Kategorie
Autor:innen
Jahr

Provisorium: Land toppt Stadt

Das Provisorium des Theaters St.Gallen kommt Ende 2023 weg, und zwar nach Goldach, Altstätten oder Buchs. St.Gallen hatte sich nicht beworben, Buchs dagegen plant bereits eine Volksabstimmung. Eine verpasste Chance für die Hauptstadt? Stadtpräsidentin Maria Pappa sieht das nicht so.
Von  Peter Surber
Foyer und Bar im Provisorium. (Bilder: Su.)

Ein hochwertiger Bau, gute Akustik, 500 Plätze, ein imposantes Foyer – kein Wunder, dass sich für das Provisorium namens «Umbau», mit dem das Theater St.Gallen seit Sommer 2020 die Renovation des Theatergebäudes überbrückt, auch andere interessieren.

Saiten hatte bereits 2018 die Idee ins Spiel gebracht: Das Provisorium könnte man, statt es nach zwei Jahren wieder abzubrechen, weiter brauchen als provisorisches «Haus der Freien». Mit sinnvollen Anpassungen. Und an einem Standort, der noch zu finden wäre.

Die Resonanz auf den Vorschlag hielt sich in Grenzen, damals und auch bei weiteren Saiten-Beiträgen (unter anderem hier und hier) zum Thema. Und dies, obwohl der Raumbedarf für die freie Musik-, Theater- und Tanzszene buchstäblich seit Jahrzehnten die Kulturpolitik der Stadt begleitet.

Im neuen städtischen Kulturkonzept von 2019 ist das «Haus für die Freien» sogar zum expliziten Ziel erhoben worden, im Wortlaut: als «Raum mit Intendanz für die freie Szene als Produktions-, Arbeits-, Veranstaltungs- und Ausstellungsort».

Auch Theaterdirektor Werner Signer pflichtete unmittelbar nach der Eröffnung des Provisoriums bei: Das Haus sollte unbedingt erhalten bleiben. Der Entscheid liege allerdings beim Kanton als Besitzer der Baute.

Jetzt ist die Chance da. Der Kanton hat frühzeitig alle Gemeinden angeschrieben und ihnen das Provisorium angeboten. Bei Interesse sollten die Gemeinden eine Projektidee einbringen. Frühestens Ende Februar will die St.Galler Regierung entscheiden, wer den Zuschlag bekommt. Die Stadt St.Gallen wird es nicht sein.

«Für die freie Szene ungeeignet»

Stadtpräsidentin Maria Pappa begründet das Nein ihrerseits mit dem Kulturkonzept: Die Bedürfnisse der freien Szene haben für sie Priorität. Doch genau diese Bedürfnisse könnte das Provisorium mit seinem einzigen, für 500 Personen angelegten Saal nicht befriedigen. Für die «Freien» brauche es ein Haus mit kleineren, vielfältigen Räumen. Das Provisorium dafür umzubauen, hätte Kosten in Millionenhöhe verursacht.

Und: Es bräuchte einen Standort. Auch den sieht Pappa nicht. Am jetzigen Platz auf dem Unteren Brühl kann das Provisorium nicht stehen bleiben, da es sich um eine Grünzone handelt. Die Kreuzbleiche, das andere zentrumsnahe Areal, solle nicht mit einem fixen Bau besetzt werden. Und auf dem Güterbahnhofareal, wo bereits der temporäre Lattichbau stehe, seien die Aussichten zu ungewiss.

Nach vertiefter Prüfung sei der Stadtrat deshalb zu seinem Nein gekommen – und setzt für die freie Szene auf das bereits gestartete Pilotprojekt Pool im Lachenquartier.

Der Saal, hier mit dem Bühnenbild der Eröffnungspremiere 2020.

Zu teuer? Nicht geeignet? Das sehen andere Gemeinden anders. Das Departement Bau und Umwelt des Kantons gibt zwar keine Auskunft zum laufenden Geschäft, aber Nachfragen bestätigen, dass aktuell drei Gemeinden im Rennen sind: Altstätten, Buchs und Goldach.

Mit anderen Worten: Am Provisorium offenbart sich ein Stadt-Land-Graben der unkonventionellen Art. Die Landgemeinden sehen im Provisorium die Chance für einen kulturellen Aufbruch – die Hauptstadt hält es für ungeeignet.

Der Triangel von Goldach

In Goldach sei das Bedürfnis nach einem Gemeindesaal schon länger akut, sagt Gemeindepräsident Dominik Gemperle auf Anfrage von Saiten. Das Provisorium könnte als Kulturzentrum, als gesellschaftlicher Treffpunkt, als Ort für Events vielfältige Zwecke für die ganze Seeregion erfüllen – und wäre «kein 08/15-Saal» wie vielerorts sonst, sondern ein Objekt mit Ausstrahlung und Geschichte.

