizKellers GeschichtenKreuzweisewortePfahlbauerBoulevard
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.