«Du weisst, ich bin rechts, Babe, ey. Ich will, dass du jetzt hetzt, Babe. Scheiss auf den Rest, Babe. Wir machen ein Hetztape, ey, ey. Und die Scheisse macht dich ganz schön an. Ram, pam, pam. (…) Ich hetze und der Staat eskaliert. Niemand kann uns stoppen, viele habens schon probiert. (…) Kommt ein Nafri, geht es Ba-ba-ba-bam.»
Das singt Melanie Schmitz, ein Postergirl der Neuen Rechten bzw. der Identitären Bewegung, im Song Hetztape. Er soll eine Parodie auf Katja Krasavices relativ explitzites Werk Sextape sein, das mit über 28 Millionen Klicks zu den populärsten Deutschen «Rap»-Songs auf YouTube gehört. Christian Fuchs, Journalist und Mitautor des Buchs Das Netzwerk der Neuen Rechten, beginnt seine Lesung am Mittwoch im St.Galler Palace mit dem Hetztape-Video.
Das zeigt, dass die Neue Rechte, allen voran die Identitäre Bewegung (IB), nicht nur gerne Sprache und Techniken der Spontis übernimmt, also die linke Gegenkultur kapert, sondern längst auch die Popkultur für sich entdeckt hat, ähnlich wie die christlichen Fundis. Dass bei dieser Instrumentalisierung auch Rap eine Rolle spielt, ist eine neuere Entwicklung, denn traditionell spielen vor allem Metal und Folk in der Szene eine Rolle, also Musikstile, die nach Ansicht der Rechten «weiss» sind.
Rap ist so ziemlich das Gegenteil davon, trotzdem gibt es – seit etwa 2010 – auch rechte Protagonisten im Game. Beispielsweise MaKss Damage oder den identitären «Rapper» Komplott, dessen T-Shirt Melanie Schmitz im Video trägt. Er versucht mit martialischen Beats und Blut-und-Boden-Texten einen auf Gangsterrap zu machen.
Rap, rechte Influencer, niederschwellige YouTube-Kochsendungen, völkisch angehauchte Hipstermagazine, identitäre Kleiderlabels und Axtwerfen in der Freizeit (schaut euch mal das Insta-Profil von Alexander «Malenki» Kleine an): Das alles gehört mit zum Aufbau einer «patriotischen Parallelgesellschaft», erklärt Christian Fuchs im gut besuchten Palace – wobei dieser Begriff natürlich viel zu zahm ist.
Der neuen Rechten gehe es nicht etwa darum, am öffentlichen Diskurs teilzunehmen, sagt der Journalist. Es gehe vielmehr darum, wie der neurechte Verleger Götz Kubitschek in seinem Magazin «Sezession» einst schrieb, sich gerade nicht am Diskurs zu beteiligen und stattdessen das Ende der Konsensform herbeizuführen. Da plant man oddenbar eine «autoritäre Revolte».
Christian Fuchs, Paul Middelhoff: Das Netzwerk der Neuen Rechten: Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern. Rowohlt Verlag, 2019
Kubitschek ist einer der zentralen Player der neuen Rechten. Der Publizist und Verleger lebt mit seiner Frau und seinen sieben Kindern auf einer Art Rittergut in Schnellroda. Er ist Mitgründer einer rechten Denkfabrik, einer der Vordenker der Identitären Bewegung in Deutschland und führt den Antaios-Verlag, wo rechte Querulanten wie Schriftsteller Akif Pirinçci Unterschlupf finden. Fun Fact: Kubitschek und seine Frau siezen sich.
Zu seinen ideologischen Verbündeten gehören auch Pegida-Gründer Lutz Bachmann und der Journalist und Publizist Jürgen Elsässer. Früher verortete sich Elsässer im linken Spektrum, heute gibt er das rechte Boulevard-Magazin «Compact» heraus. Oder mit den Worten von Christian Fuchs: «Elsässer ist wie Roger Köppel, nur krasser.» Vierter im Bund der einflussreichen Neurechten und sozusagen ihr politischer Arm ist Hans-Thomas Tillschneider von der AfD.
Die «konservative Revolution» (nach Armin Mohler, geboren 1920 in Basel), die diese Männer anstreben, hat nicht viel gemeinsam mit den tumben Neonazis von früher. Die neuen Rechten grenzen sich bewusst ab vom Nationalsozialismus, erklärt Fuchs, «ideologisch und auch habituell. Heute tragen sie nicht mehr Springerstiefel und Glatze, sondern Sneakers und Undercut.» Und sie berufen sich unter anderem auf den marxistischen Philosophen Antonio Gramsci, der sagte, man müsse mit Subkultur den Mainstream infiltrieren und gesellschaftliche Nischen besetzen.
Wenn Fuchs von der Identitären Bewegung spricht, will er die Bewegung in Anführungszeichen verstanden wissen. «Weil sie gerne eine Bewegung wäre, aber es nicht wirklich ist.» Es gehe um allerhöchstens 500 Personen. Und doch wolle die «Bewegung» in die Mitte der Mehrheitsgesellschaft. Und schaffe das auch zum Teil, da die Neue Rechte von aussen als homogener Block wahrgenommen werde – was aber eine Fehleinschätzung sei. Die zwei kleinsten gemeinsamen Nenner von Pegida, AfD, Identitärer Bewegung und weiteren Splittergruppen: Antifeminismus und Islamfeindlichkeit.
Die Verstrickungen sind dennoch bemerkenswert – und reichen von Österreich über Ungarn, Russland oder Italien bis in die USA. Auch Schweizer Akteure spielen dabei eine Rolle, namentlich die PR-Agentur Goal AG von Alexander Segert mit Sitz in Andelfingen, zu deren Kunden auch die SVP gehört. Segert und seine Agentur sind verantwortlich für die Schäfli- und Minarettplakate der SVP und sollen eine zentrale Rolle gespielt haben bei der verdeckten Wahlkampfhilfe der AfD. Zusammen mit der WOZ hat Fuchs die Geldflüsse und Verstrickungen nachrecherchiert – hier mehr dazu.
Etwa 150 neurechte Organisationen gebe es derzeit im deutschsprachigen Raum, sagt Fuchs. Dazu gehören 62 Denkfabriken, zu denen er auch Burschenschaften, Stiftungen und Vereine zählt, 35 Medienerzeugnisse wie etwa das Hipstermagazin «Arcadi» oder das Magazin «Sezession», 14 Verlage, sechs Geldgeber und zwei Parteien. «Nur etwa 100 bis 150 Personen stecken hinter all diesen Organisationen», erklärt er. Trotzdem seien sie einigermassen wirkmächtig, unter anderem weil sie es schaffen, dass das Thema Migration die mediale Agenda dominiere.
Wie soll man mit dem neurechten Bodensatz umgehen, das ist die Frage. Wegignorieren geht nicht mehr, auch wenn die Szene gar nicht so gross ist, wie die Trauermärsche und Fackelzüge oder die Trollarmeen von Reconquista Germanica & Co. uns manchmal glauben machen wollen. Das neurechte Milieu tritt zu einem Kulturkampf an, es wäre fatal, zu denken, dass seine Protagonisten alles intellektuelle Tiefflieger sind, im Gegenteil: Viele sind bestens ausgebildet, sind Juristen, Geisteswissenschaftler, Ingenieure – was es umso trauriger macht.
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