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Mixologie: Peyton Place Cocktail

Woher kommt eigentlich die Bar? Und welchen Zweck verfolgt sie? Das erklären ihnen unsere Mixologen Niklaus Reichle und Philipp Grob im dritten Text. Dazu ein Cocktail mit literarischem Anspruch.
Von  Gastbeitrag , 

Etymologisch betrachtet geht der Begriff «Bar» auf das Englische zurück und bedeutet soviel wie Querstange. In Kombination mit einem Tresen, den eben diese Stange umschliesst, bildet die Bar eine Barriere, die den Zweck verfolgt, die Gäste vom Wirt und dessen Alkoholika zu trennen.

Diese Schutzmassnahme hat durchaus ihre Berechtigung: In seinem Grossen Lehrbuch der Bar verortet Harry Schraemli die ursprüngliche Bar thematisch im Wilden Westen: «Wenn man bedenkt, welche Rowdies damals die Staaten ‹kolonisierten› und ‹kultivierten›, versteht man diese vorsorgliche Massnahme ohne weiteres.» Offenbar sass damals «das Messer nur lose in der Scheide, und ein paar Meter Abstand waren immerhin von Vorteil.» Gleichzeitig «war eine solche oft nur aus rohen Brettern verfertigte Barriere kein eigentlicher Schutz, denn ein Überspringen war leicht». Sie gab jedoch «dem Wirt Zeit genug, sich seinerseits vorzusehen.»

Peyton Place Cocktail:

Man gebe 2 dashes crème de Vanille, 2 dashes Cassis, 25mm Forbidden Fruit Bols, 25mm Williamine (Birnen-Branntwein) sowie 1 Eiweiss in den Shaker. In der Folge schüttle man gut und seihe das Ganze in ein grosses Cocktailglas ab, dessen Rand man zuvor befeuchtet und in Schokoladenpulver getaucht hat.

Die Schutzfunktion des Tresens ist mit der Zeit in den Hintergrund gerückt, wenn auch mancher Bartender noch heute froh sein dürfte, dass die Versuche des Gastes, im hoffnungslosen Zustand über den Tresen zu klettern, in der Regel am Barmöbel scheitern. Aus der «primitiven, aus rohen Brettern gezimmerten Taverne des Altertums» sind Orte geworden, die von namhaften Innenarchitekten geplant und in edlen Tropenhölzern gehalten dem Luxus und der Kultiviertheit frönen. Unter einem Picasso oder einem Chagall kredenzt man in der Zürcher Kronenhalle-Bar seinen Lady Killer und in der St.Galler Einstein-Bar weiss man sich nicht selten in Gesellschaft von illustren Persönlichkeiten.

Nein, die American Bar von heute versprüht keine Wildwest-Rauheit mehr, sondern will in der Regel etwas «Weltstädtisches» vermitteln. Dass unter der schicken Fassade meist eine trashige Wahrheit schlummert, wusste das Kollektiv Krönlihalle, das im Jahr 2015 im Welti-Furrer-Areal in Zürich West eine verkleinerte Kopie der Kronenhalle-Bar aus Latten, Pappe und aufgemöbelten IKEA-Hockern als Raum im Raum in einer ehemaligen LKW-Garage konzipierte. Die Kopie schien auf den ersten Blick täuschend echt. Doch bei genauerem Hinschauen erwies sich der Marmortisch als eine mit Klebefolie überzogene Imitation und die kostbar anmutende Wandverkleidung als billiges Holzimitat auf Wellkarton. Ähnlich wie sich im amerikanischen Roman Peyton Place von Grace Metalious (der offenbar als Inspiration für den hier vorgestellten Cocktail diente) unter der idyllischen Fassade des städtischen Alltags allerlei Unschönes verbirgt, hat auch die Bar stets mit dem Zwiespalt zwischen Schein und Sein zu hadern.

Harry Schraemli Cocktail Club, vierter Streich:
10. Juni, 20 Uhr, ehemalige Confiserie Pfund St.Gallen

Beruhigend bleibt zu wissen, dass am Ende der offensichtlichste Grund, in eine Bar zu gehen, über die Jahre derselbe geblieben ist, nämlich sich dem Alkohol hinzugeben und Menschen zu treffen. Und je fortgeschrittener die Zeit, desto eher drückt hin und wieder zwischen allem Luxus eine Idee von Verruchtheit, eine Note des ungestümen Wilden Westens durch die makellose Oberfläche.

Niklaus Reichle, 1986, und Philipp Grob, 1982, Sozialwissenschaftler und Bartender, arbeiten an einem Projekt zur Aufarbeitung der helvetischen Cocktailkultur.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter