Wenn man vom Konsulat auf die gegenüberliegende Strassenseite schaut, blickt man auf die letzten verlotterten Resten des alten St.Galler Bleicheli-Quartiers. Nur noch Tauben wohnen dort. Nicht mehr lange allerdings, denn die besagten Häuser an der Frongartenstrasse 6 und 8 sollen demnächst abgerissen werden. Danach ist vom einstigen Handwerks-Quartier nichts mehr übrig.
So wie dem Bleicheli, wo heute die Raiffeisen das Sagen hat, ist es auch anderen Orten im Zentrum St.Gallens ergangen: An der Wassergasse zum Beispiel steht heute das Einstein Kongresszentrum, die Häuser an der St.Leonhardstrasse, wo früher das Rümpeltum und die Veloflicki waren, mussten dem «St.Leopard» weichen und jene hinter dem Bahnhof der Fachhochschule.
Die alten Quartierstrukturen sind verschwunden und mit ihnen auch das Gewusel und der günstige Wohnraum. Heute geht es in der Innenstadt ziemlich brav und vor allem geschäftig zu und her.
Top-down statt Bottom-up
Das ist kein St.Galler Problem. Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse sind in etwa so global wie der kapitalistische Antrieb, der dahinter steckt. Quartierentwicklung ist heute auch in vielen anderen Städten nur noch selten ein Prozess, der von unten angeschoben wird und organisch wächst. Am wenigsten bei den «Filetstücken» des urbanen Raums, die man lieber einigen zahlungskräftigen Investoren und Immobilienfirmen anvertraut statt denen, die da schon immer wohnen und arbeiten. Damit man die Rendite auch ja nicht aus den Augen verliert.
Gegen diese Entwicklungen wurde (und wird) natürlich immer auch protestiert – mit Demos und Hausbesetzungen, mit Kunst und Kultur, mit politischen Vorstössen und Aktionen. Oder mit Diskussionsplattformen wie jüngst in St.Gallen der «Tisch hinter den Gleisen», der sich für einen partizipativen Weg am Bahnhof Nord stark machte – und es immerhin geschafft hat, dass die Stadt vor zwei Jahren auch eine Art «Tisch hinter den Gleisen» lancierte und damit gefühlt dasselbe nochmal von vorne versuchte.
Aufwertung und Verdrängung am Parkplatzfest
In St.Gallen läuft ohnehin einiges in Sachen Raum- und Stadtpolitik. Die HSG plant seit geraumer Zeit die glorreiche Zukunft des Rosenbergs und der Torstrasse, der Marktplatz soll zum x-ten Mal neu erfunden werden, dieses Mal mit einem vermeintlich partizipativen Verfahren und das Rümpeltum, das momentan noch an der Haldestrasse beheimatet ist, müsste eigentlich in ein Provisorium nach St.Fiden umziehen, sofern denn die SBB die Wasserleitungen wieder freigeben oder endlich anderweitig spuren. Und schliesslich wären da noch all die Parkplätze und Tiefgaragen, die rundherum für rote Köpfe sorgen. Und das «Entwicklungsgebiet Güterbahnhof», dessen Zukunft ebenfalls ungewiss ist und derzeit unter anderem das Lattich-Projekt beherbergt.
Parkplatzfest 2017: 22. bis 24. Juni, Grabenhalle St.Gallen.
Diskussionspotenzial gibt es also noch und nöcher in dieser Stadt. Umso löblicher ist es, dass die Grabenhalle ihr zehntes Parkplatzfest dem Thema Aufwertung und Verdrängung widmet (mehr dazu vorerst nur in der Juni-Printausgabe von Saiten und ab Mitte Juni auch online). Zur Einführung wurde am Freitagabend, gut zehn Jahre nach der Premiere im Palace, noch einmal der Dokfilm Auf- und Abbruch in St.Güllen von Jan Buchholz und Thomas Koller gezeigt – eine Chronik der Abbrüche in den Jahren von 2002 bis 2006.
Der Film hinterlässt eine gute Mischung aus Nostalgie und Melancholie, nicht zuletzt dank der vielen Bilder von früher und heute, die einander mittels Splitscreen gegenübergestellt sind. Auf der einen Seite das rauschende Fest im Rümp, auf der anderen das tötelige St.Leopard-Gebäude. Links das frohe Frohegg, rechts Pipilottis Wohnzimmer und der Raiffeisen-Architekt, der stolz von seinen gleich grossen «Büros ohne Hierarchie» erzählt. Hier das legendäre Gambrinus an der Wassergasse, dort das protzige Kongressgebäude neben dem Einstein.
Dazwischen immer wieder: Bagger, die ganze Häuserzeilen einreissen und mit ihren langen Hälsen aussehen wie Giraffen oder Dinosaurier. (Für die Firma Eberle dürften diese Abbruch-Jahre äusserst rentabel gewesen sein.)
Andere Ausdrucksformen, dieselbe Kritik
Manches war anders damals. Die Art der Proteste, die Protagonistinnen und Protagonisten, die Slogans. Die Kritik jedoch ist dieselbe geblieben. Wenn Martin Amstutz im Film sagt, dass Projekte wie das St.Leopard vor allem dazu dienen, Geld umzuwälzen und dass die Stadt ein kulturelles Problem habe, «wenn die Leute es zulassen, dass die Stadt zu einer Schaltzentrale für Kapital wird», könnte er das genauso gut diese Woche gesagt haben. Dasselbe gilt für Peter Röllin, der vom ominösen «City-Druck» spricht und davon, dass die Nischen verloren gingen. Oder für Wolfgang Steiger, der den Verlust billigen Wohnraums bedauert.
«St.Gallen – Endstation», heisst es in der Zugdurchsage am Anfang des Films. Ganz so schlimm ist es wohl noch nicht, aber wer sich eine buntgemischte, lebendige und erschwingliche Umgebung wünscht, muss früher oder später vielleicht doch schon in Bruggen oder erst in St.Fiden aussteigen, um sich zu entfalten. Die «Durcheinanderstadt», die sich viele wünschen, findet man jedenfalls nicht zwischen Bahnhof, Klosterviertel und Marktplatz.
Dazu passt auch die eine Szene in der Mitte des Films, in der sich eine alte Frau mit Gehstock die Bahnhofsunterführung zum Gleis 2 hinaufschleppt. Ist es die Metapher für eine Stadt, die den Anschluss versucht zu erwischen – irgendeinen? Könnte man so deuten. Angesichts der Marktplatz-Diskussionen, der jüngsten Ereignisse im Linsebühl-Spielplatz oder den Lärmklagen letztes Jahr am Weihern-Openair könnte uns das Bild aber auch etwas viel simpleres sagen: Seht her, selbst die Alten ergreifen die Flucht!
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
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