«Väterlicherseits eine Wildhauserin und von der Mutter her aus dem alten Geschlecht der Stauffacher stammend, darf ich mit gutem Recht behaupten, eine echte Schweizerin zu sein. Und dieses Recht nehme ich für mich in Anspruch, um wieder einmal klar und deutlich zu sagen, dass wir Schweizerfrauen das Stimmrecht gar nicht begehren.» Das schreibt F. K.-Sch. in einem Leserinnenbrief, abgedruckt in der «Ostschweiz» am 24. September 1970. Drei Tage später wurde die fakultative Einführung des Frauenstimmrechts auf Gemeindeebene im Kanton St.Gallen mit 52,7 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt.
Im Vorfeld dieser Abstimmung wurde ein überparteiliches «Aktionskomitee gegen die Verpolitisierung der Frau» gegründet, in dessen Vorstand auch ein Sozialdemokrat sass. Die Mehrzahl der Frauen wolle das Frauenstimmrecht gar nicht, meinten die Herrschaften einhellig mit der «Stauffacherin». Weil damit nicht nur das Stimmrecht, sondern auch die Stimmpflicht und der Amtszwang verbunden sei – «also eine glatte Vergewaltigung der Frau».
Zum Glück – und vor allem dank all unseren Vorkämpferinnen – haben sich die Zeiten geändert. Frauen dürfen mittlerweile abstimmen, arbeiten, abtreiben. Mehr noch: Im Geschichtsunterricht wird regelmässig über starke Frauen gesprochen, die Männer übernehmen ihre Hälfte der Care-Arbeit, Sexismus und sexuelle Gewalt gehören der Vergangenheit an, die binären Genderkonstrukte sind eingerissen und die Frauen haben den gleichen Lohn bei gleicher Arbeit. Kleiner Scherz. So weit sind wir leider noch nicht. Darum streiken die Frauen in der Schweiz am 14. Juni. Nach 28 Jahren zum zweiten Mal.
In diesem Heft blicken wir zurück auf den ersten Frauenstreik von 1991, wir sprechen mit vier Frauen aus dem heutigen St.Galler Streikkomitee und mit einer Aktivistin, die geflüchteten Frauen Tanzunterricht gibt. Anna Rosenwasser erklärt, warum auch die Lesben, Bisexuellen und Queers streiken müssen und Veronika Fischer, warum sie lieber in Deutschland Mutter ist als in der Schweiz. Fotografiert hat Tine Edel. Und weil wir Frauen (und natürlich auch die geschätzten Saiten-Männer) es uns gewohnt sind, immer noch ein bisschen Extra-Arbeit zu leisten, gibt es in diesem Heft ein Poster zum Aufhängen, Verschicken oder wild Plakatieren. Die Illustration ist von Arion Gastpar, der Text vom queer-feministischen Kollektiv «Die Leiden der jungen Bertha*».
Dass wir immer noch ein lästiges Stück Arbeit vor uns haben, zeigt unter anderem auch dieser «nette» Ratschlag, gefunden in der Juniausgabe des Magazins «Frau im Leben»: «Lächeln Sie jeden an, der Ihnen entgegenkommt. Einfach so. Sie können sicher sein, dass jeder sich darüber freut.» Grund Nr. 2583, warum derartige Publikationen ruhig an der Medienkrise kaputtgehen können.
Ausserdem im Juni: Palästina, Tel Aviv-Jaffa, Klanghaus, HSG-Erweiterung, neue Bücher, alte Linke und Neue Rechte.
Corinne Riedener
Reaktionen/PositionenIn eigener Sache: Der ProzessRedeplatz mit Matthias Fässler und Johannes RickliStimmrecht von Farida FerecliNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan RutishauserInnensichten: Klubhaus und LokHier und dort I und II
Am 14. Juni streiken die Frauen in der Schweiz nach 28 Jahren zum zweiten Mal. Wie und warum, das erklären vier Frauen vom St.Galler Streikkomitee.
Von Corinne Riedener und Tine Edel (Bilder)
Bettina Castaño tanzt mit Frauen in Flüchtlingscamps und mit Mädchen in einem Heim für Opfer sexueller Misshandlungen.Von Roman Hertler
Der Frauenstreik 1991 in der Ostschweiz: Dokumente aus dem Frauenarchiv und Erinnerungen von damaligen Streikfrauen.Von Peter Surber
Lohngleichheit jetzt? Schön wärs! Noch immer hinken die Frauenlöhne jenen der Männer hinterher – um fast 20 Prozent.Von Corinne Riedener
Vom Heiraten bis zum Fetisch: Weshalb auch Lesben, Bisexuelle und Queers streiken sollten am 14. Juni.Von Anna Rosenwasser
In Deutschland ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser gewährleistet als in der Schweiz. Gleichberechtigung sieht trotzdem anders aus.Von Veronika Fischer
Wo die Mauer Alltag ist: Flaschenpost aus Palästina.Von Lika Nüssli
Ohne Glatzen, ohne Skrupel: die Neue Rechte.Von Corinne Riedener
Campus-Abstimmung: Das HSG-Nein von 1970.Von Roman Hertler
Klanghaus-Abstimmung: Das Interview mit Christian Zehnder.Von Peter Surber
Das Universum der Germaine Winterberg: eine Ausstellung im Thurgau.Von Brigitte Elsner-Heller
Eine Institution geht in Pension: Hommage an den Comedia-Mitgründer Pius Frey.Von Richard Butz
The Poet’s Coat: Englische Gedichte von Gabrielle Alioth in Fred Kurers Übersetzung.Von Florian Vetsch
Geglückte und vertane Möglichkeiten: Lisa Elsässers Erzählungen Erstaugust.Von Peter Surber
Tel Aviv-Jaffa: Das Jüdische Museum Hohenems widmet der «Weissen Stadt» am Mittelmeer eine Sonderausstellung.Von Roman Hertler
Das Autobuch zur Klimakrise: Walter Büchi holt das in Graubünden bis 1925 geltende Autoverbot in unsere Zeit.Von Daniel Klingenberg
Zerrissene Generation: Kurt Mettler wird nur 25 Jahre alt, doch sein Leben reicht für ein 1000-seitiges Buch.Von René Hornung
Dialoge im Kunst-Paradies: Thomas Struth zeigt eigene und fremde Werke in Vaduz.Von Kristin Schmidt
Verminte Seelen: Das Stück am Theater St.Gallen über die Administrative Zwangsversorgung.Von Peter Surber
Rechtskonservative Kinder und schwule Erpel: Liv Strömquists Comics über Genderverhältnisse.Von Veronika Fischer
Guggenloch, getanzte Heimaten, verstohlene Orte, Uustanzete im Exrex: der Kulturparcours
Abgesang
Kellers GeschichtenKreuzweisewortePfahlbauerComic von Julia Kubik
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.