In der Alten Post im Linsebühl werden seit Mitte der 90er-Jahre Schaltergeschäfte der eher künstlerischen Art getätigt. Im Point Jaune Museum wird seit 1998 mittwochabends ein «Wochenblatt» gestaltet. Vor drei Wochen erschien die handgesetzte N° 998, zur tausendsten Woche «Wochenblatt» feierte dieses Vernissage und die N° 1000 wurde kollaborativ gestaltet.
Grund genug, dem Herausgeber des «Wochenblatts», Martin Amstutz, ein paar Fragen zu stellen. Wie es sich für den Postpostismus anbietet, wurden diese schriftlich beantwortet. Und wie es sich für die ‘Pataphysik gehört, wurde damit die Welt erklärt: Merdre.
Saiten: Mit einer würdigen Fete wurde letzten Mittwoch das Entstehen der tausendsten Nummer des allmittwochabendlich produzierten Wochenblatts begleitet. Eine wahnsinnige Zahl, nächstes Jahr wird das Wochenblatt unglaubliche 20 Jahre alt. Daher eine erste Frage, in Gedanken z.B. die massgebenden Performances des Konzeptkünstlers Tehching Hsieh, der unter anderem die lebensfernen Spektakel-Ebenen des Kunstmarkts kritisiert, herbeiziehend: Ist das Wochenblatt eigentlich eine konzeptuelle Performance, welche insbesondere Zeit thematisiert, z.B. als «Phantasie im Laderaum», wie sie Fred Moten und Stefano Harney beschreiben?
Martin Amstutz: Klar dient das «Wochenblatt» dem Postpostismus nicht nur als experimentelles Medium, sondern auch als Vehikel zur Erforschung der Zeit und der damit verbundenen Selbsvergewisserung. «I kept myself alive» (Hsieh) ist ein Gedanke, der sich jeden Mittwoch und erst recht jeden Aschermittwoch aufdrängt.
Es wäre eine Freude, wenn das, was Moten und Harney «Haptikalität» nennen, in diesen Blättern zu finden wäre. Sicher kann das Wochenblatt aber als das betrachtet werden, was die beiden Autoren in den Undercommons ein Kapitel weiter vorne als «Plan» umschreiben.
Im Auge des gentrifizierenden Sturms: Ist die Alte Post Milieu, oder ist das schon Kreativindustrie? Anders gedreht, ist der Postpostismus der Postpost insbesondere als Kritik an der Stadtplanung zu verstehen, die solche gemeinsamen Räume, die ausserhalb des Etiketts von Quartiervereinen fungieren, gar nicht zur Kenntnis nimmt?
Der Museumsbegriff, wie er im Point Jaune gepflegt wird – das altgriechische μουσεῖον als Ort der Musen, epikureische Zugänge inklusive – deutet darauf hin, dass die Alte Post Linsebühl mit der dort betriebenen Forschung, dem Austausch, aber auch mit der gepflegten Geselligkeit eher Milieu ist. In der angeschlossenen funktionellen Offizin entstehen jedoch auch Akzidenzen und Plakate. Gelegentlich fliesst dabei Kreativität ein, das industrielle Ausmass hält sich derweil in Grenzen.
Stadtentwicklung ist ein Thema, dessen situationistische Implikationen schon im Café Zerem, einem Vorläuferprojekt der Postpost, prägend waren und das selbstverständlich auch im Rahmen des Postpostismus beobachtet und diskutiert wird. Ob eine Stadtplanung jenseits kapitalistischer Verwertungslogik in St.Gallen derzeit überhaupt existiere, ist dabei eine wiederkehrende Frage. Von einer derartigen Stadtplanung ignoriert zu werden, kann für gemeinsame Räume im Übrigen durchaus eine Chance sein.
Der Satz der aktuellen Nummer.
