Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Wir sind tapfer»

Willi Häne, freier Akkordeonist und Theatermusiker in St.Gallen, ist sich Aufs und Abs gewöhnt. So hart wie bei Corona war es aber noch nie. Ein Beitrag aus dem Juniheft.
Von  Peter Surber

Kürzlich einmal am Sonntag habe er sein Akkordeon genommen, sich auf den Balkon gestellt und ein Stück gespielt fürs Quartier. «Aber es gab nicht viele Reaktionen. St.Gallen ist halt doch nicht Neapel.» Willi Häne sagt es freundlich, nicht gross enttäuscht. Aber man merkt: Die Situation liegt ihm auf dem Magen. Die Corona-Situation. Auf einen Schlag waren alle seine Auftritte gestrichen, sein Instrument aus dem Verkehr gezogen, seine Kunst nicht mehr möglich. «ABGESAGT CORONA» steht auf seiner Website hinter Hänes Terminen.

Im Schnitt seien es etwa sechs Auftritte im Monat, entweder solo als Akkordeonist, zu viert mit seinen Formationen Lido Boys und Fiera Brandella oder beim Theater am Tisch mit den Schauspielern Marcus Schäfer und Diana Dengler. Hinzu kommen Engagements als Theatermusiker. Am Theater St.Gallen hat Häne die Musik zu Stücken von Shakespeare, Beckett oder Tschechow geschaffen, zu Zuckmayers Zirkusstück Katharina Knie und zuletzt zu Schnitzlers Das weite Land. Im Figurentheater war es das Janosch-Stück Oh wie schön ist Panama. Dieses Jahr soll (oder sollte) eine weitere Produktion im Figurentheater hinzukommen, die Bremer Stadtmusikanten. Im Oktober ist (hoffentlich) Premiere, Ende Mai sollten die Proben beginnen. «Wir wären zu viert, das geht gut mit Abstand. Ich bin guter Dinge», sagt Willi Häne.

Wenn der Motor läuft oder stottert

Mit Aufs und Abs hat er Erfahrung – ein bisschen wie die Igel im Stück Das Weltbild der Igel des Theaters am Tisch, mehr dazu hier. Wer freischaffend unterwegs sei, wisse: «Es gibt gute Monate und scheiss Monate.» Monate, in denen der Motor auf Hochtouren läuft. Und solche, in denen es blöd läuft, «Doppelanfragen und dann Doppelabsagen», Monate, in denen nichts klappen will. Das sei die Realität, auch ohne Corona, «da kommt dann aber niemand und will ein Interview», lacht er. 2019 war insgesamt ein gutes Jahr, die Lido Boys spielten am St.Galler Openair, es gab die Theaterengagements, und wenn es in anderen Jahren auch schon schlechter lief, dann gehöre auch das dazu. «Wir sind tapfer.»

Willi Häne. (Bild: Hannes Thalmann)

Diese Tapferkeit wird jetzt allerdings gerade auf eine harte Probe gestellt, die bisher härteste in seiner Laufbahn. Für Willi Häne, Mitte 50, war im März wie für alle auf einen Schlag Schluss mit Auftritten, es begann die Orgie von Verschiebungen und Absagen; schwierig für ihn, der auch das Management seiner Bands unter sich hat, schwierig darüber hinaus, dass seine Engagements rund zur Hälfte private Anlässe sind, die durch keine Ausfallmassnahmen des Kantons abgedeckt sind. Aber das Allerschwierigste seien «die Anfragen, die jetzt nicht kommen». Mitte Mai, als wir das Gespräch führen, weiss keiner, wie es mit dem Konzertverbot und dem Versammlungsverbot weitergehen wird. Termine für den Herbst, den Winter sollten gesetzt werden, üblicherweise laufe das rund, eins gebe das andere, «aber seit zwei Monaten kommen null Anfragen. Niemand getraut sich, alle warten ab.»

Seine Ausfälle hat Willi Häne bei der Sozialversicherungsanstalt angemeldet. Auch nicht ganz einfach, sagt er mit Blick auf die Corona-Bürokratie. Zwar gebe es vom Bühnenkünstlerverband und anderen Gremien eine Unmenge Ratschläge und Formulare, aber wenn er die dann genau anschaue, stelle er fest: «Das bin gar nicht ich.» Immerhin: Der provisorische Bescheid der SVA sei positiv, die Tagessätze wurden auf der Basis des Vorjahrs berechnet. Aber was an Aufträgen gar nicht hereinkomme, könne er naheliegenderweise nicht ausweisen. Noch treffe ihn das Ganze im Moment nicht existentiell, sagt Willi Häne.

Seine Frau hat ein Einkommen, er selber habe wenig Infrastruktur zu finanzieren, müsse keine Löhne zahlen, sein Instrument ist leichtes Gepäck, seine Fixkosten tief zu halten, sei er gewohnt. «Es kommt nichts herein – aber ich brauche auch wenig».

Schule in Gelassenheit

Was ihn trifft, geht über das Individuelle hinaus ins Grundsätzliche. Typisch dafür war der SVP-Antrag an der Sondersession in Bern, die Soforthilfe für von Corona betroffene Kulturschaffende zu streichen. Den Protestbrief von St.Galler Kulturschaffenden hat er auch unterzeichnet. Einmal mehr werde jetzt in Sachen Coronahilfe kritisiert, Künstler machten bloss «die hohle Hand» beim Staat. Das regt Willi Häne auf. «Wieviel Engagement für wie wenig Lohn die allermeisten Kulturschaffenden investieren, das können sich diese Leute gar nicht vorstellen.» Zum einen sei es bei ihm das erste Mal, dass er überhaupt Unterstützungsbeiträge beanspruche. Zum andern seien unzählige Kolleginnen und Kollegen ebenfalls mit bescheidenen Ansprüchen an die eigene Lebenshaltung unterwegs. «Wer finanzielle Sicherheit sucht, wählt einen anderen Beruf.» Künstlerisch tätig zu sein, sei aus einer materiellen Perspektive gesehen bloss eins: unvernünftig. «Aber wenn Kulturschaffende aufs Geld schauen würden, dann gäbe es keine Kultur.»

Vier Jahre lang hat Willi Häne Strassenmusik gemacht. Eine Schule in Gelassenheit – «wenn es regnet, verdienst Du keinen Rappen.» So könnte auch die Coronakrise zwar «ein Schock» bleiben, aber nicht mehr – dann, wenn sie bald einmal vorbei ist. Wenn nicht, dann allerdings sieht es für ihn und seine Profession düster aus. Finanziell und überhaupt: «Als Musiker braucht man Konzerte. Ich will nicht allein für mich üben, ich vermisse das Auftreten, auch den Applaus.» Zumindest kleinere Feste und Anlässe, hofft Willi Häne, sollen bald wieder möglich sein. «Wenn die Ansteckungszahl abwärts geht, dann geht es für mich aufwärts.»

Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.

 

 

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2