Haben Sie sich auch schon gefragt, warum gewisse Parteien in der Schweiz mit Begriffen wie «kulturfremde Einwanderer» oder «nicht-europäische Kulturkreise» hantieren und wie diese im öffentlichen Diskurs salonfähig wurden? Wissen Sie, was mit «Assimilationsunfähigkeit» gemeint sein soll? Oder mit «nicht-schweizerischem Verhalten»?
Cenk Akdoganbulut ist diesen Fragen in seiner Masterarbeit «zur Konstruktion des Fremden im Rahmen der schweizerischen Überfremdungsinitiativen von 1970–2000» nachgegangen (hier mehr dazu). In einem ersten Schritt trug er die Argumente der Initianten in den Abstimmungskämpfen zusammen, danach analysierte er deren ideologische Prämissen und daran anknüpfend untersuchte er, was am «Fremden» und an der «Überfremdung» als problematisch angesehen wurde – und nach wie vor angesehen wird.
Biologistisch-rassistische Denkmuster
Der Philosoph und Historiker präsentiert eine leidige Geschichte. Nachdem die erste «Überfremdungsinitiative» der Demokratischen Partei der Schweiz in den 1960ern zurückgezogen wurde, witterte die Nationale Aktion 1970 ihre Chance und lancierte mit James Schwarzenbach die zweite Überfremdungsinitiative. «Die Initianten argumentierten dabei auch mit biologistisch-rassistischen Diskursmustern», schreibt Akdoganbulut über den Abstimmungskampf. «Sie gingen von biologischen Volks- und Rassekonzepten aus. Ausländer wurden ohne Unterschied als assimilationsunfähig charakterisiert.» Dieses Denkmuster habe die theoretische Basis für die Problematisierung der Einwanderung gelegt, denn es habe die Vorstellung genährt, dass die «Fremden» im Land auch noch Generationen später «fremd» bleiben würden.
Wäre die Schwarzenbach Initiative damals angenommen worden, hätten 300’000 bis 400’000 Menschen – vor allem Italienerinnen und Italiener – das Land verlassen müssen. In den Jahren danach wurden weitere Initiativen lanciert, aber allesamt abgelehnt. Die Überfremdungsbewegung verlor daraufhin an Schwung, hält Akdoganbulut fest, auch wegen personellen und parteilichen Zerwürfnissen.
Pronto: Am 23. März um 18 Uhr ist Cenk Akdoganbulut Schaltergast im Kulturkonsulat an der Frongartenstrasse 9 in St.Gallen. Er berichtet von seinen Forschungen und beantwortet Fragen zum Thema.
Über die letzte namentlich so bezeichnete «Überfremdungsinitiative» wurde 1988 abgestimmt. In dieser Zeit hat sich der Diskurs auf neue Schwerpunkte verlagert: «Die Asyl- und Flüchtlingsthematik wurde virulent.» Ferner, schreibt Akdoganbulut, sei eine Kulturalisierung der Debatte feststellbar. «Es war kaum mehr die Rede von Völkern, schon gar nicht mehr biologischen, sondern immer öfter von Kulturen.» Drittens habe man den Begriff «Überfremdung» vermehrt gemieden, möglicherweise als Reaktion auf die Abstimmungsniederlagen. «Der Begriff könnte eine negative Konnotation erhalten haben, die ihn mit der Schwarzenbach-Initiative und der damaligen extremen Polarisierung der Gesellschaft assoziierte.»
Hierarchisierung nach Herkunft
Auch 12 Jahre später, im Jahr 2000, wollten es die Initianten der «Initiative zur Regelung der Zuwanderung», auch 18%-Initiative genannt, vermeiden, «in der Nähe früherer Überfremdungsinitiativen verortet zu werden und bekundeten regelmässig ihre Distanz zu solchen Volksbegehren», schreibt der Historiker. Die personellen und argumentativen Überschneidungen hätten allerdings gezeigt, dass Philipp Müllers Initiative durchaus auch als Überfremdungsinitiative charakterisiert werden müsse. Einerseits, weil die Schweizer Demokraten, die Nachfolgepartei der Nationalen Aktion, sofort ihre Unterstützung zusicherten, andererseits, weil die Forderung identisch gewesen seien mit jenen der vorangegangenen «Überfremdungsinitiativen»: ein verfassungsmässig festgelegter Ausländerhöchstanteil. Und: Neu sollten auch Geflüchtete in den Ausländeranteil miteinbezogen werden.
Argumentativ blieb der Abstimmungskampf wie gehabt kulturalistisch. Man ging weiterhin von einer «Assimilationsunfähigkeit» aus – allerdings nicht mehr bei allen: Im Gegensatz zur Schwarzenbach-Initiative unterschied man nun europäische von nicht-europäischen «Kulturkreisen», schreibt Akdoganbulut. Dadurch habe man die Einwanderergruppen hierarchisiert; «kulturnahe», also europäische «Fremde» hätten als assimilationsfähig gegolten, anders als die nicht-europäischen, «kulturfernen» Einwanderer aus Jugoslawien, der Türkei und aus Afrika. «Während bei der Schwarzenbach-Initiative also keine Selektion innerhalb der Einwanderergruppen stattfand, formulierten die Initianten im Jahr 2000 eine auf die Herkunft abzielende Präferenz.»
Was in den 70ern den Italienerinnen und Italienern nachgesagt wurde, galt jetzt in ähnlicher Weise für die Asylsuchenden: Sie wurden pauschal als «unqualifiziert» gemäss ihrem sozio-ökonomischen Status beurteilt, hält Akdoganbulut fest. «Somit diente der Überfremdungsdiskurs auch der Ausgrenzung ausländischer Fremdarbeiter beziehungsweise der Privilegierung der einheimischen Arbeitnehmer. Ebenso wurden Kriminalität, insbesondere Drogendelinquenz mit Ausländern konnotiert. Unverändert geblieben ist die Charakterisierung der männlichen Einwanderer als Frauen belästigende, triebgesteuerte Ausländer.»
«Echte» Schweizer vs. «Papierlischweizer»
Auch die 18%-Initiative wurde – trotz anderslautenden Prognosen – abgelehnt. Was nicht heisst, dass heutzutage nicht mehr biologistisch und kulturalistisch argumentiert wird, siehe Thilo Sarazin, Marcel Toeltl und Konsorten. Das sieht auch Akdoganbulut so: Im Fazit seiner Arbeit verweist er etwa auf die im Schweizer Politdiskurs immer wieder hervorgeholte Unterscheidung zwischen Schweizern und «Papierlischweizern» oder zwischen Schweizern und «Eidgenossen».
Vor allem die Kulturalisierung von Ethnien und Religionen erfreue sich derzeit enormer medialer Präsenz, hält der Historiker zum Schluss fest. Forciert würden solche Diskurse durch rechtspopulistische Parteien, die sich «im Westen» im Aufwind befinden; «zu nennen wären insbesondere Front National, Pegida, AfD, die Identitären und nicht zuletzt Trump». Das betreffe auch die Diskurse hierzulande. «So ist zu erwarten, dass die Einwanderungs- und Ausländerpolitik auch in der Schweiz – vor allem nach der Annahme der sogenannten Masseneinwanderungsinitiative – nichts an Brisanz verlieren dürften.»
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.