«Wir akzeptieren den massiven Kulturabbau nicht und wollen gemeinsam ein Zeichen des Widerstands setzen. Es trifft uns alle, darum zählen wir auf euer aktives Mitwirken!» Mit diesen Worten rief eine Gruppe mit dem Namen Hopp Kultur zu Protestaktionen gegen das Kultursparen auf. Nein, das war nicht Ende 2018, das war Mitte Juni 2013.
Zur Debatte stand damals das kantonale Sparpaket 3. Es enthielt Sparbefehle im Kulturbereich von gesamthaft 820’000 Franken, darunter die Halbierung der Betriebsgelder für die Kunstzone in der Lokremise, den Verzicht auf das Rom-Atelier und weitere Einschnitte.
Die Protestaktion von 2013.
«Hopp Kultur» machte mit Plakaten und Klebern Lärm. Geholfen hat es wenig – wenn man von der Mobilisierung der Szene absieht. Diese hatte immerhin zur Folge, dass das Rom-Atelier von einem Freundeskreis privat weiterfinanziert wurde. Diese private Zwischenfinanzierung läuft dieser Tage aus. Die neue Lösung ab 2019 ist eine überkantonale Kooperation mit Graubünden und dem Fürstentum Liechtenstein, mehr dazu hier.
Das Unwort des Jahres: Kulturplafonierung
Diesem kleinen Erfolg standen seither weitere Sparübungen entgegen. Die langfristig gravierendste leistete sich ebenfalls das Kantonsparlament: Es hat 2017 erstmals eine Plafonierung der Kulturausgaben auf dem Stand von 2017 beschlossen und diese im Februar 2018 verlängert bis ins Jahr 2021. Betroffen war unter anderem die Archäologie-Ausstellung, die erst zwei Jahre zuvor feierlich eröffnet worden war – und jetzt den Geldhahn abgedreht kriegte.
Die Folgen waren und sind aber umfassender, wie Andreas Kneubühler schrieb: «Der Antrag bedeutet, dass eine Erhöhung der Beiträge ausgeschlossen ist, auch wenn beispielsweise das Angebot erweitert werden könnte, weil es dafür mehr als genug Publikum gibt. Anders gesagt: Keine zusätzlichen Ausstellungen, keine neueröffneten Kulturorte. Eine tiefgefrorene St.Galler Kulturlandschaft.»
Die Plafonierung ist von der Parlamentsmehrheit von SVP und CVP durchgeboxt worden. FDP und SP/Grüne waren dagegen, inklusive Kulturminister Martin Klöti, der sich im Saiten-Interview 2017 denn auch gründlich ärgerte: «Stets geht es darum, weniger Geld auszugeben oder zumindest nicht mehr. Von Gestaltungswillen und vom Engagement der Politik für die Gesellschaft ist hingegen kaum etwas zu spüren. Rundherum sehe ich sehr viel Eigeninitiative und freiwilliges Engagement, sei es im Gesundheitswesen, in der Kultur, im Sport, im Sozialen oder in der Bildung. Bloss beim Staat wird einzig ans Geld gedacht.»
Die Plafonierung wirkt sich bereits auch auf städtische Projekte aus; seither gebe es «weniger und reduzierte Beiträge» des Kantons, stellt Katrin Meier fest. Bedroht sei aber auch der kulturelle Aufschwung in den Landregionen, wo sich der Kanton und die Gemeinden fifty-fifty an der Finanzierung von regionalen Kulturprojekten beteiligen. Meiers Fazit: Die Kulturplafonierung «drückt auf viele ein wenig – nicht spektakulär, aber spürbar.»
Eine weitere Kultur-Ohrfeige war der Entscheid des Kantonsrats, das Klanghaus-Projekt im Toggenburg zu versenken; es kommt in einer finanziell entlasteten Variante nächstes Jahr immerhin doch noch vors Volk.
Und jetzt also die Kulturschere in der Stadt: Der Stadtrat reagiert damit auf den Entscheid im Stadtparlament, den Steuerfuss um 3 Prozentpunkte zu senken, der Kommentar dazu hier.
