«Der Klimawandel ist in vielerlei Hinsicht eine unterschätzte, bislang sogar weitgehend unbegriffene soziale Gefahr – und gegenwärtig ist nicht einmal klar, ob demokratische Gesellschaften überhaupt in der Lage sind, jene Umsteuerungen in Gang zu setzen, die die Abwendung der Gefahr – beziehungsweise die Anpassung an ihre Folgen – zwingend erfordern.» Was der Philosoph Harald Welzer, Vordenker einer ökologischen Wende, im Buch Klima-Kulturen so formuliert, klingt einigermassen alarmiert: Es könnte eine negative Dynamik eintreten, «hinter der Wahrnehmungs-, Deutungs- und Problemlösungsformen, die sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte herausgebildet haben, nur nachhinken können».
Andere sagen es direkter: «Reisst euch zusammen, die Erde steht in Flammen» stand auf dem Transparent, mit dem das Ostschweizer Klimakollektiv am 18. Februar im St.Galler Kantonsrat demonstrierte.
Das Thema drängt. Es hat eine Vehemenz in die öffentlichen Debatten gebracht, wie es sie zumindest hierzulande lange nicht mehr gegeben hat. Saiten nimmt die Diskussion auf. Corinne Riedener ist mit den «Klimajugendlichen» mitgegangen, und drei von ihnen, Gian Lüchinger, Anna Miotto und Moritz Rohner, denken laut über das Klima nach. Hanspeter Guggenbühl, Umweltjournalist der ersten Stunde, kommentiert die CO2-Debatten, daneben ziehen wir Parallelen zum Waldsterben vor 30 Jahren, reden vom Kampf gegen den Plastik und anderen löblichen Nachhaltigkeits-Initiativen, und Bettina Dyttrich liefert das 10-Punkte-Programm für den individuellen und kollektiven Klima-Wandel. Die schmelzenden Gletscher hat Tobias Siebrecht fotografiert.
«Wirklich bedrohlich an der Klimaerwärmung ist nicht die Hitze, sondern das grosse Hauen und Stechen, das losgehen könnte, wenn die Bedingungen noch unwirtlicher und die Ressourcen ernsthaft knapp werden. Entscheidend wird sein, dass sich genug Leute dem Recht des Stärkeren verweigern. Die Klima-Bewegung ist ein Ort, wo dieser Widerstand geübt werden kann», schreibt Bettina Dyttrich auf Seite 36.
Dieses Heft will denn auch nicht Weltuntergangsstimmung verbreiten. Sondern Hoffnung und Lust zum Aufbruch machen. So wie es das Ostschweizer Klimakollektiv vorlebt. Es hat immerhin an jenem 18. Februar in der St.Galler Pfalz mit dazu beigetragen, dass der gutbürgerliche Kanton St.Gallen jetzt mit einer Standesinitiative in Bern für eine Kerosin-Steuer auf Flugzeuge vorstellig wird, werden muss. Auch wenn damit noch keine Klimaerwärmung gestoppt ist, dämmert dank solchen Aktionen hoffentlich in immer mehr Köpfen die Einsicht: «Es gibt keinen Planet B».
Peter Surber
Reaktionen/PositionenRedeplatz mit Dan HungerbühlerStimmrecht von Eldar HasaniHerr Sutter sorgt sich… von Bernhard ThönyEvil Dad von Marcel MüllerInnensichten: Café StGall und LagerhausMensch Meyer von Helga und Janine Meyer
«Das ist nicht links, das ist Wissenschaft»Unterwegs mit der Klimajugend: auf der Strasse, an einer Diskussionsrunde und im Kantonsrat.von Corinne Riedener
Ein bisschen Konkurrenzdenken hilftvon Gian Lüchinger
Klimawandel? Systemwandel!von Moritz Rohner
Über die Hoffnungvon Anna Miotto
Wunsch und WirklichkeitDer Klimapolitik fehlt ein ökonomischer Hebel.von Hanspeter Guggenbühl
Das Waldsterben macht Pause – wie lange noch?Eine Erinnerung an die 80er-Jahre.von Harry Rosenbaum
No e Säckli?! – Nein danke!Was tun gegen den Plastik, den «Müll für die Ewigkeit?»von Peter Surber
Der grösste Feind ist der Zynismus. Und was jetzt geschehen muss: Zehn Punktevon Bettina Dyttrich
Flaschenpost aus Wadi Halfa.von Michael Hug
Ende der FreiheitWie ich in die Schweiz ging und lernte, die EU zu lieben.von Tanja Mokosch
Raiffeisen: der «Bankier der Barmherzigkeit» als Antisemit.Friedrich Wilhelm Raiffeisen hat sich mehrmals zu «den Juden» geäussert.von Hans Fässler
Martin Dislers «Umgebung der Liebe» in Chur.von Ursula Badrutt
Devil Dance: Das neue Album der Velvet Two Stripes.von Roman Hertler
Wortlaut 2019: Warmlesen vor dem Vorlesen.von Eva Bachmann
Wortemachen: Zum Gedenken an Werner Bucher.von Rainer Stöckli
Unser aller Wirt: Erinnerungen an Renaldo Matteo «Pitsch» Piccinin.von Andreas Niedermann
Tod eines Helden: Die Cie Buffpapier spielt «Falsh Gordon».von Peter Surber
Parcours
Das Gedicht im Märzvon Bastian Strotmann
Mixologievon Niklaus Reichle und Philipp Grob
Am Schalter im März: Ideen fürs Quartierklima
Abgesang
Kellers GeschichtenKreuzweisewortePfahlbauerBoulevard
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.