Ein hochwertiger Bau, gute Akustik, 500 Plätze, ein imposantes Foyer – kein Wunder, dass sich für das Provisorium namens «Umbau», mit dem das Theater St.Gallen seit Sommer 2020 die Renovation des Theatergebäudes überbrückt, auch andere interessieren.
Saiten hatte bereits 2018 die Idee ins Spiel gebracht: Das Provisorium könnte man, statt es nach zwei Jahren wieder abzubrechen, weiter brauchen als provisorisches «Haus der Freien». Mit sinnvollen Anpassungen. Und an einem Standort, der noch zu finden wäre.
Die Resonanz auf den Vorschlag hielt sich in Grenzen, damals und auch bei weiteren Saiten-Beiträgen (unter anderem hier und hier) zum Thema. Und dies, obwohl der Raumbedarf für die freie Musik-, Theater- und Tanzszene buchstäblich seit Jahrzehnten die Kulturpolitik der Stadt begleitet.
Im neuen städtischen Kulturkonzept von 2019 ist das «Haus für die Freien» sogar zum expliziten Ziel erhoben worden, im Wortlaut: als «Raum mit Intendanz für die freie Szene als Produktions-, Arbeits-, Veranstaltungs- und Ausstellungsort».
Auch Theaterdirektor Werner Signer pflichtete unmittelbar nach der Eröffnung des Provisoriums bei: Das Haus sollte unbedingt erhalten bleiben. Der Entscheid liege allerdings beim Kanton als Besitzer der Baute.
Jetzt ist die Chance da. Der Kanton hat frühzeitig alle Gemeinden angeschrieben und ihnen das Provisorium angeboten. Bei Interesse sollten die Gemeinden eine Projektidee einbringen. Frühestens Ende Februar will die St.Galler Regierung entscheiden, wer den Zuschlag bekommt. Die Stadt St.Gallen wird es nicht sein.
«Für die freie Szene ungeeignet»
Stadtpräsidentin Maria Pappa begründet das Nein ihrerseits mit dem Kulturkonzept: Die Bedürfnisse der freien Szene haben für sie Priorität. Doch genau diese Bedürfnisse könnte das Provisorium mit seinem einzigen, für 500 Personen angelegten Saal nicht befriedigen. Für die «Freien» brauche es ein Haus mit kleineren, vielfältigen Räumen. Das Provisorium dafür umzubauen, hätte Kosten in Millionenhöhe verursacht.
Und: Es bräuchte einen Standort. Auch den sieht Pappa nicht. Am jetzigen Platz auf dem Unteren Brühl kann das Provisorium nicht stehen bleiben, da es sich um eine Grünzone handelt. Die Kreuzbleiche, das andere zentrumsnahe Areal, solle nicht mit einem fixen Bau besetzt werden. Und auf dem Güterbahnhofareal, wo bereits der temporäre Lattichbau stehe, seien die Aussichten zu ungewiss.
Nach vertiefter Prüfung sei der Stadtrat deshalb zu seinem Nein gekommen – und setzt für die freie Szene auf das bereits gestartete Pilotprojekt Pool im Lachenquartier.
Der Saal, hier mit dem Bühnenbild der Eröffnungspremiere 2020.
Zu teuer? Nicht geeignet? Das sehen andere Gemeinden anders. Das Departement Bau und Umwelt des Kantons gibt zwar keine Auskunft zum laufenden Geschäft, aber Nachfragen bestätigen, dass aktuell drei Gemeinden im Rennen sind: Altstätten, Buchs und Goldach.
Mit anderen Worten: Am Provisorium offenbart sich ein Stadt-Land-Graben der unkonventionellen Art. Die Landgemeinden sehen im Provisorium die Chance für einen kulturellen Aufbruch – die Hauptstadt hält es für ungeeignet.
Der Triangel von Goldach
In Goldach sei das Bedürfnis nach einem Gemeindesaal schon länger akut, sagt Gemeindepräsident Dominik Gemperle auf Anfrage von Saiten. Das Provisorium könnte als Kulturzentrum, als gesellschaftlicher Treffpunkt, als Ort für Events vielfältige Zwecke für die ganze Seeregion erfüllen – und wäre «kein 08/15-Saal» wie vielerorts sonst, sondern ein Objekt mit Ausstrahlung und Geschichte.
