«Blut muss fließen knüppelhageldick, wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik. Zerrt die Konkubine aus dem Fürstenbett, schmiert die Guillotine mit dem Judenfett.» Alldeutsch-Parolen. Schweigeminuten im Hitlergruss. «Sieg heil»-Pogo. All das sieht und hört man im Film Blut muss fliessen von Thomas Kuban und Peter Ohlendorf.
Sechs Jahre lang hat Kuban Deutschlands Neonazi-Rockszene untersucht. Undercover. Kuban ist sein Pseudonym. 2012 hat er mit Hilfe des Regisseurs Peter Ohlendorf das Material veröffentlicht und damit für Aufsehen gesorgt. Heute Abend wird Blut muss fliessen im Palace gezeigt, Ohlendorf wird anwesend sein. Saiten hat ihm dazu einige Fragen gestellt:
Peter, ihr sagt, ihr wollt «zeigen, was da läuft», in der Rechtsrockszene. Hat euer Film, abgesehen vom medialen Echo, etwas bewirkt?
Peter Ohlendorf: Was können wir auslösen? Das war auch unsere Frage. Anfangs waren wir ein bisschen enttäuscht, da der Film eher Leute zu interessieren schien, die das Thema ohnehin schon auf dem Schirm hatten. Doch nach und nach realisierten wir, dass da viele darunter waren, denen offenbar gar nicht klar war, wie es in dieser Szene wirklich zu und her geht. Viele sind während der Vorstellung regelrecht in sich zusammengesackt.
Leute aus der Linken?
Ja, aber auch «bürgerlich Gewordene». Ihnen wurde bewusst, dass das Thema in ihrer eigenen Wahrnehmung vielleicht etwas nach hinten gerutscht ist – was keineswegs der Realität entspricht. Das ist eine Stärke unseres Films; dass die Zuschauerinnen und Zuschauer, darunter auch viele Junge, danach sagen «Nein, dagegen müssen wir etwas tun.» Diesen Effekt gibt es immer mal wieder und das freut uns.
Gab es auch Reaktionen von Polizei und Staatsschutz?
Das Landeskriminalamt von Berlin hat uns direkt nach der Berlinale aufgefordert, das Filmmaterial zu übergeben, um weitere Nachforschungen anzustellen. Ich weiss zwar nicht, was daraus geworden ist, doch ich begrüsse es, dass sich die Polizei für den Film interessiert und ihn hin und wieder sogar zu Aus- oder Fortbildungszwecken nutzt. Schliesslich gibt es genügend Nachholbedarf: Man muss die Szene unter Druck setzen und diese Konzerte bundesweit mit einer entsprechend klaren Ansage verhindern. Denn es werden ja nicht nur Lieder gesungen, die gar nicht gesungen werden dürfen – das geht weit darüber hinaus und wird auch in die Tat umgesetzt. Diese Botschaft ist, denke ich, auch bei den Behörden mittlerweile angekommen.
Besteht ein Zusammenhang zwischen den brennenden Flüchtlingsheimen und der Rechtsrockszene?
Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) ist wohl der beste Beweis dafür, dass die Gewalt in den Texten auch tatsächlich umgesetzt wird. Daneben gibt es vermeintlich moderatere Vereinigungen wie beispielsweise die Hogesa (Hooligans gegen Salafisten) in Köln, die eine Nähe haben zu Bands, die im Umfeld von Rechtsrock unterwegs sind. Für mich besteht absolut ein Zusammenhang zwischen dem, was diese Bands singen und dem, was auf der Strasse passiert.
Blut muss fliessen – Undercover unter Nazis: Dienstag, 3. November, 20:15 Uhr, Palace St.Gallen. Der Regisseur ist anwesend, Soli-Eintritt: 10.–
Wie steht es denn um die Rechtsrockszene in der Schweiz?
Das kann ich nicht abschliessend beurteilen, weil wir momentan aus Zeitgründen primär Nazikonzerte in Deutschland beobachten. In der Zentralschweiz gibt es zum Beispiel die Band Amok, die dem rechtsextremen Blood and Honour-Netzwerk nahesteht und 2015 offenbar ein neues Album herausgebracht hat. (2010 wurden die vier Mitglieder wegen Verstoss gegen das Waffengesetz und die Antirassismus-Strafnorm verurteilt, Anm. der Red.) Wie aktiv die Band ist, kann ich aber ohne intensivere Recherche nicht sagen. Der Luzerner Journalist Hans Stutz hat Anfang des Jahres gesagt, die Rechtsrockszene in der Schweiz spiele für ihn keine grosse Rolle mehr. Wenn ich aber höre, dass Amok ein neues Album gemacht hat, frage ich mich, ob man dem nicht doch wieder einmal nachgehen müsste.
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