Kategorie
Autor:innen
Jahr

Dank dem «Land»: Kantonsrats-Ja zur Kultur

Überraschend: Der St.Galler Kantonsrat spricht fast eine halbe Million Franken zusätzlich für Kulturförderung. Der Entscheid innerhalb der Budgetdebatte fiel knapp, dank abweichenden CVP- und SVP-Stimmen insbesondere aus dem südlichen Kantonsteil.
Von  Peter Surber

26,5 Millionen Franken Überschuss sieht das Budget des Kantons 2020 vor. Voraussichtlich 117 Millionen im Plus schliesst die Rechnung 2019. Der Kanton hat damit mehr als eine Milliarde Franken auf der hohen Kante.

Entsprechend viel Lob von allen Fraktionen gab es für den abtretenden Finanzchef Beni Würth. Aber auch warnende Stimmen. Für die CVP kritisierte Yvonne Suter die hohe Staatsquote und Spesenexzesse in Teilen der Verwaltung. Christian Willi (SVP) forderte Sparmassnahmen angesichts möglicherweise sinkender Steuererträge, Erich Baumann (FDP) wünschte eine systematische Überprüfung der Staatsausgaben. Die Fraktion der SP/Grünen (Bettina Surber) setzte als einzige auf Investitionen, um als Kanton attraktiv zu bleiben. Dazu gehöre an vorderer Stelle die Kultur.

480’000 Franken zusätzliche Kulturausgaben: So lautete der gemeinsame Antrag von SP/Grünen und FDP. Der Betrag umfasst 250’000 Franken für die Dauerausstellung «Faszination Archäologie», die seit ihrer Eröffnung systemwidrig aus dem Lotteriefonds finanziert wird, 160’000 Franken für freie Projektförderungen und 70’000 Franken für die regionalen Kulturförderplattformen. Damit würde die Plafonierung der Kulturausgaben, welche das Parlament 2017 beschlossen hatte, ausgehebelt.

Das geschah dann auch, nach engagierter Diskussion, mit dem knappen Verhältnis von 58:54 Stimmen. Den Ausschlag gaben hauptsächlich drei Faktoren.

Erstens: Die persönlichen Statements

Bettina Surber erinnerte an ihre Generation, die zur Hauptsache in Zürich studierte – und dort hängenbleibe, weil St.Gallen keine attraktive Alternative sei. Es sei drum wichtig, in Kultur, in Kinderbetreuung und in Klimamassnahmen zu investieren. Parteikollege Martin Sailer machte am Beispiel seines Kleintheaters Zeltainer im Toggenburg klar, wieviel Wertschöpfung Kultur erbringe, und hielt ein flammendes Plädoyer gegen den Plafond.

Christian Spoerlé (SVP) und Matthias Müller (CVP) beteuerten die Bereitschaft der Gemeinden, mehr in die regionalen Förderplattformen einzubringen – was die Plafonierung beim Kanton jedoch verhindere. Und Daniel Bühler (FDP) nannte das im Bau befindliche Kulturzentrum Verrucano in Mels als Beispiel, dass der Kanton neue Initiativen fördern statt behindern solle.

Zweitens: Die ordnungspolitischen Argumente

Dass mit der Archäologie eine klassische Staatsaufgabe aus dem Lotteriefonds und nicht aus dem ordentlichen Haushalt finanzierte werde, sei «bundesrechtswidrig» (Etrit Hasler, SP) und könnte eines Tages auch bei Konzert und Theater St.Gallen ins Auge gehen – mit einem weit höheren Betrag. Die Ausstellung «Faszination Archäologie» biete zugleich hochstehende und niederschwellige Vermittlung, fügte Beat Tinner (FDP) bei.

Und Matthias Müller erinnerte daran, dass es in keinem anderen Bereich der Staatsausgaben überhaupt einen Plafond gebe; ein «Missstand», der «unsinnig, unnötig und unfair» sei.

