Gedreht wurde fast nur in der Ostschweiz – in Trogen, Appenzell, Gais, Herisau, Flawil oder in einem Coiffeursalon in St Gallen. Den Anfang aber machen Symbolbilder der 68er-Bewegung, wie sie auch von «10vor10» immer wieder gerne gezeigt werden. Sie sagen: Summer of Love. Peace. Happiness. Aber auch: Women’s Liberation.
Dann der harte Schnitt und wir sind unverkennbar im winterlichen Trogen. Aber eigentlich doch nicht. Denn Trogen dient nur dem Lokalkolorit und steht – eher unverdient – exemplarisch für ein rückständiges, ländlich-bäuerliches Dorf in der Deutschschweiz der 1970er-Jahre. Dort ist alles wie schon immer: Die Frauen gehören an den Herd, die Männer an die Arbeit. Die göttliche Ordnung eben. Der hässige Patriarch in seinen Finken liest den «Blick» und holt sich selber kein Bier aus dem Kühlschrank. Wofür hat er eine Schwiegertochter?
Die Bösen und die Guten
Es gibt viele Varianten, wie man den langen politischen Kampf der Frauen in der Schweiz um das Stimm- und Wahlrecht verfilmen könnte. Petra Volpe (Traumland, Drehbuch der erfolgreichen Heidi-Verfilmung) hat sich für eine Komödie nach skandinavischem Muster entschieden, die auch auf dem internationalen Filmmarkt bestehen soll – und daraus ergibt sich alles weitere.
Beispielsweise, dass die Figuren eher holzschnittartig gezeichnet sind. Da gibt es den nicht unleidigen Ehemann, der aber zu angepasst ist. Ein anderer ist unglücklich, redet nicht darüber und schlägt seine Frau. Die sprücheklopfenden Frauenverachter kommen vor. Die Teenager-Tochter, die einen Rocker liebt, wird administrativ verwahrt. Die Gegnerin des Frauenstimmrechts hat einen verkniffenen Mund und steht der Vormundschaftsbehörde vor.
Auf der Seite der Guten steht die aufmüpfige Alte. Wenn Stephanie Glaser noch leben würde, wäre das ihre Rolle. Aber Sibylle Brunner (Marcel Gislers Rosie) machte das eher noch besser. Die Hauptfigur Nora Ruckstuhl, gespielt von Marie Leuenberger, holt in wenigen szenischen Einstellungen die ganze Emanzipationsgeschichte und die sexuelle Revolution nach. Sie liest Betty Friedan und das Eherecht, und schon bald nimmt sie an einer Frauen-Demo in Zürich teil.
Es gibt eine Szene am Anfang des Films, in der Nora gefilmt wird, wie sie mit dem Velo fährt, allem davonfährt. Die Kamera fängt für wenige Momente das Gefühl von Freiheit und Autonomie ein. Das dauert, bis sie ihr Ziel erreicht: den Hof, in dem die Grossfamilie im Unfrieden aufeinanderhockt und es keine andere Welt zu geben scheint als diejenige von gestern und vorgestern.
Vordergrund mit Hintersinn
Auch wenn Volpe die aufgebaute Beklemmung regelmässig und manchmal etwas gar routiniert mit einem Gag auflöst und so bei der Premiere in Solothurn immer wieder Lacher abholt, löst sich das Thema des Films dann doch nicht in Harmlosigkeit auf.
Haften bleibt das Bild einer Schweiz, in der die Frauen bis 1971 rechtlich Menschen zweiter Klasse waren. «Sie konnten nicht abstimmen oder wählen, sie konnten nicht einmal selber einen Kühlschrank kaufen»: Daran erinnerte Bundesrätin Simonetta Sommaruga in ihrer Eröffnungsrede kurz vor der Premiere.
Volpe zeigt Nora in Aussenaufnahmen, wie sie das damals durchaus übliche Kopftuch trägt. Einer ihrer ersten Emanzipationsschritte ist es, das Haar offen zu tragen. Ihr Gatte verbietet ihr, eine Teilzeitarbeit anzunehmen: Dann sei sie immer mit anderen Männern zusammen, argumentiert er unter anderem.
Den gedanklichen Sprung zu den aktuellen politischen Auseinandersetzungen um die Lebensweise einiger hier lebender konservativer Moslems überlässt die Regisseurin ihrem Publikum. Sie legt aber die Spuren so deutlich, dass man von geplantem Hintersinn ausgehen muss. Diese zweite Ebene, das angeschlagene Tempo und die stringente Handlung sind die Stärken des Films.
Frauenpower anno dazumal.
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