Die Szenerie hat etwas halb Gespenstisches, halb Skurriles. Im hinteren der beiden Proberäume wärmen sich die Wrestler aus Lausanne, Kurt Simmons und Elias Richter, für ihren Kampf auf, den sie gegen den Superhelden Falsh Gordon (Christophe Carrere) führen und mit tödlicher Sicherheit verlieren werden. Die Bretter des Gevierts ächzen und knallen, wenn sich die starken Männer ein ums andere Mal auf den Rücken legen. Währenddessen wird im vorderen Raum die Szene geprobt, in der der Held stirbt – was in der Welt der originalen Figur Flash Gordon und des Comic-Heldentums schon mal undenkbar wäre.
Das Ensemble intoniert mit Pauke, Tschinellen, Helikon, Trompeten und Gesang eine der grandiosesten Trauermusiken: den Introitus zur Funeral Music for the Death of Queen Mary von Henry Purcell aus dem Jahr 1695. Es läuft einem kalt den Rücken herab. Die Frauen (Angela Nieman, Viviane Borsos, Franziska Hoby) heulen herzerweichend, sie wollen es nicht glauben, «de Falsh isch doch unschterblich, ohni en goht d’Welt under», das Klagen schwillt immer mehr an, bis der Mann mit der Trompete, Leon Schaetti, die Klageprozession abbricht: «Es isch e Lüüg. E Lüüg. Di Mächtige hetted gern, dass er tot isch. Aber er wird zrugg cho.»
Der Gute gegen die Bösen
Die Cie Buffpapier probt ihr neues Stück, und aus Flash Gordon ist Falsh Gordon geworden. Das ist mehr als eine Buchstabenverdrehung. Stéphane Fratini, der das Stück ausgeheckt hat und Regie führt, hat sich mit dem in den 30er-Jahren von Alex Raymond erfundenen Comic-Helden zwar intensiv beschäftigt. Die Bücher mit den Reproduktionen der Originalcomics, ab 1934 in wöchentlichen Fortsetzungen in der Sonntagspresse erschienen, liegen auf einem Stapel im Proberaum.
Aber es geht ihm um mehr als ein Helden-Reenactment. «Wir spielen nicht die Geschichte nach», sagt Fratini und blättert durch den Comic: auf jeder Seite ein Kampf. Bei Buffpapier wird die Dauerprügelei des Originals auf einen zentralen Wrestling-Kampf konzentriert.
Christophe Carrere spielt den Guten.
Die Vorstellung vom Weltuntergang, von der Apokalypse ziehe sich durch fast die ganze Menschheitsgeschichte, und ebenso der Traum vom perfekten Retter, wie ihn Flash Gordon verkörpere, sagt Fratini. Falsh steht für das «Gute», die zwei «Apocalypse Fighters» für das «Böse». Beim Wrestling sei dabei nie ganz klar, was Show und was Ernst sei. Die Show-Idole verkörperten, wie die Comic-Helden, als eine Art Religions-Ersatz die Hoffnung auf Rettung und Seelenheil. Und zugleich ist Wrestling «Big Business». In den USA werden damit Millionen verdient. Im Stück von Buffpapier lädt das Unternehmen «Ming Entertainment» zum Kampf. Und auch hier ist die Fankultur ein zentraler Teil der Geschichte – «denn was wäre ein Held ohne seinen Fanclub», sagt Fratini.
Falsh Gordon: 13. bis 17. März, je 20.15 Uhr (Sonntag 18 Uhr), Palace St.Gallen
buffpapier.ch
Ein Macho-Stoff? Ja, schon, sagt Franziska Hoby, Co-Leiterin von Buffpapier und hier als Schauspielerin dabei – aber auf eine höchst ironische Weise. «Ich habe nicht gern moralische Stücke.» Das Publikum soll sich seinen eigenen Reim auf das Geschehen machen können. Auch Stéphane Fratini will alles daran setzen, «nicht in die pathetische Falle zu geraten». Bei der grotesken Ästhetik, wie sie Buffpapier pflegt, dürfte diese Gefahr allerdings klein sein. Darüber hinaus aber konstrastiert das Stück die Heldenstory mit der Geschichte des kurdischen Flüchtlings Ahmat Öyazar, die als Rahmen um Falsh Gordon gespannt wird.
«Die Wissenschaft überwindet alle Schwellen – sogar die Gefühle der Menschen», sagt Dr. Zarkov im Original-Flash-Gordon einmal. Der Wissenschaftsgläubigkeit von damals antwortet Buffpapier mit Heldenskepsis. Und mit einem Plädoyer nicht für die Macht des Stärkeren, sondern für die Stärkung von Freiheit und Demokratie.
Für einmal ein richtig «grosses» Stück
Bei der Probenarbeit wurde viel aus Improvisationen entwickelt – und dies dreisprachig. Die französisch-italienisch-schweizerische Truppe zählt 12 Köpfe, für eine Produktion im freien Theater aussergewöhnlich. Finanzierbar ist dies dank der auf zwei mal drei Jahre angelegten Schwerpunktförderung der Compagnie durch den Kanton St.Gallen. Sie dauert noch bis 2020, ermögliche zwar auch nur bescheidene Löhne, aber immerhin eine gesicherte Produktionszeit, in diesem Fall von rund drei Monaten, sagt Fratini.
Schwieriger sehe es mit Auftrittsorten aus – wiederum wegen der Grösse, aber auch, weil die Kunst der Buffpapiers zwi- schen die üblichen Schubladen von Theater, Tanz, Zirkus oder Performance falle. Falsh Gordon ist bisher in St.Gallen im Palace und im Tojo Theater in der Reithalle Bern geplant.
Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.
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