Eine meiner schönsten Erinnerungen an Rorschach dreht sich um die Badhütte. Ich könnte stundenlang dort liegen und dem Wasser lauschen, wie es ums Floss schlackert, den Kopf im Horizont vergraben. Weniger gut in Erinnerung ist mir jene Nacht, die wir leidend über dem Klo verbracht haben, weil der Döner doch nicht ganz so frisch war, wie angepriesen. Besser wir hätten uns bei Nuri und Gül am Hafen einen geholt.
«Rorschach, Dönerstadt», titelte das «St.Galler Tagblatt» Mitte Mai. Eine Drittseklerin hatte sich durch alle Dönerbuden probiert und ihre Erkenntnisse in einem Kebab-Führer zusammengefasst. Weil Rorschach angeblich die höchste Dönerladen-Dichte hat. Ein Gerücht, das sich seit Jahren hartnäckig hält. So wie jenes, dass Rorschach die höchste Beizen-Dichte im Land hat – für mich zumindest den besten Griechen der Alpennordseite. Und mutmasslich eine der höchsten Dichten von Leuten ohne Stimmberechtigung.
«Problemkind am See», auch das hört man manchmal. Wenn überhaupt, müsste es Problemschwester heissen, denn wie die Stadt St.Gallen hat auch die Stadt Rorschach eine Zentrumsfunktion – mit den entsprechenden Lasten und einem stattlichen Speckgürtel rundherum. Die Bergler und Thalerinnen, Unteregger, Goldacherinnen und Tübacher jedenfalls profitieren oft und gerne vom Zentrum am See. Nur die Stadt am See, die wollen sie nicht.
Wieder andere bezeichnen Rorschach als «Charmefleck» – weil man ja auch ein bisschen stolz ist auf diese leicht verruchte Homebase so vieler Leute aus aller Welt. Viele, die in Rorschach aufgewachsen oder gross geworden sind, verbindet eine ewige Hassliebe zur nebligen Hafenstadt, nachzulesen im Text von Roman Elsener. Liebe vor allem, wenns um das Rorschach von Gestern geht. Oder um Handball.
Wie sieht das Rorschach von morgen aus? Der Chabisplatz tötelet. Ein wusliges Hafenareal bzw. einen klugen Plan für das Kornhaus gibt es immer noch nicht, aber im kleineren Massstab sei der Ort doch ziemlich in Bewegung, sagen Fachleute. Mehr dazu in den Beiträgen von Peter Surber und Frédéric Zwicker. Wenn Stadtpräsident Thomas «Mr. Aufwertung» Müller 2020 zurücktritt, wird er Rorschachs Gesicht massgeblich verändert haben, so viel steht fest. Ob seine Politik des Infrastrukturauf- und des Sozialabbaus nachhaltig ist, darf man getrost bezweifeln. Mit dem «Stadtwald», wo die drei Hochhäuser mit insgesamt 220 Wohnungen stehen, hat er sich zumindest ein städtebauliches Denkmal gesetzt. Bleibt abzuwarten, was aus dem Alcan-Areal wird. Oder aus dem Feldmühle-Quartier, dessen Geschichte Richard Lehner aufgearbeitet hat.
Rorschach ist ein weites Feld. Was ihn packte, als er an einer Wand «RoRschach» las, hat der Exilrorschacher Journalist Alois Bischof in einem melancholischen Text erzählt, publiziert posthum nach seinem frühen Tod 2015. Dort heisst es am Schluss: «Die Schrift an der Wand, und plötzlich war ich mir unsicher. Bin ich wirklich in Rorschach? Ich schritt in die Nacht. Wünschte mir, sozusagen als Beweis, den Geruch oder Gestank oder die Eindringlichkeit dieser Luft der Feldmühle – und, da bin ich mir sicher, hinten, im uralten Teil meines Gehirns, würden unzählige Erinnerungen auftauchen.»
Erinnerungen tauchen auch hier auf: vom Rorschacher Charles Pfahlbauer jr. und von der jungen Autorin Anna Stern – ihren Text finden Sie im Kulturteil. Ausserdem im Heft: viel Kunst, getarnte Werbung und eine Partei im freien Fall.
Corinne Riedener
Reaktionen/PositionenBlickwinkel von Wassili WidmerStimmrecht von Gülistan AslanRedeplatz mit Georges HanimannHerr Sutter sorgt sich… von Bernhard ThönyEvil Dad von Marcel Müller
Eine Stadt, die offen wäre für alle«Tour de Rorschach» mit Otmar Elsener und Esther Widmer.von Peter Surber
Wie ein Quartier Rorschach verändertDas Löwenquartier als «Projet urbain».von Frédéric Zwicker
1000m2 ZukunftRorschach entdeckt das Glück der Zwischennutzung.von Peter Surber
Sozialhilfe im «Detroit der Ostschweiz»Der Stadtpräsident und seine Sozialpolitik.von Andreas Kneubühler
Eine linke Hand reichtRorschach war einmal eine Handballstadt.von Corinne Riedener
Zwei Fische im WappenEine Suche nach der Fischerei in Rorschach.von Peter Müller
Gerstensaft vom OrdensträgerBraumeister Andreas Müller und sein Kornhausbräu.von Frédéric Zwicker
Der ruhende Koloss von Rorschach Das Feldmühle-Areal will neu genutzt werden.von Richard Lehner
Geliebtes, geschmähtes Rorschach Ein Auswanderer erinnert sich.von Roman Elsener
Die Bilder zum Titelthema stammen von Marco Kamber.
Flaschenpostvon Pascal Mülchi aus Bristol
Journalismus & WerbungWie Native Advertising funktioniert.von Corinne Riedener
Quo vadis CVP?Eine Spurensuche im dichten Nebel.von Markus Rohner
Das Buch zum Kulturkampf
S’isch Rorschachvon Anna Stern
Anna Sterns drittes Buch: Beim Auftauchen der Himmel.von Eva Bachmann
Wilma Lock und Susanna Kulli halten Rückschau.von Corinne Schatz
Vera Kappeler erinnert an den Künstler Andreas Walser.von Ursula Badrutt
Die IG Halle feiert: «Out of the Blue» in Rapperswil-Jona.von Kristin Schmidt
Parkplatzfest 2017: Aufwertung und Verdrängung.von Corinne Riedener
Kulturparcours – quer durch die Ostschweiz
Mixologievon Niklaus Reichle und Philipp Grob
Am Schalter im Juni: In the Jungle.
Kehl buchstabiert die OstschweizKellers GeschichtenPfahlbauerKreuzweiseworteBoulevard
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.