Kategorie
Autor:innen
Jahr

HSG ins Toggenburg!

Das Little WEF ist fertig, die CEO-Belagerung der Stadt St.Gallen samt «chauffeur-driven transport from and to Zurich Airport, Business Airport St. Gallen-Altenrhein or St. Gallen railway station» überstanden, jetzt kann man wieder mit kühlem Kopf über die HSG nachdenken. Manuel Märklin tut es.
Von  Gastbeitrag , 

Hand aufs Herz: Fühlen Sie sich als St. Gallerin? Oder sind Sie nicht viel mehr einfach Gasterländer oder Rheintalerin, Wiler oder wie ich Stadt St. Galler? Der Kanton St. Gallen ist nur für die Wenigsten eine Herzensangelegenheit, schliesslich wurde er unseren Vorfahren von einem Franzosen aufgenötigt. Nach einigen Geburtswehen hat sich der Kanton dann aber doch wacker durchs neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert geschlagen. Gefestigt ist er dennoch nur halbwegs.

Und jetzt, gut zweihundert Jahre nach seiner Gründung, hat eine sich bürgerlich nennende Kantonsratsmehrheit in einer Art von neoliberalem Fieberwahn begonnen, den Staat soweit krank zu sparen, dass bald nur noch ein magersüchtiges Kantönlein übrigbleibt. Höchste Zeit also, diesem unseligen Treiben ein Ende zu setzen. Eine Idee muss her, die zeigt, dass staatliches Handeln mehr sein kann als Steuern einzutreiben und Polizisten durchs Land zu schicken. Eine Idee, die das Zeug hat, dem schwindsüchtigen Staatswesen neues Leben einzuhauchen.

Etwas ausholen muss ich aber noch. Gerne wird behauptet, der Kanton müsse sich dem nationalen und internationalen Standort-, sprich Steuerwettbewerb stellen, damit es vorwärts geht im Lande. Dabei ist in Vergessenheit geraten, dass ein Staat auch andere Pfeile im Köcher hat, um einer gedeihlichen Entwicklung seiner Volkswirtschaft Vorschub zu leisten. Investitionen ins Bildungswesen beispielsweise sind hervorragend geeignet, um in diesem Sinne Grosses zu wagen. Deshalb: Zügeln wir die Universität St. Gallen von der Stadt aufs Land. Und zwar ins Toggenburg!

Lassen Sie mich erklären, warum wir damit mindestens sieben Fliegen auf einen Streich erschlagen.

1 Fliege_1

Die Universität, besser bekannt als HSG, leidet seit langem unter ihrem eigenen Erfolg und kämpft mit Platzproblemen. Hier wird ein Büro dazu gemietet, dort ein zusätzliches Provisorium aufgestellt, allmählich verteilen sich ihre Räumlichkeiten über die ganze Hauptstadt. Wachsen, das heisst noch mehr Studentinnen und Studenten in die Ostschweiz locken, möchte die Unileitung weiterhin, aber leider fehlt der Platz. Dazu kommt der langgehegte Traum eines einheitlichen Campus – nach angelsächsischem Vorbild. Was liegt also näher als ein Umzug?

2 Fliege_1

Das Toggenburg bietet sich als Ziel dafür geradezu an. Seit dem Niedergang der Textilindustrie kämpft das Tal mit strukturellen Problemen. Die Gegend gilt als wirtschaftsschwach und die Jungen wandern ab. Vielen gut (und auch weniger gut) gemeinten Projekten ist es bisher nicht gelungen, diesen Trend umzukehren. Seit kurzem steigt auch noch der Druck aus dem Linthgebiet, die in Wattwil ansässige Kantonsschule über den Ricken und damit näher zur Mehrheit ihrer Schülerinnen zu zügeln.

3 Fliege_1

Eine Uni neben der Kanti: Das wäre die doppelte Rettung. Die Gebäude passen wunderbar zusammen, siehe Bilder unten, die HSG käme gerade recht, um der gebeutelten Talschaft Schwung zu geben. Bauen wir einen neuen Uni-Campus im Toggenburg, schön zentral in Wattwil!

4 Fliege_1

Mit genügend Platz und frischer Luft kann sich nun auch die HSG neu erfinden. Als erste und einzige Landuniversität der Schweiz bekommt sie ein neues Alleinstellungsmerkmal, und die nahen Churfirsten lassen sich der ausländischen Studentenschaft blendend verkaufen. Wohnraum und Bodenpreise sind günstig, und wer’s doch lieber städtisch mag: Die Kantonshauptstadt liegt läppische 30 Zugminuten entfernt und Zürich ist auch nicht weit.

5 Fliege_1

Die Kantonshauptstadt profitiert ihrerseits von dieser Lösung. Als zentralörtlicher Dienstleister spielt die HSG für die Stadtbevölkerung eine untergeordnete Rolle, viele Studierende haben mit der Stadt kaum etwas am Hut. Mit dem Wegzug der Uni wird dafür Wohnraum frei in einem privilegierten Wohnquartier (neue Steuerzahler!), und die Universitätsgebäude können an die Fachhochschule übergeben werden, die trotz Neubau beim Hauptbahnhof ebenfalls schon über Platzmangel klagt.

6 Fliege_1

Wenn wir schon beim Geldausgeben sind: Warum führen Uni und Fachhochschule nicht gleich noch ein paar neue Studiengänge ein? Wie wär’s zum Beispiel mit Architektur und Informatik, einer medizinischen oder, aufs Toggenburg massgeschneidert, einer agrarwissenschaftlichen Fakultät? Auch die Ostschweizer Wirtschaft braucht Fachkräfte. Werden diese hier ausgebildet, werden sie sich eher bei uns Arbeit suchen.

7 Fliege_1

Damit und zuguterletzt zu den Finanzen: Ja, die Sache kostet eine Stange Geld, sicher einen dreistelligen Millionenbetrag. Woher soll der klamme Kanton das Geld nehmen, werden Sie sich fragen? Die Staatskasse ist leer, weil die Kantonsratsmehrheit dies so gewollt hat. Steuern aber können auch wieder angehoben werden, und Schuldenmachen zum Investieren ist keine Todsünde. Die Ausgaben werden sich schon mittelfristig mehr als auszahlen – im Toggenburg, aber auch im Rest des Kanton.

Am Anfang jeder Veränderung steht eine Idee. Der Kanton St.Gallen war einst eine solche Idee, eine Kopfgeburt von Kanton. Mit der HSG im Toggenburg wird diese Idee endlich handfeste Wirklichkeit.

kanti_2

hsg_3

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover