Das Cahier africain ist ein Schulheft, in dem die Schicksale von 300 Kindern, Frauen und Männern aus der Zentralafrikanischen Republik dokumentiert sind. Es sind Überlebende, die in den Jahren 2002 bis 2003 Opfer von Söldnern wurden, welche der kongolesische Rebellenführer Jean-Pierre Bemba in die Zentralafrikanische Republik entsandte, um den dort amtierenden Präsidenten Ange-Félix Patassé bei der Niederschlagung eines Putschversuchs zu unterstützen. Dieses Heft bildete für die Schweizer Regisseurin Heidi Specogna den Ausgangspunkt für ihren Film.
Er verfolgt das Schicksal dreier Frauen in der Zentralafrikanischen Republik, die von gewaltsamen Wirren über Jahre hin und her geworfen werden. Da ist Arlette, die junge Christin, die an einer schmerzhaften Schussverletzung am Knie leidet, die nicht verheilen will. Ausserdem Amzine und ihre aufgeweckte, hübsche Tochter Fane, die vor jedem Feiertag nach ihrem Vater fragt. Während andere Mädchen dann nämlich von ihren Vätern beschenkt werden, hat Fane den ihren noch nie gesehen.
«Eines Tages wirst du ihn kennenlernen», lügt Amzine und verschweigt, dass Fane nur auf die Welt kam, weil ihr Vater, ein kongolesischer Söldner, sie vergewaltigt hat. Ein Wunder, dass aus dem Hässlichsten das Schönste entstehen kann. Amazine liebt ihre Tochter, ist auf ihre tatkräftige Unterstützung angewiesen. Und doch lässt sie ihr Anblick die erlittenen Qualen nicht vergessen.
Leidtragende Zivilisten
Der Dok-Film Cahier africain ist in drei Kapitel aufgeteilt. Im ersten – «Von Wunden und Narben. 2011-2012» blickt er zehn Jahre zurück auf die Greueltaten von Bembas Söldnern. Die weiteren Kapitel erzwingt der Lauf der Geschichte.
Ab 2013 kommt es in der Zentralafrikanischen Republik wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Zuerst ziehen die muslimischen Séléka-Rebellen mordend, plündernd und vergewaltigend durchs Land. Das provoziert kurze Zeit später Gemetzel durch die christlichen Anti-Balaka-Kämpfer.
Die Leidtragenden sind in jedem Fall die Zivilisten, insbesondere die Frauen, die sich keiner Rebellentruppe anschliessen können. Die Rebellenführer haben kein Geld, ihre Kämpfer zu entlöhnen. «Für die Sache» sollen diese kämpfen. Heisst: Beschafft euch eure Bezahlung selbst. Verlockend für junge Männer, denen jegliche Perspektiven fehlen.
Amzines Bruder wird erschossen, seine Viehherde gestohlen. Nachrichten über die Bewegungen der anarchischen Truppen kursieren. Aus diesem Dorf fliehen Christen, aus jenem Muslime. Bis anhin lebten sie harmonisch nebeneinander, man kannte sich. Jetzt zerstören Christen die Moschee, verstümmeln den 87-jährigen Imam, bevor sie ihm den Kopf abhacken.
Besonders absurd: Ob Christen oder Muslime, es sind alles Zentralafrikaner, die missioniert wurden, denen der Samen für religiösen Hass von Fremden eingepflanzt wurde.
Die Flucht ist schwierig. Alle wollen auf die Lastwagen, die sie ins sichere Gebiet bringen, Familien werden auseinander gerissen, ihr Hab und Gut müssen sie oft zurücklassen. Das dritte Kapitel zeigt deshalb den Neubeginn, den Neubeginn bei Null, weil das wenige, was gewonnen wurde, zerronnen ist.
Ein ungeschönter Blick
Cahier africain ist so wichtig und erschütternd, weil der Film nichts verschweigt. Weder die farbenfrohe Lebensfreude noch die animalisch wirkende und doch so menschliche Brutalität; weder die Traumata und Verstümmelungen noch den nie versiegenden Lebenswillen. Zerhackte, zerschossene Körper in Dreck und Blut und spielende, singende, tanzende Kinder.
Cahier Africain: ab 2. Februar im Kinok, St.Gallen Infos und Spielplan: kinok.ch
Der Film zeigt am Beispiel eines subsahara-afrikanischen Staates, was in vielen subsahara-afrikanischen Staaten gilt: Die mangelnde Vorbereitung, mit der sie in die Unabhängigkeit entlassen wurden, die Folgen des Kolonialismus, die fortwährende Einmischung durch die ehemalige Kolonialmacht, die Korrumpierbarkeit des Individuums und die Folgen der Korruption in einem Staat.
Die absolute Hilflosigkeit und Verzweiflung der Zivilisten, insbesondere der Frauen und Kinder, denen die Kameracrew folgt, ihr völliges Ausgeliefertsein an die Launen von Macht und Reichtum beanspruchenden Kämpfern ist es, was einem so nahe geht.
Amzine, die geschändete, vertriebene Mutter, die doch noch geheiratet, zwei Söhne geboren hat, hat sich wieder scheiden lassen, weil ihr Mann sie geschlagen hat. Jetzt will sie keinen Mann mehr.
Es gibt wenige Momente, in denen sie lächelt. Das Lächeln umspielt den Mund. Aus den Augen, den Wangen und der Stirn lassen sich die erfahrenen Grausamkeiten nicht mehr vertreiben. Und dennoch schuftet sie Tag für Tag, kümmert sich um die kleinen Kinder und betet und hofft, diesen möge eine friedlichere Zukunft blühen.
«In Stücke reissen und verschlingen»
Jean-Pierre Bemba, der kongolesische Rebellenführer, wurde im Jahr 2008 verhaftet. 2010 begann am Internationalen Gerichtshof in Den Haag der Prozess gegen ihn. Er wurde angeklagt wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in mehreren Fällen. Das ursprüngliche Cahier africain bildete ein wichtiges Beweisstück der Anklage.
Im ersten Kapitel des Films versammeln sich Dorfbewohner in der Kirche, wo die Gerichtsverhandlungen übertragen werden. «Ist er abgemagert?», ruft ein älterer Mann aufgebracht und beantwortet seine rhetorische Frage: «Nein, er ist fett, es geht ihm gut.»
Das Ansehen des Internationalen Strafgerichtshofes ist in vielen afrikanischen Staaten tief. Die einheimischen Gefängnisse sind oft Höllen. Und in diesen Ländern, wo schwache Staatsgebilde das Gesetz nur selten durchsetzen können, ist Selbstjustiz verbreitet.
«Warum übergibt man ihn nicht uns?», fragt der Mann. «Wir würden ihn in Stücke reissen und verschlingen. Jeder Zentralafrikaner würde sich darum prügeln, ein Stück zu kriegen.»
Nach Abschluss der Dreharbeiten, im Juni 2016, wurde Jean-Pierre Bemba in Brüssel für seine Verbrechen zu 18 Jahren Haft verurteilt. Dieses Urteil muss auch für Afrika als Hoffnungsschimmer verstanden werden.
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