, 29. Oktober 2018
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Flüchtlingskinder und Frauenstimmrecht

Dora Rittmeyer-Iselin (1902–1974), eine zentrale Persönlichkeit der St.Galler und Schweizer Frauenbewegung, erhält endlich eine eigene Biografie. von Peter Müller

Dora Rittmeyer-Iselin mit Sohn Heiner. (Bilder: Familienarchiv)

Schade, dass es auf YouTube keine Ton- oder Filmclips mit Dora Rittmeyer-Iselin gibt. Da könnte man ihr wenigstens ansatzweise «live» begegnen. Schade auch, dass sie offenbar keine autobiografischen Aufzeichnungen verfasst hat. Sie hätte mit Sicherheit viel Interessantes zu erzählen gehabt, nur schon über patriarchalische Strukturen, Männer-Netzwerke und männliches Autoritätsgehabe.

Aber solche Aufzeichnungen hätten wohl nicht zu Dora Rittmeyer-Iselin gepasst. Dafür war sie zu diskret, zu wenig selbstbezogen. Umso erfreulicher ist, dass es nun eine Biografie über sie gibt, die erste überhaupt, verfasst von der St.Galler Historikerin Marianne Jehle-Wildberger.

Von der Musikkritik zur Flüchtlingshilfe

Das 270 Seiten starke Buch ist eine lesenswerte Lektüre. Es erzählt das Leben einer bemerkenswerten Frau und ist gleichzeitig ein Gang durch die Flüchtlingshilfe im Zweiten Weltkrieg und durch 40 Jahre Frauenbewegung. In beidem hat sich Dora Rittmeyer-Iselin grosse Verdienste erworben.

Dabei beginnt ihre Biografie eigentlich ganz anders: Die Baslerin aus gutem Haus, eine Intellektuelle, studiert Musikwissenschaften, schreibt ihre Dissertation und wird 1929 Musikkritikerin in St.Gallen. Im selben Jahr heiratet sie den Juristen und Politiker Ludwig Rittmeyer, mit dem sie eine partnerschaftliche Ehe führen wird. 1932 wird sie als eine der ersten Frauen überhaupt Lehrbeauftragte an der Hochschule St.Gallen und hält musikwissenschaftliche Vorlesungen.

Ihr protestantisches Wertesystem und ihr eigenes Wesen führen sie dann in die Flüchtlingshilfe: Von 1936 bis 1948 ist sie Präsidentin der St.Galler Hilfe für Emigrantenkinder und kümmert sich – neben ihrer eigenen Familie – um hunderte von Emigrantenkindern. Es ist eine harte, oft frustrierende Arbeit, bei der sie viel über den Umgang mit Behörden, Institutionen und patriarchalisch-autoritäre Strukturen lernt. Ihr Mann kritisiert derweil öffentlich die offizielle Flüchtlingspolitik der Schweiz. 1942 fordert er im Nationalrat eine grosszügigere Aufnahmepraxis, was ihm viele Feinde macht – auch in der eigenen Partei, der FDP.

Die Macht behielten die Männer

Praktisch zeitgleich mit dem Kriegsende 1945 wendet sich Dora Rittmeyer-Iselin mit vollem Engagement der Frauenbewegung
zu und wird Präsidentin der Frauenzentrale St.Gallen. Auf sie und ihre Kolleginnen warten gewaltige Aufgaben. In der politischen, rechtlichen und beruflichen Gleichstellung der Frauen liegt vieles im Argen. Nach dem Aktivdienst kehren die Männer zurück und besetzen die alten Stellen, beharren auf der alten Macht. Die Frauen haben in den Kriegsjahren Enormes geleistet, jetzt sollen sie zurück an den Herd. Die Schweiz steht vor einer konservativen Zukunft.

Dora Rittmeyer-Iselin und ihre Frauenzentrale engagieren sich in verschiedensten Belangen: von der Volksgesundheit bis zur Situation der Hausangestellten, von der Lohngleichheit bis zur AHV. Das Hauptthema ist das Frauenstimmrecht. 1959 muss Dora Rittmeyer-Iselin erleben, wie auch die zweite Volksabstimmung darüber negativ ausgeht, im Kanton St.Gallen gibt es 80,7 Prozent Nein-Stimmen.

Biografin Marianne Jehle-Wildberger schreibt dazu: «Anders als beim sozialen Engagement hatte die Frauenzentrale unter Dora Rittmeyer trotz grossem Einsatz wenig Erfolg beim Kampf um die politische Gleichberechtigung. Es lag nicht an ihr und
ihrem Team, sondern an den Zeitumständen, dass nicht mehr zu erreichen war. Bewunderswert ist, dass sie sich nicht geschlagen gab.» Die Kraft für diese Arbeit lieferten ihr die Familie und der protestantische Glaube. Um so schmerzlicher trifft sie 1963 der Tod ihres Mannes.

1960 gibt Dora Rittmeyer-Iselin das Präsidum der St.Galler Frauenzentrale ab und engagiert sich nun unermüdlich für die Frauenbewegung auf der nationalen und europäischen Ebene. Marianne Jehle-Wildberger zeichnet sie als kluge und unpathetische Frau mit hoher Intelligenz und gesundem Menschenverstand, kommunikativem Talent, Empathie und politischem Gespür. Bemerkenswert auch das Zitat von Sohn Heiner Rittmeyer: «Gegen aussen konnte sie manchmal forsch wirken, war im Grunde aber überaus sensibel und hatte ein mitfühlendes Herz.»

Marianne Jehle-Wildberger: Wo bleibt die Rechtsgleichheit? Dora Rittmeyer- Iselin (1902–1974) und ihr Einsatz für Flüchtlinge und Frauen. Theologischer Verlag Zürich und Verlagsgenossenschaft St.Gallen 2018, Fr. 32.90

Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

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