Morgens um halb sechs im Verteilerzentrum eines grossen Paketzustelldienstes. Die beiden Paketzusteller Matteo und Harry stehen in Arbeitskleidung vor einem Förderband und schauen auf die verschiedenen Pakete, die an ihnen vorbeilaufen. Hin und wieder ziehen sie ein Paket herunter, lassen es auf den Boden krachen oder pfeffern es in ihre weit geöffneten Lieferwägen.
…
Matteo: Im Wohnblock an der Bacherstrasse ist seit einer Woche der Lift kaputt. Nur schwere Pakete. Weiss der Geier was die alles bestellen. Die Tür unten ist offen. Die Kinder klemmen da Prospekte vom Spar rein. Ich schlepp das hoch und dann ist keiner daheim. Auch bei den Nachbarn. Der Fernseher läuft, und keiner macht die Tür auf. Auf dem ganzen Stock fünf Wohnungen und keiner macht auf. Und dann den schweren Scheiss wieder runter?
Harry: Gar nicht erst hochgehen. Benachrichtigungen in die Briefkästen und weiter.
Matteo: Zweiter Zustellversuch? Und dann alles nochmal?
Harry: Beim zweiten Versuch war eben auch keiner daheim. Selber schuld, wenn keiner aufmacht.
Matteo: Mir kommt nichts mehr ins Auto, was mal draussen war. Ich will den Wagen leer. Und der Elefant ist immer da.
Harry: Der mit den dicken Füssen oder?
Matteo: Der wartet schon auf mich. Will immer, dass ich ihm das reintrage.
Harry: Niemals reingehen. Wenn du reingehst, hast du verloren. Sind sofort fünf Minuten weg.
Matteo: Einmal tief Luft holen und rein. Er steht im Gang, mit der Katze auf dem Arm. Eine süsse kleine Katze, noch jung. Mit grünen, leuchtenden Augen. Er muss sie immer halten, in seinen dicken Armen. Die will natürlich raus, wenn mal endlich die Tür aufgeht. Man kommt kaum an ihm vorbei, schon gar nicht mit der Kiste auf dem Arm. Drinnen ists eng und dunkel. Nur das Aquarium und der Fernseher hat Licht. Im Aquarium gibt’s keine Fische. Nur Pflanzen, die alles zuwuchern, und sich leicht bewegen, wie in so einer Lavalampe. Er schlurft voraus mit seinen dicken Füssen, medizinische Strümpfe mit braunen Flecken und die Adidas-Latschen platzen fast. Ich stell ihm das Zeug immer schnell in die Küche. Haltbarmilch, Dosenbier, Tütensuppen, Extrawurst, Semmeln und Katzenfutter. Zweimal die Woche dasselbe.
Harry: Du packst das aus?
Matteo: Aber gestern hat er gar nicht aufgemacht. Dreimal hab ich geklingelt und gewartet. Also bei den Nachbarn geklingelt. Macht keiner auf. Ich steh blöd auf dem Gang.
Harry: Gar nicht erst hochgehen.
Matteo: Da ist mir eingefallen, er hat mich mal gebeten eine Topfpflanze aufzuheben. Irgend so ein hartes, stachliges Ding. Überall lagen diese Kugeln auf dem Teppich, die man statt echter Erde nimmt. Ich hab ihm die Pflanze wieder auf den Tisch gestellt und die Kugeln ein bisschen zusammengenommen. Und er hat mir erzählt, dass er sich nicht mehr bücken kann. Er hatte mal einen Fisch im Aquarium. Das war also nicht immer nur Lampe. Aber der Fisch ist ihm beim Reinigen aus dem Aquarium gehüpft und er konnte sich nicht bücken. Das geht nicht mit dem Bauch und den dicken Beinen. Also hat er versucht, das zapplige Ding mit dem Kehrbesen und einer Verlängerung wieder aufzuheben. Hat natürlich nicht funktioniert, er hat ihn nur unters Sofa geschoben. Unerreichbar zwischen Tostbrotbröseln und Staubflocken. Da lag er dann und hat gezappelt, plitsch, platsch. Und er stand daneben, auf seine Kehrbesenverlängerung gestützt, und hat die kleine Katze verscheucht. Bis ihm die Luft ausging und er sich wieder aufs Sofa gesetzt hat. An den Fisch unterm Sofa hab ich gedacht und stand mit dem Paket mit dem Bier und dem Katzenfutter auf dem Gang. Schon zehn vorbei und der Wagen immer noch gerammelt voll, die Express auch noch nicht alle weg. Aber der Fisch geht mir nicht aus dem Kopf. Also hab ich nochmal geklopft und gerufen. Die machen nicht gerne die Tür auf. In dem ganzen Haus. Tür aufmachen heisst immer Problem herein. Bis irgendwann so ein verschlafenes Mädel nebenan den Kopf rausstreckt und schaut was los ist. Ich sag ihr, ich hab ein Paket für den Nachbarn und ich muss auf Ihren Balkon, wenns sein muss, sagt sie und ich bin durch die Wohnung und auf ihren Balkon und über den Plastiktisch mit den vollen Aschenbechern und den kaputten Kinderwagen und wollte rüberschauen, zum Elefant. Da geht’s aber ganz schön runter, siebter Stock. Willst du das Paket da rüber schmeissen sagt sie, voll der Stress, die anderen stellen das auch nur vor die Tür und ich unterschreib was. Was wenn der hingefallen ist und auf dem Teppich zappelt? Ne, der ist doch im Spital. Den haben sie gestern abgeholt. Der hat doch immer was.
Zum Hören: Tobias Fend liest aus Pakete, Pakete.
Cafe fuerte ist das freie Theaterensemble von Tobias Fend, Schauspieler und Autor aus dem Vorarlberg, und der in Heiden aufgewachsenen Regisseurin Danielle Fend-Strahm. Für Mai 2020 war die Produktion Die Wand nach dem Roman von Marlen Haushofer geplant, mit Aufführungen in der Schweiz und in Österreich. Cafefuerte hat seinen Sitz in Hittisau (Bregenzerwald).
cafefuerte.ch
Tobias Fend in der vorletzten Produktion von Cafe fuerte: Bus. (Bild: pd)
Blackbox heisst die neue Rubrik auf saiten.ch. Ihre Einführung ist der Corona-Krise geschuldet. Der Kulturbetrieb steht seit Mitte März still, Konzerthäuser, Theater, Kinos, Museen, Clubs: geschlossen. Für das Publikum ist das schade, für viele Kulturschaffende weit mehr: eine existentielle Bedrohung. Die Saiten-Blackbox macht drum eine Bühne auf für Bilder, Texte, Filmbeiträge, Songs und anderes. Kein Streamen um jeden Preis, sondern Originale sollen hier zu sehen und zu hören sein, kurz kommentiert, erklärt oder einfach so. Und dies – soweit zumindest der Plan – über Corona hinaus.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.