Die Anfangsszene in Trading Paradise, einer von vielen unkommentierten Ausschnitten aus Herbert J. Bibermans Filmfiktion Salt Of The Earth (1954), ist sinnbildlich für den Unternehmensstandort Schweiz und seine Steuerpolitik: Zwei geschniegelte Anzug-Typen schütteln sich nach abgeschlossenem Deal zufrieden die Hände.
Später der Rohstoffgipfel in Lausanne. Drinnen wird Weisswein gereicht, draussen «Fuck Glencore!» skandiert. Diese Szene zeigt exemplarisch, wo die Konfliktlinien verlaufen: auf der einen Seite die schillernden Profiteure, die Geschäftsmänner und Besitzerinnen globaler Unternehmen, die die Fäden ziehen im Rohstoffhandel und von der hiesigen Steuerpolitik und der dortigen Umwelt- und Sozialpolitik profitieren, auf der anderen Seite jene – Politikerinnen, Aktivisten und Betroffene –, die die finanziellen Kniffs, sozialen Entgleisungen und missachteten Umweltstandards in den Abbauländern verurteilen und anständige Rahmenbedingungen im globalen Rohstoffgeschäft fordern. Und dazwischen: wir alle, die ein möglichst günstiges Smartphone und billiges Benzin wollen.
Senta, der giftige Wind
Die Schweiz ist bekanntermassen eine der Drehscheiben im globalen Rohstoffhandel. Sie hat eine führende Rolle – im Film ist von einem 20- bis 30-Prozent-Anteil am weltweiten Rohstoffgeschäft die Rede. Doch was sind die Folgen, wie sieht die Kehrseite dieses Geschäfts aus und was für ein Licht wirft es auf die Schweiz? Diesen und anderen Fragen geht Regisseur Daniel Schweizer in seinem jüngsten Film nach.
Eine seiner Stationen ist das sambische Viertel Kankoyo, unmittelbar neben einer Kupfermine, die von Mopani betrieben wird, einer der etlichen Glencore-Töchter. Diese stösst Schwefeldioxide aus, von den Einheimischen «Senta» genannt, giftiger Wind. Er zerstört Ernten und führt bei den Menschen in diesem Gebiet zu Vergiftungen, Kopfschmerzen und Ausschlägen.
Die Blechdächer in Kankoyo sind von der Schwefelsäure zerfressen, die Farbe an den Hauswänden blättert innert Kürze wieder ab. Im Spital rät man den Menschen, das Viertel zu verlassen. Der Wunsch nach Umsiedelung wird ignoriert, Demonstrationen gegen die Minenbetreiber und ihre Politik werden von der Polizei zerschlagen, obwohl Glencore zu Schadenersatz verurteilt wurde.
Trading Paradise: ab 21. September in den Kinos. St.Galler Premiere in Anwesenheit des Regisseurs: 19. September, 20 Uhr, Kinok St.Gallen kinok.ch
Die Betreiber der Mopani-Minen sagen, dass sie das Austreten der Schwefeldioxide mittlerweile im Griff hätten, dass es nur noch vereinzelt Zwischenfälle gebe und sich die Anwohnerinnen und Anwohner nicht fürchten müssten. Ähnliches hört man auch von Glencore-Chef Ivan Glasenberg: Man respektiere die Menschenrechte in vollem Umfang, betont er mehrmals. «Wir kümmern uns an unseren Standorten nicht nur um die Minenarbeiter, sondern auch um ihre Familien. Zudem achten wir sehr auf die jeweiligen nationalen und internationalen Umweltstandards.»
Glasenberg argumentiert regelrecht «philanthropisch»: Glencore investiere bekanntlich Milliarden in «den Drittweltländern», helfe ihnen also, indem es deren Wirtschaft ankurble – samt den angrenzenden Industriezweigen. «Wenn wir deren Rohstoffe nicht im grossen Stil abbauen würden, wären sie viel teurer», sagt er. «Bodenschätze sind ein Segen. Auch Amerika oder Australien haben ihren Reichtum darauf aufgebaut. Das selbe passiert jetzt – dank uns – unter anderem in Afrika.»
«Vale de Nada»
Eine weitere Station des Dokfilms ist die weltweit grösste Eisenerzmine im Regenwald von Carajás, betrieben vom brasilianischen Konzern Vale, der ebenfalls einen Sitz in der Schweiz hat, im waadtländischen Saint-Prex. 2012 wurde dem Unternehmen der Negativpreis «Public Eye Award» verliehen, da es am Bau des riesigen Belo-Monte-Staudamms beteiligt ist, wegen dem über 40’000 Menschen zwangsumgesiedelt und grosse Teile des brasilianischen Urwalds überflutet wurden.
In Carajás sind unter anderem die Xikrin beheimatet, eine indigene Volksgruppe. Die Xikrin sagen, ihre Gemeinde sei durch die Umtriebe des Bergbaugiganten massiv bedroht: die Flüsse seien von Abwässern verseucht und die doppelspurigen Bahnstrecken für die bis zu drei Kilometer langen Transportzüge zerstörten den Regenwald. «Vale nada», sagen die Xikrin, «Vale taugt nichts. Sie haben uns nichts gebracht».
«Vale nada», sagen die Xikrin.
Erste und letzte Station der Filmcrew ist die peruanische Region Espinar, wo Glencore die Kupferminen Tintaya und Antapaccay betreibt. «Die Rückstände im Klärbecken sickern in unseren Boden und verseuchen das Wasser», klagt eine Bäuerin. «Wir kämpfen mit Ernteausfällen, Fehlgeburten und Missbildungen bei unseren Tieren, aber Glencore kümmert das überhaupt nicht.» Der nahegelegene Rio Salado sei stark verseucht, bestätigt ein einheimischer Aktivist. «Dieser Fluss müsste dringend saniert werden.»
Nicht nur Flora und Fauna leiden, auch die Menschen in Espinar, besonders in den Gemeinden Alto Huancané und Huisa. Wissenschaftler haben in ihrem Blut Arsen, Thallium und Blei gefunden, bei allen 180 Untersuchten. Bei 32 Personen lagen die Thallium- und Bleiwerte über dem WHO-Grenzwert. 2012 forderten Aktivisten die Schliessung der Kupfer-Bergwerke, zwei Menschen wurden dabei getötet.
«Ideologisierte NGOs» und «innerperuanische Probleme»
2014 besuchten acht Mitglieder der aussenpolitischen Kommission des Nationalrats (APK-N) die Antapaccay-Mine in Espinar, im Rahmen des Jubiläums der 130-jährigen bilateralen Beziehungen und der 50-jährigen Entwicklungszusammenarbeit mit Peru. Zuvor sprachen sie mit Vertretern von Menschenrechtsorganisationen, mit der örtlichen Bürgermeisterin und mehreren Aktivisten, die allesamt vor den ökologischen und sozialen Konsequenzen des Bergbaus in ihrer Region warnen.
Schweizers Crew hat die parlamentarische Delegation begleitet – eine grosse Stärke des Films, da diese Szenen noch einmal verdeutlichen, wie weltvergessen die Schweiz in vielerlei Hinsicht tickt. Maximilian Reimann von der SVP beispielsweise sagt zu den Aktivisten, dass sie die Probleme halt «innerperuanisch lösen» müssen und die Schweiz davon kaum tangiert sei. Nach dem Minenbesuch faselt er etwas von «ideologisierten NGOs» und glorifiziert den Nutzen und die Leistungen der Bergbauindustrie in Espinar. «Hut ab», so sein Fazit. Doris Fialas (FDP) sinngemässer Rat an die Verantwortlichen bei Glencore: Seid halt etwas transparenter, dann glaubt man euch auch, dass ihr es gut meint, und die Öffentlichkeit hört nicht immer nur die gegnerische Seite.
Carlo Sommaruga (SP) ist zumindest im Ansatz kritisch. Er fragt den Direktor der Antapaccay-Mine, ob dieser einen Mitarbeiter eingeschleust habe am vorangegangenen Treffen mit den Aktivistinnen und Aktivisten. Anfangs bestreitet er das, doch als ihm Sommaruga nach mehrfachem Nachhaken ein Foto des mutmasslichen Glencore-Mannes zeigt, gibt der Minen-Chef zu, dass das Treffen überwacht wurde. «Der Druck auf die Menschen wird nicht unbedingt durch Schläge ausgeübt», erklärt Sommaruga daraufhin, «sondern durch die Angst, die man den Leuten macht.»
Letzter Teil einer Trilogie
Flankiert wird der SP-Parlamentarier im Film unter anderem von der Kunstgruppe The Yes Men («Die Schweiz ist ein Steuerparadies für Grosskonzerne»), von einem Menschenrechts-Aktivisten («Wir Konsumenten sind nicht direkt schuldig, aber mitverantwortlich») und von Dick Marty («Der Ruf der Schweiz ist gefährdet. Wir sitzen auf einem Pulverfass. Die Dynamik ist ähnlich wie bei den nachrichtenlosen Vermögen, der Swissair-Affäre oder dem Bankgeheimnis. Es ist Zeit, dass wir mit gutem Beispiel vorangehen»).
Alles in allem ist Schweizers Dokfilm ein ziemlich unbequemer, aber lehrreicher Streifen, der bestens zu seinen thematisch verwandten Vorgängern Dirty Gold War (2015) und Dirty Paradise (2009) passt. Auch in Trading Paradise verzichtet der Genfer Regisseur grösstenteils auf Pathos und polemische O -Kommentare – hat der Film auch nicht nötig. Wer ihn sieht, kommt nicht darum herum, die Rolle des Handelsparadieses Schweiz im internationalen Kontext kritisch zu hinterfragen, in diesem Fall anhand der Rohstoffndustrie.
Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.
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