Drittens: Die Solidarisierung im Süden

Schliesslich dürfte die wegen des Plafonds stockende Finanzierung der regionalen Förderplattformen eine wichtige Rolle gespielt haben, ebenso die Beispiele Mels und Bad Ragaz – namentlich in den südlichen Kantonsteilen. Am Ende stimmten, neben den geschlossenen Fraktionen von SP/Grünen und FDP, auch die Gemeindepräsidenten von Sargans (Jörg Tanner, GLP), Flums (Christoph Gull, SVP), Ebnat-Kappel (Christian Spoerlé, SVP) und Lichtensteig (Matthias Müller, CVP) gegen ihre eigenen Parteien, zudem Thomas Warzinek (CVP, Sargans), Stefan Kohler (CVP, Sargans), Walter Gartmann (SVP, Mels) und sowie die CVP-Vertreter Christoph Bärlocher (Eggersriet) und Bruno Cozzio (Uzwil).

Die Stadt St.Galler Delegation glänzte weniger. Stadträtin Sonja Lüthi (GLP) entschied sich für Stimmenthaltung, Stadtpräsident und Kulturvorsteher Thomas Scheitlin fehlte bei der Abstimmung.

Dank den «kulturaffinen Minderheiten» (Matthias Müller) vom «Land» gelang es, den Kulturplafond «moderat zu beerdigen», wie Martin Sailer es nannte. Tot ist er damit allerdings nicht. Im Rahmen der nächsten Ausgaben- und Finanzplanung AFP wird das Thema kommenden Februar wieder auf den Tisch kommen.

Darauf berief sich während der Debatte auch Regierungsrat Martin Klöti. Er lobte zwar sein eigenes Grossprojekt, die neue Ausstellung im Stiftsbezirk, und die «Leuchttürme» im Kanton von Kunstzeughaus bis Lokremise und Bad Pfäfers in den Himmel hinauf; den Kulturplafond wollte er aber auf eine künftige Ausgaben- und Finanzplanung verschoben wissen, ein Affront gegen die freien Kulturschaffenden und kleinen Institutionen.

IG Kultur lobt «kulturaffinen Kantonsrat»

«Drei Jahre Kulturplafond sind genug. Wer an der Kultur spart, spart an der Zukunft.» Mit diesem Slogan hatte die IG Kultur Ost am Dienstagmorgen gegen die Kulturplafonierung protestiert. Rund zwei Dutzend Kulturschaffende aller Sparten nahmen vor der Pfalz die Parlamentarierinnen und Parlamentarier ins Visier: mit Feldstechern, Ferngläsern, Opernguckern. «Kultur macht weitsichtig. Kultur macht scharfsichtig. Kultur macht St.Gallen attraktiv», hiess die Begründung für den Widerstand gegen das Einfrieren der Kulturgelder. Auch während der Budgetdebatte blieb das Parlament unter Beobachtung.

Entsprechend erfreut reagierte die IG per Communiqué auf das Ja zur Krediterhöhung, erinnerte aber zugleich daran, dass nach wie vor «zahlreiche Kulturschaffende zu ungenügenden Löhnen arbeiten und sehr viel Gratisarbeit geleistet wird».

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Gastkommentar von Jacques Michel Conrad

Ech­te Lö­sun­gen für ech­te Pro­ble­me

Von  Jacques Michel Conrad

Der In­nen­hof als Head­li­ner

Zum 20. Mal bringt das Kul­tur­fes­ti­val in­ter­na­tio­na­le Ent­de­ckun­gen und lo­ka­le Lieb­lings­bands in ei­nen der schöns­ten Kon­zer­tor­te St.Gal­lens. Zum Ju­bi­lä­um blickt Or­ga­ni­sa­tor Lu­kas Hof­stet­ter zu­rück – und be­haup­tet sich zu­gleich in ei­nem Mu­sik­ge­schäft, das für klei­ne­re Fes­ti­vals im­mer schwie­ri­ger ge­wor­den ist.