Die vielbesungene Krise der Printmedien: Das handgesetzte «Wochenblatt» hält sich an keine Normen und ist gegenüber solcher Krisen eine Antithese. Was kann der Postpostismus zur Zukunft der Medien sagen? Wird es vermehrt um antizyklisches Rebellieren gehen oder um Arbeit im Sinne des glücklichen Sisyphos, den Du auch schon als «ersten Rock’n’Roller» bezeichnet hast?
Die Einzelstücke des «Wochenblattes» bewegen sich tatsächlich etwas abseits der Konvention. Bei den gedruckten Ausgaben ist es hingegen von Vorteil, die Normhöhe von 23.56 mm einzuhalten. Letztere Originalgrafiken erfreuen sich langsam aber stetig wachsender Beliebtheit und waren schon verschiedentlich an Gruppen- und Einzelausstellungen im In- und Ausland zu sehen. «Letterpress», wie es auf Englisch heisst, verbindet weltweit, ob es nun um das Vergesellschaften von Arbeits- und Kommunikationsmitteln geht oder um kleinbürgerliches Gewerbe. Dass der nur zum Teil von Nostalgie getragene Trend zur Haptik des Handgedruckten, der seit den 90er-Jahren anhält, früher oder später selbst St.Gallen erreichen wird, kommt dem entgegen.
Und ja: Handsatz und -druck ist stille Raserei gegen den rasenden Stillstand – gleichzeitig Rock’n’Roll und Sisyphosarbeit. Beides macht glücklich.
Figuren wie Trump oder Blocher sind äusserst schlecht inszenierte Plagiate von Alfred Jarrys König Ubu. Es kann durchaus gesagt werden: Leser*innen des «Wochenblatts» wunderten sich nicht über deren Erfolg, konnten über den pataphysischen Gehalt solcher Absurditäten lachen und wissen als Spezialist*innen imaginärer Lösungen sogar die Antwort auf die Frage, wie es weiter gehen kann. Was ermöglicht z.B. der fünfte Buchstabe in «Merdre» hinsichtlich der schwierigen Gegenwartsbewältigung?
Hätte die ’Pataphysik ein Rezept zur Rettung der Welt anzubieten, würde Asger Jorns Vorwurf, sie sei eine entstehende Religion, zutreffen. Dem ist nicht so. Dass Macht immer absurd ist, wissen ja nicht nur Leser*innen des Wochenblattes, erschreckend sind Aufstiege von Diktaturen aber allemal. Mit der Figur des Ubu hat Alfred Jarry ein Bild geschaffen, das bis heute die sich allenthalben zeigenden autoritären Tendenzen der Lächerlichkeit preiszugeben vermag. Wo das Gelächter die Angst überwindet, entsteht Raum für imaginäre Lösungen.
Obwohl sich die Wissenschaft des Instituts für Angewandte ’Pataphysik (I’PA) eher an Dr. Faustroll als an Ubu orientiert, ermöglicht der zusätzliche Buchstabe Kommunikation mit anderen pataphysischen Einrichtungen von Sovere über London und Paris bis Ubuenos Aires. Und in den Setzkästen des Point Jaune lagert noch manch ein zusätzliches r.
Welches waren die Höhepunkte in 1000 Wochen «Wochenblatt»? Und abschliessend: Da das «Wochenblatt» schon lange, bevor das Internet herausfand, dass Katzen cool sind, nach der grünen Katze sucht, wo wurde sie gesichtet und welches sind ihre spezifischen Eigenschaften?
Während der Sonderkorrespondent Naranath Bhranthan in jedem Mittwoch einen absoluten Höhepunkt erkennt, vertritt die Mitarbeiterin Mme Kaemo die Meinung, dieser stehe mit Erscheinen der N° 1001 unmittelbar bevor.
Eine Katze mit gewissen Tendenzen zum Grün wurde zuletzt im Haus der Sinne in Berlin gesichtet, wo das Café Deseado auf dem Weg nach Gransee gastierte. Eine grüne Jadekatze klopfte jüngst an die Tür der Postpost, dem Absender sei an dieser Stelle gedankt.
Das Wochenblatt kann abonniert werden bei der Postpost und wird derzeit ausgestellt in der Eremitage Gransee.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.