Texte über Offshore-Konten und artverwandte Methoden haben oft die Konsistenz von Pouletbrüstchen. Sie sind entweder trocken, halbgar oder von ominöser Herkunft. Anders bei Carlos Hanimann: Der WoZ-Redaktor nimmt sich zwar 144 Seiten Zeit, um den Fall eines Schweizer Whistleblowers aufzuarbeiten, gewisse Mechanismen der internationalen Finanzindustrie zu beschreiben und alles mit den nötigen Quellen zu füttern, schafft es aber, diese Zusammenhänge süffig zu verpacken, unterhaltsam und differenziert.
Autor Carlos Hanimann
Am Ende ist das Ausmass global, obwohl die Affäre klein beginnt: Da ist Rudolf Elmer, Jahrgang 55, wohnhaft im Zürcher Unterland. Einer aus einfachen Verhältnissen, der nach seiner Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer 1987 bei der Privatbank Julius Bär anheuert, wo seine Mutter schon jahrelang als Putzfrau und «Hausdame» beschäftigt ist.
Sieben Jahre später wechselt Elmer zur Bär-Dependance auf den Cayman Islands, 1999 wird der frisch gebackene Familienvater zum dortigen Chief Operating Officer ernannt – das Leben meint es gut mit dem Banker: «In Zürich waren die Elmers tanzen gegangen. Auf Grand Cayman liessen sie die Feierabende auf dem Golfplatz ausklingen», schreibt Hanimann. «Ein Spaziergang übers Fairway. Neun Löcher bis zum Sonnenuntergang.»
Valium fast wie Lutschbonbons
Anfang 2001 trübt ein Fahrradunfall das karibische Idyll. Elmer erleidet ein Schleudertrauma und kann nur noch dank starken Medikamenten arbeiten. Auch zwei Jahre später noch konsumiert er «Valium fast wie Lutschbonbons». Ausgerechnet in dieser Zeit verlangen seine Chefs einen Lügendetektortest von ihm, unter anderem weil jemand den griechischen Steuerbehörden vertrauliche Unterlagen zugespielt haben soll.
Elmer muss den Test abbrechen, den zweiten Versuch ebenfalls. Im November 2002 reist er in die Schweiz, wo die Bad News gleich im Doppelpack auf ihn warten: Von Julius Bär kommt die Kündigung, von seinem Arzt die Diagnose Bandscheiben- vorfall.
Von da an geht es bergab: Elmer findet zwar eine neue Stelle, liegt aber im Streit mit seinem ehemaligen Arbeitgeber, verschickt böse Briefe und Drohmails. 2003 informiert er erstmals Steuerbehörden über die Konten einzelner Bär-Kunden. Die Daten stammen von einer Harddisk, die seine Frau Heidi versehentlich eingepackt hat beim Rückzug von den Caymans in die Schweiz.
2005 schickt er der Eidgenössischen Steuerverwaltung und dem Zürcher Steueramt Bankdaten und einen «Insider- Bericht», Mitte Juni folgt dann die Schlagzeile: «Datenklau bei der Bank Bär». Elmers Name ist nun bekannt. Das Zürcher Geldinstitut verharmlost die Affäre, spricht vom «Restrisiko Mitarbeiter».
Wikileaks vs. Bankgeheimnis
«Am Paradeplatz bebte die Erde», schreibt Hanimann über diesen Moment. «Jemand hatte das Bankgeheimnis geknackt.» Mit viel Weitsicht hätte man das vielleicht schon damals «als Vorbote einer grossen Krise» erahnen können. «Aber im Jahr 2005 war man noch weit weg von der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise, von der Staatsrettung der Grossbank UBS, von Millionenbussen der Schweizer Banken in den USA. 2005 – das waren andere Zeiten: Christoph Blocher war Justizminister und Hans-Rudolf Merz Finanzminister, Marcel Ospel stand als Verwaltungsratspräsident an der Spitze der UBS und erhielt in den USA einen Ehrendoktortitel von der Universität Rochester verliehen. Das Bankgeheimnis war eine unerschütterliche Institution.»
Lange sollte das nicht mehr so bleiben: Zwei Jahre später trifft der frustrierte und angeschlagene Rudolf Elmer auf Daniel Domscheit-Berg, die damalige Nummer zwei bei «Wikileaks». Von Anfang 2008 bis Frühling 2009 publizieren sie auf der Enthüllungsplattform insgesamt 37 Dossiers der Bank Bär – und lösen damit eine internationale Debatte über Whistleblowing, aber auch über die Themen Bankgeheimnis und Steuerhinterziehung aus.
Elmer sei nicht der einzige gewesenen, zitiert Hanimann Domscheit-Berg, aber der Erste. «Er hat alles ins Rollen gebracht.»
Abfindung statt Anklage
Das Whistleblower-Dasein zehrt an Elmer und seiner Familie. Ab 2005 wird er verfolgt und beschattet, dann angeklagt, monatelang in U-Haft gesteckt und 2011 schliesslich wegen mehrfacher versuchter Nötigung, Drohung und Verletzung des Bankgeheimnisses zu einer Geldstrafe von 7200 Franken auf Bewährung verurteilt. Noch am selben Tag wird er erneut verhaftet, dieses Mal wegen Bankgeheimnisverletzung in der «Wikileaks»-Affäre.
17. Januar 2011: Rudolf Elmer (rechts) übergibt Julian Assange in London zwei CDs. (Bild: Dschoint Ventschr Filmproduktion)
2014 bricht Elmer während der Verhandlung zusammen, wird aber teilweise freigesprochen. Er legt in beiden Fällen Berufung ein. Im Juni 2016 sollen die Verfahren zusammengelegt und weiterverhandelt werden.
Elmer und seine ehemalige Arbeitgeberin Julis Bär haben sich indes aussergerichtlich geeinigt: Er erhielt «eines sechsstelligen Betrag unter einer Million», dafür dass er seine Klage wegen Nötigung und Körperverletzung zurückgezogen hat. Mit dem Geld hat er das gemacht, was er gelernt hat: in einen privaten Trust gesteckt.
Carlos Hanimann: Elmer schert aus. Ein wahrer Krimi zum Bankgeheimnis. Echtzeit Verlag Zürich 2016, Fr. 29.–
Soweit Elmers Geschichte. Sie ist lang und einigermassen kompliziert, liest sich aber nicht so. Hanimann hat diesen Banken-Krimi geschickt aufbereitet. Er nutzt verschiedene Textformen, wechselt vom Prosaischen ins Journalistische ins Essayistische, streut hier Protokolle ein, dort Facts oder längere Zitate und lässt so immer mehr Fäden ineinander laufen.
Elmer schert aus ist ein süffiges Buch zur Gegenwart. Ein wichtiges. Es zeigt, wie institutionalisiert Kapital- und Steuerflucht sind, wie Offshore-Strukturen funktionieren, wie die Medien ticken oder die Justiz, aber auch, wie sich persönliche Entscheide auf das Leben anderer auswirken können – jene des Whistleblowers genauso wie die des gewieften Bankiers.
Werner Schweizer: Offshore – Elmer und das Bankgeheimnis, ab 17. März in den Kinos.
St.Galler Premiere in Anwesenheit des Regisseurs und Rudolf Elmer, Gesprächsleitung Carlos Hanimann: 18. März, Kinok St.Gallen.
Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.
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