Kategorie
Autor:innen
Jahr

Zu viel Rückenwind für «Die göttliche Ordnung»

Petras Volpes Spielfilm bekam sieben Nominationen für den Schweizer Filmpreis. Etwas mehr Unversöhnlichkeit hätte der handwerklich gut gemachten Komödie gut getan.
Von  Andreas Kneubühler , 
Marie Leuenberger und Max Simonischek vor dem Dorfbrunnen in Trogen.

Die Ostschweiz als unverbrauchte filmische Landschaft: Das war 2013 Marcel Gislers Begründung für die Drehorte von Rosie. Im März startet in den Kinos erneut ein Film, der vor allen in der Ostschweiz gedreht wurde: Die göttliche Ordnung spielt in einem fiktiven Dorf, das sich wie ein filmisches Puzzle aus Schauplätzen in Trogen, aber auch in Appenzell, Gais, Heiden, Herisau, Hundwil, Flawil (der Hirschen in Oberglatt), Rehetobel oder Rorschach zusammensetzt.

Gesellschaftliche Kälte und Scheinmoral

Die Regisseurin stammt aus dem Kanton Aargau, arbeitet unter anderem in Berlin und hat bereits eine abwechslungsreiche Filmografie vorzuweisen: 2014 präsentierte sie mit Traumland ihren ersten Spielfilm. In der episodenhaften Geschichte geht es um eine junge Rumänin, die sich in Zürich auf dem Strassenstrich prostituiert. Fünf Jahre lang beschäftigte sich die Filmemacherin mit dem Thema, recherchierte viel im Milieu und liess auch Erfahrungen einfliessen, die sie selber bei einem Telefonsex-Nebenjob machte. Die Themen von Traumland sind gesellschaftliche Kälte und Scheinmoral. Viel Hoffnung findet Volpe in dieser Welt nicht. Danach schrieb sie das Drehbuch der Heidi-Verfilmung von Alain Gsponer. Die Produktion gilt als einer der erfolgreichsten Schweizer Filme und setzte im internationalen Markt Massstäbe (2,4 Millionen Eintritte).

Die göttliche Ordnung: ab 9. März in den Kinos

Nun bringt Volpe mit Die göttliche Ordnung die Geschichte um die Einführung des Frauenstimmrechts ins Kino. Sie macht aus diesem Stoff eine Komödie und nimmt eine leicht-ironische Erzählperspektive ein. Im Mittelpunkt der Handlung steht Nora Ruckstuhl (Marie Leuenberger), die unter dem Einfluss des 68er-Aufbruchs im ländlich-rückständigen Dorf zur Kämpferin für die politische Gleichstellung wird, damit andere ansteckt und am Schluss triumphiert. Handwerklich ist der Film gut gemacht: In der Ausstattung gibt es viel Liebe zum Detail, die Handlung wird mit Tempo vorangetrieben, es hat kaum Durchhänger, jede Szene ist in sich schlüssig.

60’000 Franken und Nominationen en masse

An den Solothurner Filmtagen bekam Die göttliche Ordnung viel Rückenwind: Vor der Premiere hielten Bundesrätin Simonetta Sommaruga und Festival-Direktorin Seraina Rohrer Reden mit starken Sätzen über die Gleichstellung. Ein paar Tage nach der Uraufführung folgte der Preissegen: der mit 60’000 Franken dotierte Prix de Soleure und gleich sieben Nominationen für den Schweizer Filmpreis (bester Film, bestes Drehbuch, beste Darstellerin, bester Darsteller und alle drei möglichen Nominationen für die beste Nebenrolle).

Das sagt viel über die aktuelle Schweizer Filmproduktion aus – aber eher wenig über die Qualität von Volpes Film. Die Produktion wurde zu sehr für ein breites Publikum konfektioniert. Zwar wird durchaus eindrücklich gezeigt, wie festgefügt diese Männerwelt damals war und wie wenig die Frauen zu sagen hatten. Doch allzu viel Beklemmung soll dann doch nicht aufkommen: Mit einem Gag, einer versöhnlichen Geste findet Volpe jeweils routiniert zurück zum leichten Grundton des Films.

Unnötige Verwicklungen

Das wäre nicht nötig gewesen, etwas mehr Traumland hätte dem Film gut getan. Dazu kommt, dass in der Handlung Themen berührt werden, die eigentlich keine Leichtigkeit vertragen – und die in dieser Ballung auch gar nicht nötig wären. Als ob die Atmosphäre von Unterdrückung nicht genügt hätte, wird auch noch eine Frau von ihrem Mann geschlagen und ein Teenager administrativ versorgt. Und als sich ein patriarchales Rollkommando aufmacht, um die Frauen zurück an den Herd zu zwingen, wird daraus ein gewalttätiger Überfall. Volpe lässt die dadurch ausgelösten Gefühle von Demütigung, Machtlosigkeit oder Zorn nicht stehen, sondern lenkt mit einem inszenatorischen Einfall ab.

Selbstredend löst sich am Schluss alles in Harmonie auf. Das entspricht allerdings der historischen Wahrheit: Am 7. Februar 1971 wurde das Frauenstimmrecht auf eidgenössischer Ebene mit 65,7 Prozent Ja-Stimmen eingeführt, nachdem 1959 ein erster Anlauf noch am Nein der Männer gescheitert war.

 

Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Sands Murray Wassink 1996

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149

Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
Peter Kamm Kunst am Bau Erweiterungsbau Paedagogische Hochschule Kreuzlingen

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights