Was vor zehn Jahren als politkulturelle Intervention begann, hat sich mittlerweile zu einem dreitägigen Event gemausert: das alljährliche Parkplatzfest der Grabenhalle. Den Anlass dazu gaben damals die Parkplätze vor der «Halle für alle», die aufgehoben werden sollten. Das ist zwar bis heute nicht geschehen, soll nun aber bald der Fall sein. Soll.
Die St.Galler Grabenhalle versteht sich als permanente Intervention ins Stadtgeschehen, als Ort zur Schaffung öffentlicher und gemeinschaftlicher (Frei-)Räume. Seit dem ersten Fest wurde über eine alternative Nutzung des Parkplatzes diskutiert. Und nicht nur das: Es wurden und werden regelmässig auch andere raum- und stadtpolitische Fragen gestellt. Mal lauter, mal leiser.
Buy Buy St.Pauli
Dieses Jahr stehen verschiedene Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse im Zentrum. Den Auftakt am Donnerstag macht der Film Buy Buy St. Pauli von Irene Bude, Olaf Sobczak und Steffen Jörg. Die bewegende Dokumentation zeigt den Kampf um die legendären Esso-Häuser in Hamburg, einen Plattenbau-Komplex aus den 60ern, der 2014 abgerissen wurde. 220 Wohnungen hatten sich darin befunden, Demonstrationen und Unterschriftensammlungen wurden organisiert, um den Abriss zu verhindern.
Im Film wird die Lage aus verschiedenen Blickwinkeln geschildert, mit Statements von zahlreichen Aktivisten, Bewohnerinnen, Lokalpolitikern und Investorinnen, inklusive Klobürsten-Demo und Megafon-Tanz. Irene Bude und Steffen Jörg werden am Donnerstag anwesend sein und Auskunft geben über die Entstehung des Films und die heutige Situation in Hamburg.
Der Film und die darin aufgeworfenen Themen sollen unter anderem als Grundlage für Tag zwei des Parkplatzfestes dienen, für die Podiumsdiskussion am Freitagabend. Dort werden Stadträtin Maria Pappa (SP), der Hamburger Aktivist Florian Kasiske, Stadtparlamentarier Etrit Hasler (SP) und die Dozentin Maren Schreier (Soziale Arbeit) über die St.Galler Stadtentwicklung und über mögliche Widerstandsstrategien gegen die Verwertungs- und Verdrängungslogik diskutieren. Und nicht zuletzt auch über den Vorplatz der Grabenhalle sprich über die Parkplätze, die in hoffentlich absehbarer Zeit verschwinden.
Hallo Gentrifizierung
Der Diskussionsstoff an diesem Abend dürfte den Anwesenden jedenfalls nicht so schnell ausgehen. Auch angesichts dessen, dass man bei der Stadt das Wort Gentrifizierung bis heute eher ungern in den Mund nimmt. Lieber redet man von «Verschiebung» oder noch lieber: von «Aufwertung». Sicher, das Bleicheli- oder das St.Leopardquartier wurden in den vergangenen Jahren durchwegs «aufgewertet», jedenfalls sind sie kaum wiederzuerkennen, so gesittet und gewerbeorientiert wie es dort heute zugeht. Gewohnt und gelebt wird in diesen Quartieren aber nur noch bedingt, zumindest in den unteren Preisklassen. Das heutige Bild ist von Büros und Geschäften geprägt, vom Mietpreis per Quadratmeter.
Parkplatzfest 2017: 22. bis 24. Juni, Grabenhalle St.Gallen grabenhalle.ch, parkplatzfest.ch, buybuy-stpauli.de
Hinter solchen «Verschiebungsprozessen» stehen in der Regel ökonomische Interessen, sagt die Politgruppe der Grabenhalle: «Die öffentliche Hand, die Herren Investoren, die Eliteuniversität, Mieterinnen und Mieter mit unterschiedlichen Portemonnaies, die Autos und die hysterische Parkhauslobby, Immobilienhaie und Firmen konkurrieren um die besten Filetstücke des begehrten städtischen Raums.» Die Stadt als Ganzes solle «unternehmerisch» geführt werden, sei den tristen Regeln des Marktes und der ökonomischen Verwertung unterworfen, hochpoliert von Standort- und Imagepolitik. Wer von einer solchen, auf Rendite ausgerichteten Stadtentwicklung profitierte, und wer auf der anderen Seite unerwünscht sei und vertrieben werde, liege auf der Hand: «Punks müssen der 340. Gartenbeiz weichen. Eckkneipen hippen Biotempeln. Günstige Wohnungen Büro- komplexen.»
Für den Grabenhalle-Parkplatz hat die Gruppe noch keinen konkreten Plan, dafür viele schöne Worte parat: «Ich möchte nicht Standortfaktor, nicht Poliermittel für das Stadtimage, keine Bilanzzeile des Unternehmens St.Gallen und nicht Komplize der Monotonie und Tristesse der bürokratisierten Stadt sein, in der alles zugewiesen, reglementiert, fertiggeplant, überwacht und geputzt ist. Ich will ein lauter Ort sein, von Menschen in Besitz genommen und gestaltet, wo niemand die Konsumbedürfnisse anderer befriedigen muss. Ich will werden.»
Bonsoir Capital Youth
Wir sehen, es gibt weiterhin Diskussionspotenzial beim Dauerbrenner Stadtplanung. Damit die ganze Chose nicht zu ernst wird, ist das Parkplatzfest auch dieses Jahr wieder mit ordentlich Musik und anderem umrahmt. Am Donnerstag nach dem Film ist Ping-Pong angesagt zu den Klängen von DJ Naurasta Selecta. Am Freitag nach dem Podium gibt Niels van der Waerden Protestsongs zum besten. Er singt die «Greatest Hits der politischen Musik, aber auch allerlei Edelschnulzen, Galgenlieder, Mitgrölklassiker und Gemütsfetzen», heisst es in der Ankündigung.
Der Samstag ist fürs Fest des Festes reserviert. Ab 15 Uhr läuft Musik aus allerlei Ecken der Schweiz, zum Beispiel von Haubi Songs (Luzern), Ellas (Aargau) und Pariah (Thurgau). Der Eintritt ist wie immer frei, dazu gibt es Futter und verschiedene andere Attraktionen, etwa eine Siebdruck-Station. Ab 22 Uhr – hallo Amtsschimmel! – geht das Fest drinnen weiter. Gran Noir aus Zürich machen gitarrenbetonten Alternativrock, was sowohl Muse- als auch Sludge-Fans gefallen dürfte, wie die Grabenhalle schreibt. Danach spielen Artlu Bubble & The Dead Animal Gang aus Bern, eine Mischung aus rotzigen 60er-Gitarren und folkig-süssen Gesängen. Den Muskelkater zum Schluss kann man sich dann bei Capital Youth aus Genf einfangen: Pop-Punk à la Ramones, aber von heute.
Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.
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