Es gibt diese Familie in Pratteln, eine Mutter mit zwei Kindern. Letztes Jahr sind sie aus dem Iran über die Balkanroute in die Schweiz geflüchtet. Weil sie der kurdischen Minderheit angehören, weil sie jahrelang vorgeben mussten, muslimisch zu glauben und zu leben, vor allem aber, weil der Vater desertiert ist, nachdem die iranische Armee von seiner Einheit verlangt hatte, mit dem syrischen Militär in den Kampf gegen Daesh zu ziehen. Seither sitzt er in Italien fest, die Familie ist auseinandergerissen. Wenn er und seine Tochter via Skype miteinander reden, machen sie das auf Persisch. Die Kinder können leider kein Kurdisch, hat uns die Mutter erklärt, denn im Iran sei diese Sprache verpönt. Offiziell verboten sei sie zwar nicht, aber es herrsche eine ideologische Unterdrückungspolitik.
So oder ähnlich geht es vielen Kurdinnen und Kurden. Einzig im Irak und in den autonomen Gebieten Syriens zählt Kurdisch zu den offiziellen Amtssprachen. In der Türkei zum Beispiel, wo die kurdische Bevölkerung mit fast 20 Prozent die grösste Minderheit darstellt, war ihre Sprache bis vor wenigen Jahren noch verboten. Mittlerweile darf zwar wieder Kurdisch gesprochen werden, allerdings nicht überall gefahrlos. Über einen rechtlichen Status, geschweige denn Bürgerrechte verfügt die kurdische Minderheit in der Türkei immer noch nicht.
Fragt man ein wenig herum, hört man so allerhand über «die Kurden»: «Alle sind sie in der PKK!» – «Eine Partei voller Mittelalterkommunisten ist das, viel zu autoritär.» – «Der Westen soll sich gefälligst mal bedanken, immerhin bekämpfen sie für ihn den IS.» – «Ständig sind sie am Demonstrieren, aber wogegen genau?» Diese Liste ist unvollständig, zeigt aber exemplarisch, wie holzschnittartig das Bild manchmal ist. Die schätzungsweise 30 Millionen Kurdinnen und Kurden auf dieser Welt sind keineswegs eine homogene Gruppe, auch wenn sie momentan zumindest eines gemeinsam haben: Seit Daesh sich im Nahen Osten eingenistet hat, stehen sie im Fokus der Weltöffentlichkeit.
Die Entwicklungen in Nahost, die Situation der Kurden und nicht zuletzt auch obige Liste waren es, die uns zu diesem Heft angeregt haben. Wir wollten mehr wissen über den Kampf für die Freiheit und dieses Kurdistan, das Karl May nie bereist hat – und dann war da auch noch der Putsch. Çetin Gürer kommentiert ihn für uns aus kurdischer Sicht. Alfred Hackensberger berichtet vom Kampf der Syrischen Demokratischen Kräfte, Cenk Bulut von der autonomen Föderation Rojava und Curdin Capol vom Alltag der kurdischen Fussballmannschaft Amedspor SK. Zwei kurdische Aktivisten aus St.Gallen sind uns Red und Antwort gestanden, eben so die Musikerfamilie Dogan und Schriftsteller Jusuf Yesilöz.
Ausserdem im Heft: Vier Seiten zum traurigen Jubiläum von 9/11, zwei auf schlussreiche Seiten über unseren sommerlichen Saiten-Trip ins Rheintal und ein vielseitiger Bücherherbst.
Corinne Riedener
Reaktionen/Positionen
Blickwinkel von Jiří MakovecStadtpunkt von Dani Fels EinspruchRedeplatz mit Jürg BläuerSchöne neue Stadt I+II
«Eine lasche Politik zu machen, ist in Kurdistan nicht möglich»Die kurdischen Aktivisten Zeynel Aslan und Metin Tekce im Interview.von Corinne Riedener
«Riechen Sie das? Mit Rosen hat das nichts zu tun.»Eine Reportage aus dem syrischkurdischen Kriegsgebiet.von Alfred Hackensberger
Ein HoffnungsschimmerDie autonome kurdische Föderation Rojava.von Cenk Bulut
«Her biji Azadi – Lang lebe die Freiheit»Der türkischkurdische Drittligist Amed SK.von Curdin Capol
Post-Putsch-Türkei: Quo vadis?Ein Kommentar von Çetin Gürer
Ararat und HundwilerhöchiEine Begegnung mit dem Autor und Filmer Yusuf Yesilöz.von Peter Surber
Kurdistan rocktDie Band der St.Galler Familie Dogan und ihre Protestsongs.von Peter Surber
Perspektiven
Flaschenpost aus Baltschik von Richard ButzVorarlbergThurgauSchaffhausenRapperswil-JonaStimmrecht von Yonas Gebrehiwet
Teil sieben unserer Besuche in der Agglo rund um Gross-St.Gallen: Provinzler international und Bars mit Charmevon Fréderic Zwicker und Corinne Riedener
Reflexe der Katastrophe im Tagebuch und in Essays.von Christoph Keller und Florian Vetsch
Bücherherbst: Neue Romane von Frédéric Zwicker, Lisa Elsässer und Annette Hug, Rom-Notate von Erica Engeler und Karl A. Fürer.von Claire Plassard, Peter Surber, Rainer Stöckli und Peter Müller
Stahlberger solo im Kristalltunnellvon Michael Felix Grieder
Das neue Bündner Kunstmuseum ist ein Wurf.von Ursula Badrutt
Frauenbande, Frauenbadi, Töne aus der Stillevon Corinne Riedener, Michael Felix Grieder und Peter SurberGilgi Guggenheims Museum der Leerevon Adrian Riklin
Schwarzaufweiss
Abgesang
Kehl buchstabiert die OstschweizKellers GeschichtenCharles Pfahlbauer jr.Boulevard
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.