Aus dem Anti-Globalisierungs-Bestseller Schwarzbuch Markenfirmen erfuhr man vor knapp 20 Jahren, dass es einen Rohstoff namens Coltan gibt, der für die Produktion heutiger Mobilephones notwendiger ist als das Turnen für die Produktion von Turnschuhen. Die weitere Information, die der Recherche über Markenfirmen entnommen werden kann, ist, dass der Bürgerkrieg im Kongo der grösste Krieg seit dem zweiten Weltkrieg war, würden die Millionen an Toten gezählt, und nicht die mediale Präsenz in Westeuropa.
Die Abwesenheit von vermittelnder Information dieser Art verschuldet noch immer, dass wir gegenüber Migrationsbewegungen kulturalistische und identitäre Konzepte fabulieren, die, wenn sie noch gut gemeint von Integration quasseln, in Tat und Wahrheit im besten Fall einen Tropfen jenseits des zu kühlenden heissen Steins ausmachen. Integration ist schon im hierarchischen Verhältnis zwischen Bauer und Kühen fast unmöglich zu definieren. Anarchische Zusammenarbeit, das gemeinsame Leben und die dafür notwendige, längst globale Frage der Sorge aber sind es sehr wohl.
Route unklar
Emmanuel Mbolela erlebte einige Länder der Welt, in denen er nun aktiv ist, aus dem Blickwinkel eines Flüchtenden mit Route unklar. Wie er selbst sagt, kam er bis zu Malis Norden und dem Grenzübertritt nach Algerien einigermassen durch, da er qua Hautfarbe nicht so sehr auffiel. Geographisch darüber, im Maghreb, dem einzigem Teil Afrikas, den wir inEuropa wie die Römer als einzigen grad noch kennen, erlebte der Autor Dinge, die mit «Horror» ein zu niedliches Wort finden würden, um zu beschreiben, was er als postkoloniale Widerwärtigkeit ausgehend nicht zuletzt von europäischen Mächten erleben musste. Die reiche Schweiz mit ihren Rohstofffirmen und Ausschaffungsrekorden und dem omnipräsenten Alltagsrassismus hat sich diesbezüglich auch mal an ihrer verkoksten Nase zu nehmen. Narzissmus ist die Sorge des Idioten.
Emmanuel Mbolela mit der französischen Ausgabe seines Buches.
Die zwar persönliche, aber genauso beispielhafte Geschichte eines in seiner Heimat verfolgten Menschen betont Mbolela nicht einmal. Kein Detail seiner «Reise», das er auf die Beschreibung seiner eigenen Geschichte reduzieren würde. Er spricht und rapportiert von Frauen, die auf dem gleichen Weg wie er waren, die aus dem Schlaf gerissen und mitten in der Nacht von Staatsdienern entführt wurden. Vergewaltigungen, Misshandlungen, Nötigungen – Gräuel, die Flüchtende am eigenen Leib und in unmittelbarer Nähe erleben.
Darüber zu sprechen kann nicht einfach sein, Mbolela tut es aber und er tut es bestimmt. Er erzählt von gefolterten Student*innen in der politischen Realität in der sogenannten Demokratischen Republik Kongo, dem Grund seiner Flucht. Er spricht von einer Brutalität, die ihren Ausgang im europäischen Kolonialismus hatte und wo kolonialistische Interessen zur Diskreditierung und Ermordung des Unabhängigkeitskämpfers Patrice Émery Lumumba und zur Stützung der nachfolgenden Regierungen verantwortlich zeichnen, es noch immer haben.
Die Ruhe des Aktivisten im Kampf
Die Ausbeutung von Menschen und Bodenschätzen zeigen die globalisierte Weltwirtschaft als Wirtschaftskrieg, der Linien ziehen lässt von folternden Schergen unter Kabila senior im Kongo bis zum vorsätzlich zelebrierten Rassismus reicher Länder wie der Schweiz. Mbolela, der Aktivist, der als studierter Ökonom in den Niederlanden trotzdem nur Prekärjobs machen konnte, zieht diese Linien im Vorbeigehen, bleibt aber nicht in der Rolle des Anklägers verhaften, sondern wird sofort konkret. Er, der erlebte wie Menschen «vergewaltigt, gefoltert und im Stich gelassen wurden», der Menschen hat sterben sehen, setzt ein Zeichen, das mit Adornos Spruch erklärt werden könnte, nachdem wir theoretische Pessimisten sein müssten, aber praktische Optimisten.
