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Saiten im November: Vom Eigensinn

Ein Heft über Eigenbrötlerinnen und Aussenseiter, Sonderlinge und Einzelkämpferinnen. Ausserdem: Kolonialismus-Bewältigung in Ton und Tat, neue politische Musik, alte Bauhaus-Architektur und die queere Ovartaci-Ausstellung im Museum im Lagerhaus.
Von  Redaktion Saiten , 
Die Bilder vom Saurer-Hochhaus in Arbon im Titelthema hat Ladina Bischof gemacht.

Vivian Maier ist 2009 in Chicago gestorben. Die US-Amerikanerin mit französischen Wurzeln hat hunderttausende Fotografien hinterlassen, viele zeigen das urbane Leben in den Strassen New Yorks und Chicagos, den Alltag, den Verkehr, die sozialen Verhältnisse. Oder sie selbst.

Bekanntheit erlangte Maier erst nach ihrem Tod, als man ihren dokumentarischen Bilderschatz eher zufällig bei einer Versteigerung wiederentdeckte. Ihr wird nachgesagt, sie habe die Fotografie äusserst obsessiv betrieben, aber nie einer Menschenseele auch nur einen Abzug gezeigt. In einem Dokfilm wird Maier als «zurückgezogen und spartanisch lebende Einzelgängerin ohne tiefere vertrauliche Kontakte zu ihren Mitmenschen» beschrieben. Aus ihrer Privatsphäre soll sie ein besonderes Geheimnis gemacht haben, unter anderem indem sie ihre Unterkünfte bisweilen rigoros abgeschottet hat, Messie-hafte Züge inklusive.

Dieser Darstellung widersprechen einige, unter anderem Ann Marks und Francoise Perron, die viel und aufwändig zu Maier und ihrem – kunsthistorisch bis heute nicht ernsthaft eingeordneten – Werk recherchiert haben. Sie entspreche nicht dem Bild einer exzentrischen geheimnisvollen Person und zeitlebens verkannten, postum entdeckten Künstlerin, wie oft behauptet wird. Die Rezeption gestaltet sich schwierig. Laut der Schweizer Kunsthistorikerin Meret Ernst liegt das auch daran, dass sich die Autodidaktin Maier «nie über ihr fotografisches Schaffen ausgetauscht und keinerlei Erklärungen noch Hinweise auf das, was ihr wirklich wichtig war, hinterlassen hatte.»

So zwiespältig die Rückschau auf Maier ist, so faszinierend ist sie als Künstlerin und als Person. Ich gestehe: Eigenbrötlerinnen und Aussenseiter, stuuri Grindä, Sonderlinge und Einzelkämpferinnen haben es mir angetan. Sie verkörpern die Ego-Rebellion, die es in unserer gesellschaftssüchtigen, öffentlichkeitsgeilen Gesellschaft so dringend braucht. Sie machen ihr eigenes Ding. Sie brauchen nicht ständig «die anderen», um sich zu spüren. Sie sind auch schräg und nervig, verdreht und abgehoben, schrullig und streng. Und nicht per se besser oder schlechter als die weniger Eigensinnigen. Aber meistens interessanter.

Mit diesem Heft wollen wir diesem Menschenschlag etwas näher kommen. Woher die Faszination fürs Eigensinnige und Eigenwillige und was hat das mit Politik zu tun? Wie ist das Leben alleine mit einer Gitarre, allein mit dem Hinterland, allein mit der Stoppuhr? Was haben Eigenbrötler mit Eichhörnchen zu tun? Wo sind die Grenzen des Eigensinns und warum braucht es zum Lieben angeblich immer zwei? Die Antworten zu diesen Fragen kommen von Veronika Fischer, Rolf Bossart, Judith Altenau, Hanspeter Spörri und der Saiten-Redaktion, die Bildstrecke ist von Ladina Bischof. Sie hat einen Blick auf die Freiheit des Individuums geworfen bzw. auf die Freiheit in den eigenen vier Wänden.

Ausserdem im post-olmatischen November: Kolonialismus-Bewältigung in Ton und Tat, neue politische Musik, alte Bauhaus-Architektur und die queere Ovartaci-Ausstellung im Museum im Lagerhaus.

Corinne Riedener

 

Der Inhalt:

Reaktionen/Positionen
Mehr Siege für eine bessere Politik von Andreas Kneubühler
Nebenbei gay von Anna Rosenwasser
Warum? von Jan Rutishauser
Redeplatz mit Walter Boos
Stimmrecht von Farida Ferecli

Vom Eigensinn

«Aber gell, find emol e Bänd». Marina Niedermann schreibt traurige Songs und steht solo auf der Bühne.
Von Roman Hertler

Steff Signer, der Mann aus dem selbsterfundenen Hinterland, und sein eigensinniges Universum.
Von Hanspeter Spörri

7,42 Sekunden. Riccarda Dietsche ist eine der schnellsten Frauen der Schweiz. Eine Einzelkämpferin?
Von Corinne Riedener

Liebe und was man – allein – dagegen tun kann.
Von Veronika Fischer

Ein Hoch auf die Eichhörnchen.
Von Judith Altenau

Vom Eigen-Brot wird die Welt nicht satt.
Von Peter Surber

Spleen, Schrulle, Tick. Dem Eigensinn auf den Zahn gefühlt.
Von Rolf Bossart

Die eigenen vier Wände – Ladina Bischofs Bilder aus dem Saurer-Hochhaus.

Perspektiven

Im Himmel der Bücher: Flaschenpost aus Helsinki.
Von Urs Oskar Keller

Antigua: Schweizer Slavereigeschichte in der Karibik.
Von Hans Fässler

Zum Beispiel Rorschach: Autobahn-Milliarden oder der «kleinstmögliche Eingriff»?
Von Niklaus Reichle

Kultur

Bear Pit, Projekt ET und Simon Hotz: St.Gallens Musik wird wieder politischer.
Von Matthias Fässler

Neue CD und neue Opernpläne: Ein Gespräch mit dem Komponisten Charles Uzor.
Von Daniel Fuchs

«Afrikanischer» Opernstoff beschäftigt auch Alfons K. Zwicker.
Von Peter Surber

Der neue Gedichtband der in St.Gallen lebenden US-Lyrikerin Jan Heller Levi.
Von Claire Plassard

Die Doppelausstellung im Lagerhaus über Gender, sexuelle Identität und die Künstlerin Ovartaci.
Von Corinne Riedener

100 Jahre Bauhaus: die Ausläufer des «Neuen Bauens» und der Moderne in der Ostschweiz.
Von René Hornung

Der Verlag «da bux» in Buchs macht schlanke Bücher für die Jugend.
Von Bettina Kugler

Im Parcours: Too Mad, Tÿpo und Max Koller, Lyrik und Musik, 30 Jahre Ausserrhoder Kulturstiftung.

Abgesang

Boulevard
Kehls Kompass
Kellers Geschichten
Pfahlbauer
Comic von Julia Kubik

 

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
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Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
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Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
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Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,