Von  Philipp Bürkler
Digitalism 1 2022 Kulturfestival Marcello Engi
Heftvorschau 07/08/26
Kunst im Sittertal, Sommertipps

Vor 40 Jah­ren grün­de­te Fe­lix Leh­ner in Bein­wil am See die Kunst­gies­se­rei, die 1994 nach St.Gal­len zog. Und vor 20 Jah­ren ent­stand er­gän­zend da­zu die Stif­tung Sit­ter­werk, die un­ter an­de­rem ei­ne welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Kunst­bi­blio­thek führt. Wir tau­chen ein in die­sen wun­der­sa­men Mi­kro­kos­mos im Sit­ter­tal. Aus­ser­dem in der Ju­li/Au­gust-Dop­pel­num­mer: die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps, die Fla­schen­post von An­na Stern aus Finn­land und das In­ter­view zum 100-Jahr-Ju­bi­lä­um un­se­rer Haus­dru­cke­rei Nie­der­mann. 

Saiten 260708 01 Cover 01

Dy­na­mik in Stein

Flo­ri­an Fuchs ar­bei­tet an ei­ner an­tik an­mu­ten­den, 2,5 Me­ter ho­hen Mar­mor­sta­tue. War­um in­ter­es­siert sich ein jun­ger Bild­hau­er für die­se klas­si­sche Her­an­ge­hens­wei­se? Ein Werk­statt­be­such in Fla­wil.

Von  Roman Hertler
01 Florian Fuchs Theano Foto Maria Mahler

Der Kul­tur­kampf

Es war das Jahr­zehnt der Kul­tur: In den 80ern kam die Stadt St.Gal­len zu ei­ner Kunst­hal­le, ei­nem Pro­gramm­ki­no, der Frau­en­bi­blio­thek, der Gra­ben­hal­le, ge­nos­sen­schaft­li­chen Bei­zen und an­de­rem. Wie das ge­lang und wer die Fä­den zog, zeich­nen Ralph Hug und Co­rin­ne Schatz im Buch Der gros­se Auf­bruch nach.

Von  Peter Surber
2606 80er JF Mueller 01

Die sub­ver­si­ve Kraft des Auf­be­geh­rens

Das Film­dra­ma Fuo­ri er­zählt ein kur­zes Ka­pi­tel der aus­ser­ge­wöhn­li­chen Le­bens­ge­schich­te ita­lie­ni­schen Schrift­stel­le­rin, Schau­spie­le­rin und Wi­der­stands­kämp­fe­rin Go­li­ar­da Sa­pi­en­za.

Von  Karsten Redmann
Fuori 3

Die Ge­füh­le dre­hen sich

Mit ver­schreck­ten Se­cu­ri­tys in ei­ner bun­ten In­sze­nie­rung von An­ge­li­ka Zacek prä­sen­tiert das Vor­arl­ber­ger Lan­des­thea­ter in Bre­genz Shake­speares Ein Som­mer­nachts­traum.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ein Sommernachtstraum David Kopp Maria Lisa Huber Nurettin Kalfa c Anja Koehler

Tri­umph­marsch ge­gen den Krieg

Die St.Gal­ler Fest­spiel-Oper spielt die­ses Jahr im Haus statt auf dem Klos­ter­platz – ein Glücks­fall für Ver­dis Ai­da, die mensch­lich und mu­si­ka­lisch in die Tie­fe geht. Mo­de­s­tas Pi­t­re­nas di­ri­giert ein letz­tes Mal, Ben Baur in­sze­niert bild­stark.

Von  Peter Surber
6477 konzert und theater st gallen aida 2026 036

Der Ap­fel, der bö­se Wolf und Will­helm Tell 

Im Werk 2 in Ar­bon dreht sich der­zeit al­les um My­then. «Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten» ist ei­ne äs­the­ti­sche Aus­stel­lung, die mit ih­rem sehr brei­ten My­thos­be­griff ar­bei­tet und viel­fäl­ti­ge Ge­schich­ten un­ter ei­nem Dach ver­eint.

Von  Vera Zatti
IMG 9656

Neue Eigenproduktion

Mit Walt Whit­man in die Zu­kunft 

Von  Vera Zatti
DB0 A7992

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26