Eigenverantwortung ist geil, Kollektivismus ist blöd. Dass diese wirtschaftsliberale Denke vor allem in guten Zeiten gilt, überrascht nicht. Weil – bei aller berechtigten Kritik gegenüber einem zu mächtigen Staat – viele dann doch plötzlich froh sind um staatliche Hilfe in schlechten Zeiten.
Stichwort «Dividenden trotz Kurzarbeit»: Saiten hat im Mai gemeinsam mit Tsüri.ch und Bajour aus Basel recherchiert und nach Aktiengesellschaften gesucht, die trotz Corona-Kurzarbeit jetzt Geld regnen lassen an ihren GVs. Das ist auch in der Ostschweiz der Fall, zum Beispiel bei Lafarge-Holcim, Georg Fischer, Huber+Suhner, SFS. Und über ihre Regionalmedien indirekt auch bei der NZZ. Alle Texte dazu sind hier auf saiten.ch zu finden.
Rechtlich ist das safe, moralisch fragwürdig. Man könnte dieses Vorgehen auch als Schönwetter-Liberalismus bezeichnen. Wären die grossen Player wirklich so liberal, wie sie sich sonst gerne geben, würden sie ihre Corona-Probleme ohne Mutter Staat lösen, sprich auch keine Kurzarbeit beantragen, die ja von den Arbeitnehmenden und den Arbeitgebenden zusammen finanziert wird. Dann können sie Dividenden ausschütten, so viel sie wollen. Aber eben. Mehr zu diesem Thema im Kommentar von Joel Widmer.
Im Juniheft schalten wir wieder ein paar Gänge runter, zu den «kleinen Leuten». Freischaffende, Selbständige und Teilzeitangestellte wurden von der Pandemie bzw. dem Lockdown besonders hart getroffen, gerade auch in der Kultur, nachzulesen in unzähligen Medienberichten.
Doch es gibt noch immer blinde Flecken: Wie geht es Ostschweizer Sans-Papiers in Pandemiezeiten? Wie sind Suchtkranke mit der Situation umgegangen? Was macht der Lockdown mit der Psyche? Wie gehen kleine Beizen mit den strengen, je nach Situation kaum umzusetzenden Hygienemassnahmen um? Was machen Kulturschaffende, die «locked» sind, hier und in Frankreich? Und, nicht zuletzt: Wie fühlt es sich an, wenn man innert weniger Stunden eingezogen wird, um mit der Sanitätstruppe in einem Tessiner Spital auszuhelfen? Ihnen allen ist dieses Heft gewidmet. Rolf Bossart liefert die Theorie dazu, Ramona Gschwend und Andrina Schmid haben die Corona-Stille fotografiert, Hannes Thalmann die Porträts zum Titelthema.
Ausserdem im Juni: die gedruckten Solothurner Literaturtage oder zumindest ein Teil davon, mit Texten von Zsuzsanna Gahse, Nora Gomringer und Dragica Rajčić Holzner. Corona-Interviews aus der Theaterzentrale und dem Kinok-Foyer. Eine Flaschenpost aus Südafrikas Studentenbuden. Ein Gespräch über China-Bashing und den Zustand der neuen Weltmacht. Und der Nachruf auf Filmemacher Dennis Ledergerber.
Nicht zu vergessen: Es gibt wieder einen Saitenkalender, zwar einen kleinen, aber immerhin. Die Museen der Region sind wieder offen und auch das restliche Kulturleben nimmt wieder Fahrt auf. Was sonst kulturell noch vor dem Sommer in Gang kommt: laufend auf saiten.ch.
Corinne Riedener
Reaktionen/PositionenRedeplatz mit Lukas HofstetterStimmrecht von Farida FerecliNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan RutishauserVirenfrei I / IIIn eigener Sache/Viel geklickt
«Militärkantine», «Weisses Kreuz», «Rössli» Mogelsberg: Ostschweizer Beizerinnen und Beizer in der Coronakrise. Von Andri Bösch
Menschen mit Suchterkrankungen: Wie haben sie den Lockdown erlebt? Gespräche in der Gassenküche. Von Roman Hertler
Im luftleeren Raum: Wenn Sans-Papiers auf einen Schlag ohne Arbeit, Lohn und Perspektive dastehen. Von Corinne Riedener
Stillgelegt: Die Bildstrecke von Ramona Gschwend und Andrina Schmid.
Im Teufelskreis des Virus: Das Kriseninterventionszentrum der St.Galler Psychiatrie in der Coronakrise.Von Corinne Riedener
Wir sind tapfer: Willi Häne, freischaffender Akkordeonist, hat der Lockdown hart getroffen, wie viele seiner Branche. Von Peter Surber
Tänzerin Lisa Vilret hätte Projekte in Frankreich und Zürich gehabt. Die Pandemiekrise erlebte sie in Marseille – samt Ausgangssperre.
Demokratie und Gesundheit: Reflexionen über Widersprüche, Machtkonstellationen und den Triumph der Gesundheitslogik mit und nach Corona. Von Rolf Bossart
Das Aufgebot der Schweizer Armee kam per SMS: Corona- Einsatz im Tessin! Soldat Zürcher hat ihn absolviert und sich ein Abzeichen verdient. Sein Bericht.
Schwarz und weiss, Wand an Wand im Studenten-Wohnheim: Die Flaschenpost aus Bloemfontein, Südafrika. Von Niklaus Reichle und Florian Elliker
Prügelknabe China: Ein Gespräch mit dem Soziologen und China-Kenner Patrick Ziltener zum westlichen China-Bashing. Von Harry Rosenbaum
Lesen trotz Lockdown: Eine analoge Nachlese der Solothurner Literaturtage mit Texten von Nora Gomringer, Dragica Rajčić Holzner und Zsuzsanna Gahse.
Ein persönlicher Nachruf auf den St.Galler Filmer Dennis Ledergerber, Regisseur von «Himmelfahrtskommando». Von Sandro Zulian
In der Warteschlaufe: Sandra Meier, die Leiterin des St.Galler Kinok, über das Pantoffelkinok und den Lockdown der Filmbranche. Von Corinne Riedener
Vom Nicht-Theater zu neuen Formaten: Das Corona-Interview mit dem St.Galler Schauspieldirektor Jonas Knecht. Von Peter Surber
Der «happy somebody»: Larry Peter, Künstler und Wortspieler, wird zum Achtzigsten mit Buch und Ausstellung gefeiert. Von Richard Butz
Sie malen weiter: Das Kunstmuseum Thurgau zeigt Werke von Rachel Lumsden, Almira Medaric, Heike Müller, Olga Titus und anderen. Von Kristin Schmidt
Flecken auf der Blumenpracht: Vor 75 Jahren, nach Kriegsende kamen einstige KZ-Häftlinge zur Erholung auf die Insel Mainau. Ein Blick zurück. Von Urs Oskar Keller
Der Schlüssel zur Kunst: Die Schule für Gestaltung startet mit neuem Konzept in den Studiengang Bildende Kunst. Von Sandra Cubranovic
Kulturparcours: Theater über Rudolf Steiner, musikalische Duelle am Stoss, die Bilder ein Jahr nach dem Frauenstreik.
Abgesang
Kellers GeschichtenPfahlbauerComic
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.