Zwischen zwei grossen Bauvolumen eingeklemmt – dem neuen Verwaltungszentrum am Oberen Graben und dem Modehaus C&A – stehen sie noch: die beiden letzten Zeugen des ehemaligen Handwerkerquartiers Bleicheli, das zum Raiffeisenquartier geworden ist. Der Wandel begann allerdings bevor die Bank hier neu baute. Über Jahrzehnte hinweg verschwanden die zweigeschossigen Häuschen und nur noch zwei stehen – verlottert und unbewohnbar – an der Frongartenstrasse 6 und 8, gegenüber des – inzwischen geschlossenen – italienischen Konsulats.
Proteste in den 80er-Jahren
Die Visiere zeigen es an: Die Tage dieser zwei Häuschen sind gezählt. Nach einer rund sieben Jahre dauernden Planungszeit, Verhandlungen mit Grundeigentümern und mehreren Diskussionen mit dem Sachverständigenrat für Städtebau und Architektur hat das Architekturbüro Rüsch & Rechsteiner nun ein Baugesuch eingereicht, das den Blockrand auf der Rückseite des Modehauses C&A schliesst.
Der alte Gestaltungsplan, mit dem in den frühen 1980er-Jahren das C&A-Haus gebaut wurde, sei aber nicht mehr brauchbar gewesen, stellt Hansueli Rechsteiner, einer der beiden planenden Architekten fest. Jener Neubau hatte noch zu heftigen Protesten geführt, weil dafür andere Bleicheli-Häuser abgebrochen und Wohnraum vernichtet wurde. Gleichzeitg ging es auch um den Umbau der Vadianstrasse in eine Fussgängerzone. Es kam im Frühling 1981 sogar zu einer Besetzung in einem der nachher abgebrochenen Häuser, in der Frongartenstrasse 4.
Architekt Hansueli Rechsteiner, der das aktuelle Projekt bis hierher begleitet hat, wird es nicht mehr selber realisieren. Er ist bereits als neuer Stadtbaumeister gewählt und wird im September sein Amt antreten. Mit Blick auf seine künftigen Aufgaben sei ihm an diesem Beispiel klar geworden, dass Gestaltungspläne eigentlich ein Verfalldatum bräuchten. Architektur sei derart vielen Modeströmungen ausgesetzt, dass ein paar Jahre alte Planungen meist überholt seien.
Visualisierung: Rüesch & Rechsteiner AG
Veloabstellplätze statt Parkgarage
Gebaut werden soll für geschätzte 5,5 Millionen Franken ein gemischt genutztes Haus mit fünf Wohnungen, Büros und einem Ladengeschoss – aber ohne Parkgarage, dafür mit Veloabstellplätzen, wie die Architekten unterstreichen. Für die elf theoretisch benötigten Parkplätze wird die private Bauherrschaft eine Ersatzabgabe zahlen.
Die Fassade wird jeweils über zwei Stockwerke vorspringen. Es wird eine markante Bauskulptur entstehen. Damit diese auskragenden Teile nicht mit dicken Böden und Decken aus dem Fassadenbild herausfallen, haben die Architekten nach Diskussionen mit dem Sachverständigenrat auf eine starke Dämmung verzichtet – der Bau wird deshalb nicht in der strengen Minergie-P-Norm erstellt, da «die städtebaulichen und architektonischen Vorzüge nicht mehr umgesetzt werden könnten», heisst es in einer Ergänzung zum Baugesuch.
«Den Massstab des Neubaus hat das benachbarte Verwaltungsgebäude des Kantons gesetzt», erklärt Rechsteiner weiter. Das Projekt übernehme die neue Gebäudehöhe im Quartier. Die zwei alten Häuschen zu erhalten sei nie zur Diskussion gestanden. Eines hatte einen grösseren Wasserschaden und wurde amtlich für unbewohnbar erklärt. Innen seien beide arg verbaut, es gebe kaum mehr Originalsubstanz und sie waren nie inventarisiert.
Auch gegenüber wird sich in absehbarer Zeit etwas verändern. Das italienische Konsulat steht zum Verkauf und das daneben stehende mächtige Haus Frongartenstrasse 11 soll saniert werden. Es gehört dem katholischen Konfessionsteil – der seine Büros dort aber geräumt hat. Für dieses Haus starten Rüsch & Rechsteiner gerade eine Nutzungs- und Sanierungsstudie.
Eigentlich wenig erstaunlich, dass sie in der Strasse so viel zu tun haben – sie haben ihr eigenes Büro just nebenan, ebenfalls an der Frongartenstrasse. Der Frongarten war der «einer geistlichen Herrschaft gehörende Garten». Bis 1807 lag hier, knapp ausserhalb des Altstadtgrabens, ein klösterlicher Garten. Die Garten- und die Frongartenstrasse erinnern noch an ihn.
Bye-bye-Garten, bye-bye Bleicheli.
Bilder: René Hornung
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