Der erste Eindruck: riesig. Der Eingangsflur mit den Garderoben ist breit, das Foyer mit raumlanger Bar, imposanter Höhe und der Galerie, die zum Theatersaal führt, eine Wucht – und im Saal haben 500 Sessel scheinbar locker Platz. Die Bühnenfläche und der Orchestergraben: ungefähr so gross wie das Original nebenan im Theater.
Blick in den Theatersaal mit den Kulissen zur Händeloper. (Bilder: Su.)
Der technische Leiter Georges Hanimann relativiert: Im Provisorium stehen im Vergleich zum Theater nur rund 40 Prozent des Volumens zur Verfügung. Es gibt keine Seitenbühne, keinen Schnürboden und keinen Bühnenturm, was Umbauten erschwert und den Inszenierungen Grenzen setzt.
Hinter den Kulissen wird es nochmal enger: Garderoben, Schminke, Technikräume sind durch schmale Gänge erschlossen, aber eng war es auch schon vorher im Paillard-Bau – die dortigen prekären Platzverhältnisse sind mit ein Grund für die Renovation.
Der Bauplatz direkt vor der Tonhalle macht es möglich, dass sich das 50 Meter lange und 26 Meter breite Provisorium unterirdisch erweitert: Die Requisiten haben im Untergeschoss der Tonhalle Platz gefunden, für die Kantine wurde eine Ecke des dortigen Foyers abgetrennt. Praktisch ist die Anbindung an die Tonhalle auch fürs Orchester.
Georges Hanimann, der technische Leiter des Theaters, im Requisitenraum mit einem «Mitspieler» im Black Rider.
Aber von all dem wird man wenig merken. Das Provisorium, von Gähler Flühler Architekten entworfen und von Blumer-Lehmann ganz in Holz (mit Ausnahme der Blechfassade) erstellt, duckt sich gegen hinten und macht nach vorne auf. Es ist ganz auf das Publikum ausgerichtet: Dieses wird mit grosser Geste empfangen.
Hoffen auf das Publikum
Wenn es denn kommt… «Hoffentlich» war das Wort der Stunde bei der Einweihungsfeier am Samstagnachmittag. «Hoffentlich», sagt der geschäftsführende Direktor des Theaters, Werner Signer, klappt es mit den ersten Produktionen trotz Corona, mit der Opernpremiere, Händels Giulio Cesare in Egitto am nächsten Samstag, mit Black Rider eine Woche später, mit Dschungelbuch und der Wiederaufnahme des Musicals Wüstenblume im November, mit The Sound of Music im Dezember.
Die ersten Produktionen sind dank schmalerer Orchesterbesetzung zum Glück coronatauglich – der Zweimeterabstand für Blasinstrumente und die anderthalb Meter für Streicher können im Orchestergraben eingehalten werden.
Garderobe und Rampe zum Foyer.
«Hoffentlich», sagt die St.Galler Baudirektorin Susanne Hartmann in ihrer Ansprache, lasse sich auch das Publikum vom Virus nicht davon abhalten, den neuen Bau «mit allen Sinnen» zu erkunden.
Die Kultur sei von Corona in besonderem Mass betroffen, bekräftigt Kulturministerin Laura Bucher und hofft ihrerseits, dass der prächtige Saal sich füllen werde. Das Schutzkonzept sei verlässlich, das Theater geübt darin, flexibel zu sein. «Tragen Sie dazu bei, dass das kulturelle Leben im Kanton nicht einschläft», appelliert sie ans Publikum.
Ein Provisorium für 25 Jahre?
Und dann knallt es kurz – das Licht geht aus im Provisorium, aber der Knalleffekt ist bloss inszeniert, das Haus steht. Vorerst für die kommenden zweieinhalb Jahre – aber wenn es nach dem Willen der Verantwortlichen geht, noch länger. Das hochwertige Gebäude müsse unbedingt über die Zeit des Umbaus hinaus erhalten bleiben, 25 Jahre könne es mindestens halten, sagt Theaterdirektor Werner Signer beim Rundgang. Es erfülle alle Anforderungen bezüglich Sicherheit und Brandschutz. Ein solcher Bau sei «eine Riesenchance für die Kulturstadt St.Gallen».
Auch die Holzbauer Blumer-Lehmann schreiben in ihrem Kommentar zum Bau lakonisch: «Geplant ist, dass das Provisorium nach seinem Einsatz nicht entsorgt, sondern andernorts wiederaufgebaut wird. Ideen gibt es genug, noch fehlt der Platz.»
Schauspieldirektor Jonas Knecht im Foyer.
Die Idee einer Weiterverwendung hat Saiten bereits 2018 aufgebracht – und mehrfach, unter anderem hier diskutiert. Der Ruf der freien Szene nach Spiel- und Proberäumen für Theater, Tanz, Performance und andere Künste ist seit Jahren ein Thema – so dringend, dass die Vision eines Hauses für die «Freien» sogar ins neue städtische Kulturkonzept Eingang gefunden hat. Die Einsicht dort: St.Gallen hat nicht nur zu wenig Raum für die hier arbeitenden Ensembles, sondern ist auch von nationalen Gastspielen weitgehend abgeschnitten, weil das Haus dafür fehlt.
Schauspieldirektor Jonas Knecht pflichtet auf dem Rundgang bei: Entsprechend baulich angepasst mit Räumen, die einer zeitgenössischen Theaterästhetik mehr entsprechen als der Guckkasten, wäre das Provisorium geeignet als von verschiedenen Playern betriebenes Theater- und Tanzhaus. Und über mögliche künftige Standorte ist ebenfalls bereits bereits nachgedacht worden: Das Güterbahnhof-Areal, die Brachen beim Bahnhof St.Fiden oder die Kreuzbleiche wären denkbar.
Der Kanton St.Gallen hat es in der Hand, ihm gehört das Gebäude. Sicher ist: Das Provisorium hätte das Zeug dazu, die seit langen Jahren beklagten Raumprobleme insbesondere für die freie Theater-, Tanz- und Musikszene der Hauptstadt zu lindern.
Bis es soweit ist, kann man sich auf die Räume freuen und einstellen. Nicht nur der Saal, auch das hohe Foyer samt der zu ihm hinführenden Rampe ist ein theatralischer Raum par excellence. Das Theater verspricht dort zusätzliche kleinere Produktionen, noch sind sie erst ein Versprechen. Und die riesige Bar, so stand es im Terzett, soll «zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Treffpunkt werden».
Theatralisch: Das Foyer mit Galerie und Fensterfront zum Park.
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