Der Traum von der Durcheinanderstadt

Der Dokfilm «Auf- und Abbruch in St.Güllen», der am Freitag in der Grabenhalle gezeigt wurde, beleuchtet das städtebauliche Kapitel der Jahre 2002 bis 2006. Manches war anders damals, doch die Kritik an der Aufwertungs- und Verdrängungslogik bleibt bis heute dieselbe.
Von  Corinne Riedener
Bilder: Screenshot Auf- und Abbruch in St.Güllen.

Wenn man vom Konsulat auf die gegenüberliegende Strassenseite schaut, blickt man auf die letzten verlotterten Resten des alten St.Galler Bleicheli-Quartiers. Nur noch Tauben wohnen dort. Nicht mehr lange allerdings, denn die besagten Häuser an der Frongartenstrasse 6 und 8 sollen demnächst abgerissen werden. Danach ist vom einstigen Handwerks-Quartier nichts mehr übrig.

So wie dem Bleicheli, wo heute die Raiffeisen das Sagen hat, ist es auch anderen Orten im Zentrum St.Gallens ergangen: An der Wassergasse zum Beispiel steht heute das Einstein Kongresszentrum, die Häuser an der St.Leonhardstrasse, wo früher das Rümpeltum und die Veloflicki waren, mussten dem «St.Leopard» weichen und jene hinter dem Bahnhof der Fachhochschule.

Die alten Quartierstrukturen sind verschwunden und mit ihnen auch das Gewusel und der günstige Wohnraum. Heute geht es in der Innenstadt ziemlich brav und vor allem geschäftig zu und her.

Top-down statt Bottom-up

Das ist kein St.Galler Problem. Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse sind in etwa so global wie der kapitalistische Antrieb, der dahinter steckt. Quartierentwicklung ist heute auch in vielen anderen Städten nur noch selten ein Prozess, der von unten angeschoben wird und organisch wächst. Am wenigsten bei den «Filetstücken» des urbanen Raums, die man lieber einigen zahlungskräftigen Investoren und Immobilienfirmen anvertraut statt denen, die da schon immer wohnen und arbeiten. Damit man die Rendite auch ja nicht aus den Augen verliert.

Gegen diese Entwicklungen wurde (und wird) natürlich immer auch protestiert – mit Demos und Hausbesetzungen, mit Kunst und Kultur, mit politischen Vorstössen und Aktionen. Oder mit Diskussionsplattformen wie jüngst in St.Gallen der «Tisch hinter den Gleisen», der sich für einen partizipativen Weg am Bahnhof Nord stark machte – und es immerhin geschafft hat, dass die Stadt vor zwei Jahren auch eine Art «Tisch hinter den Gleisen» lancierte und damit gefühlt dasselbe nochmal von vorne versuchte.

Aufwertung und Verdrängung am Parkplatzfest

In St.Gallen läuft ohnehin einiges in Sachen Raum- und Stadtpolitik. Die HSG plant seit geraumer Zeit die glorreiche Zukunft des Rosenbergs und der Torstrasse, der Marktplatz soll zum x-ten Mal neu erfunden werden, dieses Mal mit einem vermeintlich partizipativen Verfahren und das Rümpeltum, das momentan noch an der Haldestrasse beheimatet ist, müsste eigentlich in ein Provisorium nach St.Fiden umziehen, sofern denn die SBB die Wasserleitungen wieder freigeben oder endlich anderweitig spuren. Und schliesslich wären da noch all die Parkplätze und Tiefgaragen, die rundherum für rote Köpfe sorgen. Und das «Entwicklungsgebiet Güterbahnhof», dessen Zukunft ebenfalls ungewiss ist und derzeit unter anderem das Lattich-Projekt beherbergt.

Parkplatzfest 2017: 22. bis 24. Juni, Grabenhalle St.Gallen.

Diskussionspotenzial gibt es also noch und nöcher in dieser Stadt. Umso löblicher ist es, dass die Grabenhalle ihr zehntes Parkplatzfest dem Thema Aufwertung und Verdrängung widmet (mehr dazu vorerst nur in der Juni-Printausgabe von Saiten und ab Mitte Juni auch online). Zur Einführung wurde am Freitagabend, gut zehn Jahre nach der Premiere im Palace, noch einmal der Dokfilm Auf- und Abbruch in St.Güllen von Jan Buchholz und Thomas Koller gezeigt – eine Chronik der Abbrüche in den Jahren von 2002 bis 2006.

Der Film hinterlässt eine gute Mischung aus Nostalgie und Melancholie, nicht zuletzt dank der vielen Bilder von früher und heute, die einander mittels Splitscreen gegenübergestellt sind. Auf der einen Seite das rauschende Fest im Rümp, auf der anderen das tötelige St.Leopard-Gebäude. Links das frohe Frohegg, rechts Pipilottis Wohnzimmer und der Raiffeisen-Architekt, der stolz von seinen gleich grossen «Büros ohne Hierarchie» erzählt. Hier das legendäre Gambrinus an der Wassergasse, dort das protzige Kongressgebäude neben dem Einstein.

Dazwischen immer wieder: Bagger, die ganze Häuserzeilen einreissen und mit ihren langen Hälsen aussehen wie Giraffen oder Dinosaurier. (Für die Firma Eberle dürften diese Abbruch-Jahre äusserst rentabel gewesen sein.)

Andere Ausdrucksformen, dieselbe Kritik

Manches war anders damals. Die Art der Proteste, die Protagonistinnen und Protagonisten, die Slogans. Die Kritik jedoch ist dieselbe geblieben. Wenn Martin Amstutz im Film sagt, dass Projekte wie das St.Leopard vor allem dazu dienen, Geld umzuwälzen und dass die Stadt ein kulturelles Problem habe, «wenn die Leute es zulassen, dass die Stadt zu einer Schaltzentrale für Kapital wird», könnte er das genauso gut diese Woche gesagt haben. Dasselbe gilt für Peter Röllin, der vom ominösen «City-Druck» spricht und davon, dass die Nischen verloren gingen. Oder für Wolfgang Steiger, der den Verlust billigen Wohnraums bedauert.

«St.Gallen – Endstation», heisst es in der Zugdurchsage am Anfang des Films. Ganz so schlimm ist es wohl noch nicht, aber wer sich eine buntgemischte, lebendige und erschwingliche Umgebung wünscht, muss früher oder später vielleicht doch schon in Bruggen oder erst in St.Fiden aussteigen, um sich zu entfalten. Die «Durcheinanderstadt», die sich viele wünschen, findet man jedenfalls nicht zwischen Bahnhof, Klosterviertel und Marktplatz.

Dazu passt auch die eine Szene in der Mitte des Films, in der sich eine alte Frau mit Gehstock die Bahnhofsunterführung zum Gleis 2 hinaufschleppt. Ist es die Metapher für eine Stadt, die den Anschluss versucht zu erwischen – irgendeinen? Könnte man so deuten. Angesichts der Marktplatz-Diskussionen, der jüngsten Ereignisse im Linsebühl-Spielplatz oder den Lärmklagen letztes Jahr am Weihern-Openair könnte uns das Bild aber auch etwas viel simpleres sagen: Seht her, selbst die Alten ergreifen die Flucht!

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

FC St.Gal­len vs. FC Thun – Vi­ze­meis­ter ge­gen Meis­ter

Im letz­ten Spiel der Sai­son trifft der FC St.Gal­len auf den neu­en Schwei­zer Meis­ter aus Thun. Wie wird das Kehr­aus­spiel? Die Ant­wort live im SENF-Ti­cker ab 16.30 Uhr.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Phy­sik und er­schöpf­te Ma­schi­nen

Ca­li­ne Aoun in­ter­es­sie­ren die Mo­men­te der Ver­än­de­rung, die Über­gän­ge und Zu­stän­de. Ih­re Aus­stel­lung in Kunst­mu­se­um und Kunst­hal­le Ap­pen­zell wird zum En­de der sechs­mo­na­ti­gen Lauf­zeit ei­ne an­de­re sein als zu Be­ginn. 

Von  Kristin Schmidt
Kunsthalle Appenzell Caline Aoun 03 High Res RGB

Un­ter­schrift als Re­li­quie

Der 1100. To­des­tag von Wi­bora­da – In­klu­sin, Stadt­hei­li­ge und Pro­jek­ti­ons­flä­che – ist zur­zeit The­ma viel­fäl­ti­ger Ak­ti­vi­tä­ten. Zu den High­lights ge­hört ei­ne mut­mass­li­che Un­ter­schrift, zu be­sich­ti­gen in der Aus­stel­lung im St.Gal­ler Re­gie­rungs­ge­bäu­de.

Von  Peter Müller
Unterschriften2

Gastkommentar

Kul­tur­jour­na­lis­mus – ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Not­wen­dig­keit

Von  Johannes Sieber
Johannes sieber

Schü­ler:in­nen auf den Spu­ren Wi­bora­das

An­na Beck-Wör­ner hat ein Wi­bora­da-Un­ter­richts­heft er­ar­bei­tet. Im Pos­ten­lauf, der durch St.Gal­len führt, kön­nen Schü­ler:in­nen an­hand von Wi­bora­das Le­bens­weg lehr­plan­kon­form The­men wie Ge­mein­schaft, Le­bens­form, Bü­cher oder Iden­ti­tät er­ar­bei­ten.

Von  Kathrin Reimann
2605 Wyborada Laura Tura Crossing

Stras­sen­kunst als Ent­schleu­ni­gung

Am Wo­chen­en­de bringt das Auf­ge­tischt-Fes­ti­val wie­der über 100 Stras­sen­künst­ler:in­nen aus al­ler Welt in die Gas­sen der Stadt St.Gal­len. Wir ha­ben mit Dai­a­na Min­ga­rel­li vom Duo Dai­a­na Lou über die Ei­gen- und Be­son­der­hei­ten des Bus­king ge­spro­chen.

Von  Philipp Bürkler
Daiana Lou

Heavy Psych Sounds Fest

Fes­ti­val der schwe­ren Gi­tar­ren­klän­ge

Von  David Gadze
Weedpecker 25 BW 6 50

Ro­ter Tep­pich und ro­te Li­ni­en

Der pein­li­che bis in­halts­lee­re Auf­tritt des Tech-Fa­schis­ten Cur­tis Yar­vin hat die Be­richt­erstat­tung über das dies­jäh­ri­ge St.Gal­len Sym­po­si­um do­mi­niert. Am Mon­tag ha­ben – vor al­lem geis­tes­wis­sen­schaft­li­che – Ex­po­nent:in­nen der HSG in ei­nem öf­fent­li­chen Ge­spräch ver­sucht, Yar­vins lan­gen Schat­ten zu ver­we­deln.

Von  Roman Hertler
3 F1 A3554 web

Was­ser, Drag und Vir­gi­nia Woolf

Die St.Gal­ler Thea­ter­kom­pa­nie Roh­stoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr ak­tu­el­les Thea­ter­stück in der Kel­ler­büh­ne. Wie in ei­nem Rausch er­zählt Or­lan­do* von Ge­schlech­ter­nor­men, Grenz­auf­lö­sun­gen und Ver­wand­lun­gen. 

Von  Vera Zatti
LUX 9420 JPG 1500 by Leni O

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta