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Der Dank blieb bis heute aus

Sie schufteten für den Wohlstand in der Schweiz: Jetzt sagt ein Buch den italienischen Arbeiterinnen und Arbeitern «grazie». An der Buchpremiere ging es aber auch um die «neuen» Flüchtlinge und Migranten.
Von  Peter Surber , 

«Unsere Eltern haben uns etwas mitgegeben, das Eliteschulen oder Kulturreisen nicht lehren. Nämlich, dass man die Wahl hat, unbefriedigende Umstände hinter sich zu lassen, um – etwa in einem anderen Land – etwas Besseres zu suchen und das Beste daraus zu machen. Eine Freiheit, die sie für sich erarbeitet haben. Aber auch für uns. Wir sollten sie uns nicht  nehmen lassen. Und noch viel weniger anderen das Recht dazu absprechen.»

Das schreibt Larissa Alghisi Rubner, in der Schweiz geborene Italienerin der zweiten Generation, im Buch Grazie a voi. Der Dank gilt den Einwanderern der ersten Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz gekommen waren: «Heimweh hatten sie bestimmt», heisst es weiter im Text, «aber sie  waren voller Hoffnung. Ihr Aufbruch bedeutete Unabhängigkeit» – zum Beispiel für die Frauen, die ein eigenes Einkommen hatten und «später den Spagat zwischen Beruf und Erziehung meisterten».

Die erste Generation kommt in die Jahre

An der Vernissage des Buchs Grazie a voi am Freitag im Raum für Literatur in der St.Galler Hauptpost wähnte man sich in Italien. Und man sah viele ergraute Köpfe – die erste Einwanderergeneration ist in die Jahre gekommen, höchste Zeit, ihre Erinnerungen zu sammeln. Das hatte zuerst die Ausstellung Ricordi e stima (Erinnerungen und Wertschätzung) geleistet, im Frühling im Historischen und Völkerkundemuseum gezeigt. Und das leistet jetzt das im Limmatverlag erschienene Buch. Es versammelt die Fotos aus der Ausstellung und ergänzt sie um kurze Einführungstexte und persönliche Zeugnisse.

Grazie a voi. Fotografien zur italienischen Migration in der Schweiz, hrsg von Marina Widmer, Giuliano Alghisi, Fausto Tisato und Rolando Ferrarese, Limmat Verlag Zürich 2016, Fr. 49.90.

Für Mitherausgeber und Gestalter Fausto Tisato ist das Buch eine Hommage an die Elterngeneration (auch an seine eigene). Giuliano Alghisi, Präsident des Vereins Ricordi e stima, und der Leiter des Italienischen Kulturzentrums Rolanda Ferrarese sprachen ihrerseits als Mitherausgeber ein grosses «Grazie» an alle Beteiligten aus. Und Marina Widmer vom Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte, auch sie als Herausgeberin am Buch beteiligt, betonte, wie langwierig und oft schmerzhaft der Prozess war, bis aus Fremden Einheimische geworden waren.

Als «lebendes Beispiel» dafür erinnerte die neugewählte St.Galler Stadträtin Maria Pappa an den Transport des «Monumente Migrante» im März, zur Eröffnung der Ausstellung, vom St.Galler Bahnhof durch die Innenstadt: eine anstrengende Aktion, die für sie symbolisch war für den langen Weg bis zur heutigen Integration der italienischen Einwanderer.

«Unseliger Überfremdungsdiskurs»

Die Geschichte der italienischen Società sei denn auch mehr als historisch interessant, sondern brisant für die heutige Flüchtlings- und Migrationspolitik, sagte Marina Widmer: Es dürfe für heutige Migrantinnen und Migranten nicht mehr so lange dauern, wie damals bei den italienischen «Gastarbeitern».

Ausführlich erinnerte der Historiker Max Lemmenmeier an die politischen Kämpfe rund um die damals so genannte «Italienerfrage». Da war das Saisonnierstatut, das mit Arbeitern, aber nicht mit Menschen rechnete und dank dem die Wirtschaft konjunkturelle Schwankungen auf dem Buckel der Einwanderer austragen konnte. Und da waren die diversen «Überfremdungsinitiativen» der Sechziger- und Siebzigerjahre, die eine Begrenzung der Ausländerzahl anstrebten. Die Einwanderer wurden, so Lemmenmeier, zu  Sündenböcken und Wohlstands-Schmarotzern abgestempelt, man machte sie für die Zersiedlung und Umweltverschmutzung mitverantwortlich und sah die Identität der Schweiz bedroht.

Zwar wurden alle Initiativen abgelehnt (allerdings auch die spätere «Mitenand»-Initiative) – der «unselige Überfremdungs- und Identitätsdiskurs» sei aber bis heute in den Migrationsdebatten präsent.

Die offizielle Politik schweigt

Lemmenmeier zog eine zwiespältige Bilanz. Zum einen war die Leistung der Arbeiterinnen und Arbeiter aus Italien mit entscheidend für den Wohlstand hierzulande; ihnen wiederum bot die Arbeit in der Schweiz die Chance zum sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg. Zum andern bildete sich für lange Zeit eine Art Parallelgesellschaft; erst die zweite und inzwischen dritte Generation sei ganz hier «angekommen». Und schliesslich kritisierte Lemmenmeier: «Ein offizieller Dank der Politik für die grosse Leistung der Migrantinnen und Migranten fehlt noch immer.» Diesen, ergänzte Fausto Tisato, spreche jetzt dafür das Buch aus: Grazie a voi.

Bild: Nach der Arbeit das Sonntagsvergnügen: Junge Italienerinnen und Italiener bei den Weihern, St.Gallen um 1950. (Bild: aus dem Buch Grazie a voi)

FC St.Gal­len vs. FC Lu­ga­no 5:0 – St.Gal­len de­klas­siert ein de­zi­mier­tes Lu­ga­no

Der FC St.Gal­len nützt ei­ne frü­he ro­te Kar­te ge­gen Lu­ga­no gna­den­los aus und schickt den bis­her so sou­ve­rä­nen Lea­der gleich mit 5:0 nach Hau­se. Ein denk­wür­di­ger Nach­mit­tag zum Nach­le­sen hier im SENF-Ti­cker.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Bücherherbst

Vom Fest­hal­ten und los­las­sen

Von Karsten Redmann,
Alles in allem taschenbuch julia trachsel

Die Er­de ist nicht ge­nug

Das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len er­öff­net Mit­te No­vem­ber zum zehn­jäh­ri­gen Be­stehen sei­nes Neu­baus den Aus­stel­lungs­be­reich «Mensch und Uni­ver­sum». Zwi­schen Kli­ma­kri­se und Ster­nen­him­mel geht es um ei­ne ziem­lich gros­se Fra­ge: Wo ste­hen wir ei­gent­lich?

Von Philipp Bürkler,
Naturmuseum Mensch und Universum Niklas Thalmann

Ein ziem­lich ab­ge­fah­re­nes Ding

Seit zehn Jah­ren gibt es die Re­si­den­cy in der Bi­blio­thek An­dre­as Züst im Al­pen­hof, die­sem so schwer zu fas­sen­den Ort in In­ner­rho­den. Der run­de Ge­burts­tag wird nun mit ei­nem viel­fäl­ti­gen Fes­ti­val ge­fei­ert.

Von Hanspeter Spörri,
Alpenhof bibliothek andreas zuest residency

Ein künst­le­ri­sches Ge­ne­ra­tio­nen­tref­fen

Be­vor die Kunst­hal­le St.Gal­len im De­zem­ber we­gen Um­bau­ar­bei­ten vor­aus­sicht­lich bis April 2027 schliesst, dreht sie noch­mals voll auf. In der Aus­stel­lung «House of Ch­an­ge: Pre-Con­s­truc­tion-Warm-Up-Ga­lo­re» prä­sen­tiert sie im lau­fen­den Mo­nat ein dich­tes, bun­tes Pro­gramm an Kunst und Kul­tur.

Von Larisa Baumann,
House of change larisa baumann 1

Zwi­schen Kunst und Kör­per 

In der Aus­stel­lung «Smi­le ma­nia­cal­ly we’re ali­ve» ver­bin­det Ja­la Wa­hid schein­bar ge­trenn­te Wel­ten. Sie schlägt dar­in ei­ne Brü­cke zwi­schen Er­in­ne­rung, Emo­ti­on, Wis­sen­schaft und Po­li­tik. 

Von Sieglinde Wöhrer,
Jala Wahid Smile maniacally were alive Sieglinde Woehrer

Ver­ei­nig­te Kul­tur­sze­ne pro­tes­tiert ge­gen den Spar­ham­mer

Die er­neu­ten Spar­vor­schlä­ge der St.Gal­ler Re­gie­rung stos­sen auf brei­te Ab­leh­nung. Die Kul­tur­sze­ne so­li­da­ri­siert sich ge­gen die Ab­bau­plä­ne. Die Kul­tur­lob­by hat sich in Stel­lung ge­bracht. Obs hilft?

Von Roman Hertler,
2611 Kulturgelder gaffa rappenspalter 2 farbe

Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
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Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
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Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle