Fünfzehn Autorinnen und Autoren haben mit Nothilfeempfängerinnen und -empfängern gesprochen und ihre Situation in Worte gefasst. Das Solidaritätsnetz Ostschweiz hat die dreizehn Gespräche als Buch herausgegeben. Es sind die Geschichten, die sonst hinter der Asyldebatte verborgen bleiben.
Eine persönliche und hilflose Leseerfahrung.
Als ich für die Reportage im September-«Saiten» beim Kochen im Solihaus St.Gallen half und mit den Asylsuchenden zusammen ass, passierte in gesteigertem Masse, was mir immer passiert, wenn ich Menschen begegne. Wo sind die Grenzen? Über was darf man sprechen, was darf man nicht fragen? Wie persönlich ist zu persönlich? «Hallo. Wie gehts dir? Wie heisst du? Sag doch mal, wie ergeht es dir hier?» Der Anstand verbietet es. – Das ist nicht immer gut. Es gibt Geschichten, die erzählt werden müssen.
Fünfzehn Autorinnen und Autoren sind mit Personen, die von Nothilfe leben müssen, zusammen gesessen und haben mit ihnen über ihr Leben gesprochen, über ihre Situation und ihre Träume. Im vom Solidaritäsnetz Ostschweiz herausgegebenen Buch «Das hier … ist mein ganzes Leben» sind die dreizehn Gespräche nun publiziert. Es erscheint in den nächsten Tagen im Buchhandel und wird am 31. August (18.30 Uhr) in der Hauptpost in St.Gallen vorgestellt werden. Es ist eine fürchterliche und erschütternde Lektüre.
Auf nur neun Seiten erzählt Martina Koch von Awiti aus dem Kongo. «Awiti fällt es schwer, über ihre Situation zu sprechen. Oft spricht sie stockend, ringt nach Worten. Auf meine Fragen antwortet sie häufig nur knapp.» Wie persönlich ist zu persönlich? Das sind Gedanken, die auch Martina Koch kommen. Sie sehen sich beim Interview das erste Mal. Awiti, die mit dreizehn Jahren alleine aus dem Kongo in die Schweiz gekommen ist, beide Eltern tot, hier zur Schule ging, eine Praktikumsstelle in der Tasche hatte und dort nicht beginnen durfte, weil sie in der Zwischenzeit einen negativen Asylentscheid erhielt; nach acht Jahren in der Schweiz.
Awiti weint, während sie spricht. Als wäre ich ein Eindringling in ein Leben, das nicht mein Heiligtum ist, umgreift mich eine ausgewachsene Scham beim Lesen. Ist das nicht zu persönlich?
Beim Porträt von Annette Bossart über die zwei Brüder Nevin und Ridvan, der Buchauftakt, ist mir schon schlecht geworden. Wo sie herkommen, wissen die Brüder nicht, als Kinder sind sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester 1999 in die Schweiz gekommen. Sie sind hier zur Schule gegangen und in der Oberstufe wie alle ihre anderen pubertierenden Mitschüler schnuppern gegangen. Nevin, heute 22 Jahre alt, hat seine Lehrstelle schon in der Tasche, als er erfährt, dass er die Lehre nicht antreten darf, weil er illegal sei: « … also in dem Moment, als ich das erfahren habe, habe ich zu realisieren begonnen, was eigentlich passiert. Meine gesamte Zukunftsvorstellung, meine Vorstellung vom Leben, die Gestaltung meines Lebens, alles war ruiniert.»
Mir wird innerlich eng – es ist ein Bruchteil von der Enge, in der das Leben der zwei Brüdern gezwängt wird. Sie dürfen nicht arbeiten, keine Lehre machen, dürfen Birsfelden nicht verlassen. Wenn sie unterwegs aufgegriffen werden, nimmt sie die Polizei mit und sperrt sie ein. Neun Monate sassen sie schon in Ausschaffungshaft. Sie sollen in irgendeine «Heimat» ausgeflogen werden, an die sie keine Erinnerung haben, ein Land, das sie nicht kennen, dessen Sprache sie nicht sprechen. Mir bleibt nur eine einzige, unbegreifliche Frage: Wie ist das möglich? – Wie ist das möglich?
Am Ende des Porträts eine Teil-Erleichterung: «Nevin und seine Schwester haben inzwischen eine B-Bewilligung erhalten. Bei Ridvan ist der Entscheid noch hängig.»
Bei den folgenden Porträts blättere ich zum Schluss vor, um zu lesen, wie es «ausgeht» und schäme mich, mich durch dieses Buch zu lesen, als wäre es ein Roman; ersonnen von einem perfiden Schriftsteller, dessen Genre unglaubwürdige Thriller sind.
Und während ich lese und mich schäme, wächst doch eine Überzeugung: Was so persönlich ist, lässt die Menschlichkeit in die kalte Asyldebatte zurückkehren. Daran kann und will ich nicht zweifeln.
Solidaritätsnetz Ostschweiz (Hrsg.): Das hier … ist mein ganzes Leben. Abgewiesene Asylsuchende mit Nothilfe in der Schweiz. 13 Porträts und Gespräche. Limmat Verlag, Zürich 2012. Fr. 34.–
Buchvernissage: Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen. 31. August, 18.30 Uhr
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