Goldach hätte auch schon den passenden Standort: ein freies Grundstück in der Zone für öffentliche Bauten, in Triangelform zwischen Bahngeleisen und Mühlegutstrasse, nah am Bahnhof gelegen und im Besitz der Gemeinde. Für den Abbruch und Wiederaufbau samt Anpassungen und Tiefgarage wäre mit Kosten um die 8 Millionen Franken zu rechnen, sagt Gemperle.
Falls Goldach den Zuschlag bekommt, soll die Idee an der Gemeindeversammlung zur Diskussion gestellt und der Kredit bei positiver Resonanz im November zur Abstimmung gebracht werden.
Die Allmend von Altstätten
Ähnlich tönt es auch ein paar Kilometer rheintalaufwärts in Altstätten. Auch hier wäre der Standort klar: die Allmend städtliauswärts Richtung Oberriet, wo jeweils die Rhema und andere Events stattfinden und wo eine Halle fehlt – aber bisher als zu teuer verworfen wurde.
Jetzt aber wäre das Provisorium «zu einem attraktiven Preis zu haben», sagt Stadtpräsident Ruedi Mattle auf Anfrage. Es könnte das Kulturangebot der Stadt vielfältig erweitern, für Theater, Konzerte von Volksmusik bis Klassik, für Messen und weitere Anlässe. Mattle spricht von einer Art «Halle für alle», mit Ausstrahlung auf die ganze Region.
Die Kosten für Abbruch und Wiederaufbau samt Anpassungen beziffert Altstätten grob auf 4,5 bis 6 Millionen Franken. Parkplätze wären bereits da, ein weiterer Pluspunkt. Und ein konkretes Beispiel hat Mattle auch zur Hand: Die Jubiläumstournee von Mummenschanz hätte man gern auch nach Altstätten gebracht, wo die Truppe zu Hause ist – aber dafür gab es keinen geeigneten Saal.
Andrerseits hat die Stadt erst gerade im Herbst 2021 das umgebaute historische Museum Prestegg eröffnet. 2,5 Millionen Franken steckte Alstätten selber in den Bau, das Diogenes-Theater hat hier einen modernsten Theatersaal erhalten, aber dem Besitzer des Gebäudes, dem Museumsverein, geht das Geld aus. Ob die Stadt das Gebäude übernehme, sei momentan Gegenstand von Abklärungen.
Die Museumsfrage lasse sich mit dem Hallenprojekt nicht vergleichen, relativiert Mattle. Aber wie im Fall des Museums müsste auch für das Provisorium ein Betreiber gefunden und mit Betriebskosten gerechnet werden. Bisher ist für die Allmend die Rheintal Messe und Event AG zuständig. Auch in Altstätten hätten die Stimmberechtigten das letzte Wort, voraussichtlich im Herbst.
Breite Trägerschaft in Buchs
In Buchs drückt man noch mehr aufs Tempo. Bereits am 15. Mai soll hier die Abstimmung über den Kredit stattfinden – falls die Stadt den Zuschlag für das Provisorium bekommt. Dafür macht sich gemeinsam mit dem Stadtrat Buchs eine eigens gegründete IG Kulturhalle Werdenberg stark.
Hinter der IG stehen gemäss Bericht im «Werdenberger & Obertoggenburger» die Kulturschaffenden Kuno Bont und Hansjürg Vorburger. Mit im Boot sind zudem die Musikschule Werdenberg und das Kulturlokal Krempel, das auf der Suche nach einem neuen Standort ist.
Das Provisorium soll in Bahnhofsnähe erstellt werden als Kultur- und Begegnungszentrum mit breiter Nutzung. In Buchs rechnet man dafür mit Kosten von 5 bis 6 Millionen Franken. Das neue Kulturzentrum Verrucano im nahegelegenen Mels hatte rund 35 Millionen Franken gekostet.
Kommt das Provisorium in eine der drei Städte, erfüllt sich zumindest, was Altstättens Stadtpräsident Ruedi Mattle so formuliert: «Ich hätte keine Freude daran, wenn die Halle weiterhin in der Hauptstadt stehen bliebe.» Dort gebe es bereits ein reichhaltiges Kulturangebot – das Provisorium solle deshalb an einen Ort kommen, wo in Sachen Kultur noch mehr Lücken bestehen.
Das Provisorium auf dem Unteren Brühl in St.Gallen.
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