Goldach hätte auch schon den passenden Standort: ein freies Grundstück in der Zone für öffentliche Bauten, in Triangelform zwischen Bahngeleisen und Mühlegutstrasse, nah am Bahnhof gelegen und im Besitz der Gemeinde. Für den Abbruch und Wiederaufbau samt Anpassungen und Tiefgarage wäre mit Kosten um die 8 Millionen Franken zu rechnen, sagt Gemperle.

Falls Goldach den Zuschlag bekommt, soll die Idee an der Gemeindeversammlung zur Diskussion gestellt und der Kredit bei positiver Resonanz im November zur Abstimmung gebracht werden.

Die Allmend von Altstätten

Ähnlich tönt es auch ein paar Kilometer rheintalaufwärts in Altstätten. Auch hier wäre der Standort klar: die Allmend städtliauswärts Richtung Oberriet, wo jeweils die Rhema und andere Events stattfinden und wo eine Halle fehlt – aber bisher als zu teuer verworfen wurde.

Jetzt aber wäre das Provisorium «zu einem attraktiven Preis zu haben», sagt Stadtpräsident Ruedi Mattle auf Anfrage. Es könnte das Kulturangebot der Stadt vielfältig erweitern, für Theater, Konzerte von Volksmusik bis Klassik, für Messen und weitere Anlässe. Mattle spricht von einer Art «Halle für alle», mit Ausstrahlung auf die ganze Region.

Die Kosten für Abbruch und Wiederaufbau samt Anpassungen beziffert Altstätten grob auf 4,5 bis 6 Millionen Franken. Parkplätze wären bereits da, ein weiterer Pluspunkt. Und ein konkretes Beispiel hat Mattle auch zur Hand: Die Jubiläumstournee von Mummenschanz hätte man gern auch nach Altstätten gebracht, wo die Truppe zu Hause ist – aber dafür gab es keinen geeigneten Saal.

Andrerseits hat die Stadt erst gerade im Herbst 2021 das umgebaute historische Museum Prestegg eröffnet. 2,5 Millionen Franken steckte Alstätten selber in den Bau, das Diogenes-Theater hat hier einen modernsten Theatersaal erhalten, aber dem Besitzer des Gebäudes, dem Museumsverein, geht das Geld aus. Ob die Stadt das Gebäude übernehme, sei momentan Gegenstand von Abklärungen.

Die Museumsfrage lasse sich mit dem Hallenprojekt nicht vergleichen, relativiert Mattle. Aber wie im Fall des Museums müsste auch für das Provisorium ein Betreiber gefunden und mit Betriebskosten gerechnet werden. Bisher ist für die Allmend die Rheintal Messe und Event AG zuständig. Auch in Altstätten hätten die Stimmberechtigten das letzte Wort, voraussichtlich im Herbst.

Breite Trägerschaft in Buchs

In Buchs drückt man noch mehr aufs Tempo. Bereits am 15. Mai soll hier die Abstimmung über den Kredit stattfinden – falls die Stadt den Zuschlag für das Provisorium bekommt. Dafür macht sich gemeinsam mit dem Stadtrat Buchs eine eigens gegründete IG Kulturhalle Werdenberg stark.

Hinter der IG stehen gemäss Bericht im «Werdenberger & Obertoggenburger» die Kulturschaffenden Kuno Bont und Hansjürg Vorburger. Mit im Boot sind zudem die Musikschule Werdenberg und das Kulturlokal Krempel, das auf der Suche nach einem neuen Standort ist.

Das Provisorium soll in Bahnhofsnähe erstellt werden als Kultur- und Begegnungszentrum mit breiter Nutzung. In Buchs rechnet man dafür mit Kosten von 5 bis 6 Millionen Franken. Das neue Kulturzentrum Verrucano im nahegelegenen Mels hatte rund 35 Millionen Franken gekostet.

Kommt das Provisorium in eine der drei Städte, erfüllt sich zumindest, was Altstättens Stadtpräsident Ruedi Mattle so formuliert: «Ich hätte keine Freude daran, wenn die Halle weiterhin in der Hauptstadt stehen bliebe.» Dort gebe es bereits ein reichhaltiges Kulturangebot – das Provisorium solle deshalb an einen Ort kommen, wo in Sachen Kultur noch mehr Lücken bestehen.

Das Provisorium auf dem Unteren Brühl in St.Gallen.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4