Saiten: Im Juni wurdest du vom Kanton St.Gallen mit einem Werkbeitrag von 10’000 Franken ausgezeichnet. Was machst du mit diesem Geld?
Marina Widmer: Es fliesst in die Recherche und in das Grobkonzept zu unserer geplanten Ausstellung über die Ostschweizer Frauen- und Geschlechtergeschichte zwischen 1850 und etwa 1990. Diese will unser Archiv zusammen mit der IG Frau und Museum realisieren, am liebsten als Wanderausstellung mit dazugehöriger Publikation. 2021 soll sie eröffnet werden, anlässlich des Jubiläums von 50 Jahren Frauenstimmrecht in der Schweiz.
Wieso 1850, wieso nicht noch früher einhaken?
Je weiter zurück die Ereignisse liegen, desto weniger Material findet man, leider.
Was wird in eurer Ausstellung zu sehen sein?
Die konkreten Formen und Mittel stehen noch nicht fest, aber sie soll sicher auf der Höhe der Zeit sein und auch viel audiovisuelles Material enthalten. Geplant sind Portraits von einzelnen Frauen, Chronologien, aber auch verschiedene Themenblöcke. Das könnten der Kampf des Artemis-Geburtshauses um Geld sein, die politische Mitarbeit von Frauen vor der Einführung des Frauenstimmrechts, die Veränderung des Alltags von Frauen, das Thema Arbeit, das Leben von Migrantinnen in der Ostschweiz oder auch frauenspezifische Strafuntersuchungen, die es früher oft gab. Dazu existiert einiges an Material, etwa Anklagen wegen Kuppelei, Abtreibungen, Notzucht und anderer sogenannter Sittlichkeitsverbrechen.
Wie gehst du vor beim Durchforsten der Archive?
Ich freue mich sehr auf die Recherchearbeit. Bevor ich überhaupt in ein Archiv steige, besuche ich beispielsweise die Homepage des Bundesarchivs und schaue, was es dort konkret gibt zu St.Gallen. Erstaunlicherweise recht viel, wie ich festgestellt habe. Im Archiv der Gosteli-Stiftung hoffe ich auch einiges zu finden, ausserdem werde ich im Stadt- und im Staatsarchiv suchen, wobei vieles davon schon bei uns im Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte ist. Spannend ist es sicher auch, die vielen Interviews anzuschauen und auszuwählen.
Die männliche Geschichte ist ja massiv besser dokumentiert als die Geschichte der Frauen. Welches sind die Themen, die diesbezüglich noch nicht oder kaum erschlossen wurden?
Ein grosses Problem ist, dass die Leute oft Namen von historisch relevanten Männern kennen, aber keine Namen von Frauen. Weisst du zum Beispiel, welche Frau dafür gesorgt hat, dass das Frauenstimmrecht im St.Galler Kantonsrat dazumal überhaupt diskutiert wurde?
Sorry, keine Ahnung.
Das war Marie Huber-Blumberg. Sie war eine russische Ärztin und die Frau des damaligen SP-Kantonsrats und späteren Nationalrats Johannes Huber. 1963 ist sie in St.Gallen gestorben, wir haben ihren Nachlass bekommen, da gibt es viel zu lesen.
Wohin überall «wandert» eure Ausstellung?
Auch das ist noch unklar. Es sind ja ganz viele Leute an diesem Projekt beteiligt, da werden sicher noch viele Ideen zusammenkommen, auch inhaltliche. Den Auftakt werden wir im Historischen Museum in St.Gallen machen. Es gibt aber auch andere passende Orte in der Ostschweiz, wo Teile davon gezeigt werden können, etwa das Museum in Altstätten oder das Stadtmuseum in Rapperswil-Jona, wo wir letzten Frühling auch unsere Ausstellung «Ricordi e Stima» zur italienischen Migration zeigen durften.
Marina Widmer, 1956, ist Soziologin und Leiterin des Ostschweizer Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte. frauenarchivostschweiz.ch, ig-frauenmuseum.ch
Hast du persönliche Heldinnen oder Themen, die dir bei dieser Arbeit wichtig sind?
Ich wünsche mir, dass ganz bei vielen, ob jung oder alt, ob Mann oder Frau, nach dem Besuch unserer Ausstellung ein paar Frauennamen mehr präsent sind. Und dass junge Frauen ein bisschen anders auf die Geschichte schauen als jetzt, dass sie sehen, was alles geschehen ist in den letzten 100 Jahren. Dazu gehört auch, gewisse Themen wieder aufzugreifen, von denen man heute kaum mehr etwas weiss, zum Beispiel das sogenannte Doppelverdienertum.
Was soll das sein? Heute müssen wir ja in den meisten Fällen doppelt verdienen.
Das hat nichts mit der aktuellen Situation zu tun, sondern damit, dass beispielsweise Lehrerinnen, die verheiratet waren, in den Krisenjahren der 1930er ihren Arbeitsplatz verloren haben, weil sie sonst doppelt verdient hätten. Man hat also die Männer bevorzugt. In der ganzen Schweiz übrigens, nicht nur in St.Gallen. Ein anderes Beispiel ist der langwierige Kampf der Lehrerinnen, dass sie nicht nur bis zur dritten Klasse, sondern auch in der Mittel- und Oberstufe unterrichten dürfen. Heute wäre das ja nicht mehr denkbar, trotzdem dürfen diese Kämpfe nicht vergessen gehen.
Gibt es Ostschweizer Eigenheiten in der Frauengeschichte, abgesehen vom peinlichen Appenzell Innerrhoden, das frau 1990 zur Einführung des Frauenstimmrechts zwingen musste?
Es gibt auch positive Beispiele. Die Ostschweiz hatte immer sehr aktive Frauenbewegungen, alte und neue. Viele St.Gallerinnen haben auch schweizweit mitgearbeitet und Dinge bewegen können. Der erste Arbeiterinnenverein wurde in St.Gallen gegründet, dasselbe gilt für die erste Frauenzeitung, die etwas politisch war. Und es gab hier einen der ersten Damenschwimmclubs. Auch heute gibt es noch viele Frauenprojekte in St.Gallen.
Geht es euch vor allem um die politische Arbeit oder spielen auch die «Kulturtäterinnen» von früher eine Rolle bei der Ausstellung?
Bei den Portraits wird es sicher die eine oder andere Kulturschaffende dabei haben, aber das hängt noch stark von der Recherche ab. Auch in der Chronologiearbeit werden Künstlerinnen ein Thema sein, zum Beispiel in Sachen Anerkennungspreise. Diese gingen ja höchstens dann an eine Frau, wenn die Kulturkommission auch weibliche Mitglieder hatte, die zur Abwechslung mal eine Künstlerin vorgeschlagen haben.
Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten.
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