Geduldig wartet er am Dienstag im Palace alle paar Sätze auf die Übersetzung von Claude Braun. Mit der gleichen Ruhe setzt er seine Punkte. Es ist die Ruhe des Aktivisten im Kampf, in den Kämpfen um die vielen Dinge, die Geflüchtete erleben, dort, hier, unterwegs, überall. Dinge, die dringend, spezifisch, den jeweiligen Umständen entsprechend geändert werden müssen. Geografische Umstände wie die Wüste oder das Meer – in der Sahara geschähen noch schrecklichere Dinge als im Mittelmeer, erklärt Mbolela – und zuletzt lokale politische humanitäre Fragen, in Dörfern und Städten in Mali und Marokko zum Beispiel oder hierzulande, brauchen jeweils unterschiedliche Dinge. Gleich ist aber die Dringlichkeit.
Mbolela engagiert sich unter anderem für ein Frauenhaus in Rabat. Ein Safe-Space, eine Raststätte für geflüchtete Frauen, die anfänglich Frauen auf der Flucht helfen sollte, aber schnell klar wurde, dass Frauen, deren Flucht schon länger zurück liegt, den Ort genauso frequentieren, da auch sie wegen grausamsten Arbeitsbedingungen der Hilfe dringend bedürfen. (Spenden kann man hier, Vermerk «Rabat».)
In Sorge um die Sorge-Arbeiterinnen
Es ist die Globalisierung der Sorge-Arbeit auf zweierlei Ebenen: einerseits diejenige, die sich zeigt in der Ausbeutung geflüchteter Frauen in Care-Jobs in den Ankunftsländern, andererseits das darauf notwendige aktivistische Engagement, welches sich um die ausgebeuteten Sorge-Arbeiterinnen sorgt. Wilde, ungezähmte Sorge nennen das Manolo Callahan und Annie Paradise und beziehen sich dabei auf die zapatistische Erfahrung einer Sorge, die sich unterhalb des Staates organisiert, da Gesetze, Polizei und Sozialhilfe so häufig nur auf dem Papier für alle gleich da sind.
Ein lokales Beispiel für solche Sorge-Arbeit wäre das Solidaritätsnetz, das den Abend imPalace mit einer Suppenküche unterstützt. Ein anderes, das von der Aktivistin und Tessiner Abgeordneten Lisa Bosia Mirra vorgestellt wird, ist der Bainvegni Fugitivs Marsch, der zur Zeit zu Fuss durch die Schweiz führt, um Aufmerksamkeit für die Anliegen der Geflüchteten zu erreichen und diese in den entlegensten Unterkünften zu besuchen. Ein Sorge-Aktivismus also auch gegen Isolation und Einsamkeit. Und die vielen Engagements auf dem afrikanischen Festland, die unsere Hilfe brauchen könnten.
Was man von Emmanuel Mbolela lernen kann, ist die ungeheure Wichtigkeit von transnationaler Vernetzung, wie zum Beispiel derjenigen von Afrique Europe Interact. Wir müssen um einander wissen, von einander hören, uns zusammenschliessen, da wir einander helfen können, weil wir wissen – im Geiste Mbolelas, der seine Geschichte mit uns allen teilt –, dass eine andere Welt möglich ist, eine ohne Grenzgräuel und Rassismus.
Doch lese ich ein Buch, das diese realen Gräuel dokumentiert, wo ich doch den fiktionalen sonntäglichen Tatort manchmal kaum auszuhalte? Nach diesem Abend klar: Ja. Dies als Empfehlung. Wer Mbolela hat reden hören, weiss, der Autor übertreibt nicht. Das Unerträgliche, das er zu vermitteln genötigt ist, behandelt er mit Vorsicht, mit einem Respekt, der ihm als Betroffenen nicht abverlangt werden dürfte. Und doch sorgt er um andere, zieht die eigene Erfahrung hinzu, um anderen zu helfen, und spricht an gegen die Ignoranz, die als Europäer auch meine eigene ist.
Ein äusserst menschlicher Mensch, ist man versucht zu sagen. Aber es ist wie mit dem Gräuel, für das Unaussprechbare gibt es keine guten Worte. Und überhaupt: vergessen wir das Wort «Flüchtling». Hören wir stattdessen deren Geschichten zu von unserer gemeinsamen Welt. Mbolelas biographische Reportage über seinen Weg vom Kongo nach Europa gibt dazu eine Einführung, die zu sensibilisieren und in der allgemeinen Sprachlosigkeit Worte zu finden vermag.
Organisiert wurde die Lesereihe vom Europäischen Bürger*innenforum mit Unterstützung von Solidarité sans frontières, dem Solifonds und der Erfreulichen Universität.
Politische und moralische Realität gestehen Migrantinnen und Migranten vielerorts kein menschenwürdiges Leben zu – auch über die Schweiz hinaus. Die kürzlich gegründete Aktion «Zunder» will das ändern. Und beginnt damit in St.Gallen.
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.