Das Palace begründet – und protestiert
In einem Sonder-Newsletter äusserte sich am Samstagabend das Palace zur Nicht-Erhöhung des Betriebsbeitrags. «Unser Antrag für eine Subventionserhöhung war gut begründet», heisst es darin. «Seit der Gründung 2006 hat sich das Palace zu einem Betrieb mit rund 50 Mitarbeitenden entwickelt, erhielt aber seither keine Subventionserhöhung. Jährlich unterstützt uns die Stadt mit 200’000 Franken, wobei 60’000 davon direkt wieder als Miete an die Stadt zurückgehen. Die jetzt geplante Erhöhung wäre bescheiden gewesen, erst der Anfang für eine langfristige Sicherung des Betriebs.»
Ausserdem treffe der Entscheid auch das Sitterwerk, dem eine Subventionserhöhung um 15’000 Franken ebenfalls verwehrt wurde. Und betroffen sei letzlich die ganze Kulturszene.
Wie kurzsichtig dies sei, zeige ein Blick zurück. «Mitte des letzten Jahrzehntes fand in der Stadt und im Kanton St.Gallen ein kultureller Aufbruch statt. Die Lokremise mit Kinok und Theater wurde gegründet, eine neue Museumsstrategie mit dem Neubau des Naturmuseums und dem Umbau des Kunstmuseums in Angriff genommen, die Bibliothek in der Hauptpost entstand und auch das Palace. All diese Häuser wurden zu beliebten öffentlichen Treffpunkten und Diskussionsorten.»
Viele dieser Projekte seien durch Druck von unten entstanden und verwirklicht worden dank einer Politik, «die für einen kurzen Moment mutig in die Zukunft blickte und sich von der sonst üblichen Ostschweizer Skepsis befreite. Durch die simple Steuersenkungs- und Sparpolitik werden diese Errungenschaften in Frage gestellt. Als ob tiefere Steuern Leben in die Strassen bringen würde und nicht die Kultur.»
Der Speckgürtel soll mitzahlen
Kurzum: Grund genug zum Widerstand. Dieser scheint sich momentan zu formieren – nicht zuletzt auch aus dem Ärger heraus, dass die Stadt gerade mit grossem Schwung und breiter Beteiligung ein neues Kulturkonzept aufgleist – und gleichzeitig schnöde den Sparhebel ansetzt.
Das Palace hofft in seinem Newsletter daher, «dass wieder eine Bewegung in St.Gallen entsteht», und nennt schon einmal die wichtigsten Anläufe: einen Antrag im Stadtparlament, Subventionserhöhungen für das Palace, das Sitterwerk und weitere Betriebe wieder zu ermöglichen; ein Ende der kantonalen Kulturplafonierung; vorwärts machen mit dem Umbau des Kunstmuseums.
Und, zentral: eine Debatte darüber, die reichen Gemeinden im Umland der Stadt besser an den Kulturausgaben zu beteiligen.
Hopp Kultur macht sich weiter bemerkbar: Mit einer Kundgebung, einem Protest-Spaziergang durch die Innenstadt und einem Manifest für die Kantonsräte.
Wörter als Protest-Waffe: Die alte Kunst wird in St.Gallen gerade neu belebt - im Widerstand gegen die Kultursparerei des Kantons.
Fünfzigtausend Franken im Jahr kostet den Kanton St.Gallen das Atelier in Rom. Jetzt soll es weggespart werden. Visarte wehrt sich.
Beim dritten Sparpaket des Kantons St.Gallen Ende Juni soll nicht zuletzt die Kultur zur Kasse kommen. Worum es geht – und wo der Widerstand bleibt.
Spät kommt er, aber er kommt: der Widerstand gegen die Kultur-Kürzungen im 3. St.Galler Sparpaket.
Gespart wird, wo die Kulturförderung einen Hauch von Grosszügigkeit hatte: bei den Beiträgen, mit denen kulturelle Projekte erst ermöglicht werden.
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller