Vivian Maier ist 2009 in Chicago gestorben. Die US-Amerikanerin mit französischen Wurzeln hat hunderttausende Fotografien hinterlassen, viele zeigen das urbane Leben in den Strassen New Yorks und Chicagos, den Alltag, den Verkehr, die sozialen Verhältnisse. Oder sie selbst.
Bekanntheit erlangte Maier erst nach ihrem Tod, als man ihren dokumentarischen Bilderschatz eher zufällig bei einer Versteigerung wiederentdeckte. Ihr wird nachgesagt, sie habe die Fotografie äusserst obsessiv betrieben, aber nie einer Menschenseele auch nur einen Abzug gezeigt. In einem Dokfilm wird Maier als «zurückgezogen und spartanisch lebende Einzelgängerin ohne tiefere vertrauliche Kontakte zu ihren Mitmenschen» beschrieben. Aus ihrer Privatsphäre soll sie ein besonderes Geheimnis gemacht haben, unter anderem indem sie ihre Unterkünfte bisweilen rigoros abgeschottet hat, Messie-hafte Züge inklusive.
Dieser Darstellung widersprechen einige, unter anderem Ann Marks und Francoise Perron, die viel und aufwändig zu Maier und ihrem – kunsthistorisch bis heute nicht ernsthaft eingeordneten – Werk recherchiert haben. Sie entspreche nicht dem Bild einer exzentrischen geheimnisvollen Person und zeitlebens verkannten, postum entdeckten Künstlerin, wie oft behauptet wird. Die Rezeption gestaltet sich schwierig. Laut der Schweizer Kunsthistorikerin Meret Ernst liegt das auch daran, dass sich die Autodidaktin Maier «nie über ihr fotografisches Schaffen ausgetauscht und keinerlei Erklärungen noch Hinweise auf das, was ihr wirklich wichtig war, hinterlassen hatte.»
So zwiespältig die Rückschau auf Maier ist, so faszinierend ist sie als Künstlerin und als Person. Ich gestehe: Eigenbrötlerinnen und Aussenseiter, stuuri Grindä, Sonderlinge und Einzelkämpferinnen haben es mir angetan. Sie verkörpern die Ego-Rebellion, die es in unserer gesellschaftssüchtigen, öffentlichkeitsgeilen Gesellschaft so dringend braucht. Sie machen ihr eigenes Ding. Sie brauchen nicht ständig «die anderen», um sich zu spüren. Sie sind auch schräg und nervig, verdreht und abgehoben, schrullig und streng. Und nicht per se besser oder schlechter als die weniger Eigensinnigen. Aber meistens interessanter.
Mit diesem Heft wollen wir diesem Menschenschlag etwas näher kommen. Woher die Faszination fürs Eigensinnige und Eigenwillige und was hat das mit Politik zu tun? Wie ist das Leben alleine mit einer Gitarre, allein mit dem Hinterland, allein mit der Stoppuhr? Was haben Eigenbrötler mit Eichhörnchen zu tun? Wo sind die Grenzen des Eigensinns und warum braucht es zum Lieben angeblich immer zwei? Die Antworten zu diesen Fragen kommen von Veronika Fischer, Rolf Bossart, Judith Altenau, Hanspeter Spörri und der Saiten-Redaktion, die Bildstrecke ist von Ladina Bischof. Sie hat einen Blick auf die Freiheit des Individuums geworfen bzw. auf die Freiheit in den eigenen vier Wänden.
Ausserdem im post-olmatischen November: Kolonialismus-Bewältigung in Ton und Tat, neue politische Musik, alte Bauhaus-Architektur und die queere Ovartaci-Ausstellung im Museum im Lagerhaus.
Corinne Riedener
Reaktionen/PositionenMehr Siege für eine bessere Politik von Andreas KneubühlerNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan RutishauserRedeplatz mit Walter BoosStimmrecht von Farida Ferecli
«Aber gell, find emol e Bänd». Marina Niedermann schreibt traurige Songs und steht solo auf der Bühne.Von Roman Hertler
Steff Signer, der Mann aus dem selbsterfundenen Hinterland, und sein eigensinniges Universum.Von Hanspeter Spörri
7,42 Sekunden. Riccarda Dietsche ist eine der schnellsten Frauen der Schweiz. Eine Einzelkämpferin?Von Corinne Riedener
Liebe und was man – allein – dagegen tun kann.Von Veronika Fischer
Ein Hoch auf die Eichhörnchen.Von Judith Altenau
Vom Eigen-Brot wird die Welt nicht satt.Von Peter Surber
Spleen, Schrulle, Tick. Dem Eigensinn auf den Zahn gefühlt.Von Rolf Bossart
Die eigenen vier Wände – Ladina Bischofs Bilder aus dem Saurer-Hochhaus.
Im Himmel der Bücher: Flaschenpost aus Helsinki.Von Urs Oskar Keller
Antigua: Schweizer Slavereigeschichte in der Karibik.Von Hans Fässler
Zum Beispiel Rorschach: Autobahn-Milliarden oder der «kleinstmögliche Eingriff»?Von Niklaus Reichle
Bear Pit, Projekt ET und Simon Hotz: St.Gallens Musik wird wieder politischer.Von Matthias Fässler
Neue CD und neue Opernpläne: Ein Gespräch mit dem Komponisten Charles Uzor.Von Daniel Fuchs
«Afrikanischer» Opernstoff beschäftigt auch Alfons K. Zwicker.Von Peter Surber
Der neue Gedichtband der in St.Gallen lebenden US-Lyrikerin Jan Heller Levi.Von Claire Plassard
Die Doppelausstellung im Lagerhaus über Gender, sexuelle Identität und die Künstlerin Ovartaci.Von Corinne Riedener
100 Jahre Bauhaus: die Ausläufer des «Neuen Bauens» und der Moderne in der Ostschweiz.Von René Hornung
Der Verlag «da bux» in Buchs macht schlanke Bücher für die Jugend.Von Bettina Kugler
Im Parcours: Too Mad, Tÿpo und Max Koller, Lyrik und Musik, 30 Jahre Ausserrhoder Kulturstiftung.
Abgesang
BoulevardKehls KompassKellers GeschichtenPfahlbauerComic von Julia Kubik
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty