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Revolution – und niemand geht hin

Die «Revolution gegen die Bünzlis» am Mittwoch im Stadtpark hat es gezeigt: Das Internet lügt. Und es gäbe doch einiges zu bereden. Vielleicht klappts ja mit der bevorstehenden «Septemberrevolution».
Von  Corinne Riedener
Laila, Johnny Lopez und Hülya am Revoluzzen im Stadtpark. (Bild: co)

Die Empörung war gross, als bekannt wurde, dass Kulturveranstalter Dario Aemisegger das Weihern Openair wegen quasi «unüberwindbarer Differenzen» mit den Behörden in die Grabenhalle verlegt hatte. «Ghost Town! Schlafstadt! Bünzlistadt!», quoll es aus den Kommentarspalten.

Und wo man hinkam, wurde früher oder später über die «Causa Weihern» diskutiert. Und über die ominöse «Revolution gegen die Bünzlis», die Dario Aemisegger in deren Nachgang medienwirksam verordnet hatte. Die einen fanden die Idee «eigentlich noch ganz lustig», andere erhofften sich mit der Revolution eine Plattform, um ihrem Ärger über die vermeintliche Bünzlistadt Luft zu machen.

Die kritischen Stimmen störten sich an Aemiseggers 68er-Rhetorik und am unreflektierten Umgang mit dem Revolutionsbegriff und/oder waren der Meinung, dass es in St.Gallen doch seit Jahren eine ziemlich gut vernetzte Szene gibt, die sich dezidiert kulturpolitisch engagiert. Manche fühlten sich vor den Kopf gestossen, dass der bis anhin kaum als politisch geltende Weihern-Veranstalter kurzerhand eine Revolution ausrief, ohne vorher kurz mal anzurufen.

Kein Sturm aufs Rathaus

Am Mittwochnachmittag sollte diese mit ordentlich Pathos angekündigte «Revolution 9000» nun endlich ihren Anfang nehmen. Wir also husch den Block eingesteckt und erwartungsschwanger in den Stadtpark geeilt. Angesichts der zahlreichen Wortmeldungen im Vorfeld war dort ja Grosses zu vermuten.

Und dann geschah: nichts. Oder zumindest nicht viel. Es haben sich etwa 50 Leute im Stadtpark eingefunden, wovon gefühlt die Hälfte den Medien zuzurechnen war. Keine feurigen Reden, kein Sturm aufs Rathaus, keine Wasserwerfer. Stattdessen überall kleine Gruppen, die sich über dies und das unterhielten und manchmal auch über die (Bewilligungs-)Kultur dieser Stadt.

Da war zum Beispiel Tüchel Frontmann Matthias Howald. Er kam vor allem aus Neugier. Und weil er sich als altgedienter Punkrocker bestens auskennt in Sachen Lärmklagen. «Wir als Band haben zwar nicht direkt Ärger, den haben vor allem die Veranstalter», erklärte Howald. Und dass er es bedauert, dass in St.Gallen vieles verkompliziert werde und nur mit strengen Auflagen möglich sei. «Wenn man etwas bewilligt, soll die Stadt auch dazu stehen und den Anlass gegenüber allfälligen Lärmklägern verteidigen. Das Openair wird ja auch nicht abgebrochen wegen ein paar Anrufen.»

Auch DJ-Legende Johnny Lopez solidarisierte sich mit Aemisegger. Weil er «ähnliche Situationen auch schon oft erlebt» habe. «In den 70er-Jahren war es noch ein bisschen einfacher, Konzerte zu veranstalten», sagte Lopez, «allerdings positionierten wir damals auch noch viel stärker gegen das Establishment. Wir haben einfach gemacht. In den Jahren darauf haben die Probleme zugenommen. Zu Ozon-Zeiten haben sich ständig Nachbarn beschwert, wir hatten etliche Diskussionen mit dem Quartierverein und fühlten uns von den Behörden schikaniert. Und die Auflagen im Concerto an der Olma oder am Stadtfest waren so streng, dass ich als DJ vom normalen Gesprächspegel übertönt wurde. Das ist frustrierend. Musik braucht einen gewissen Pegel, damit man sie spürt – ein Bild schaut man ja auch nicht durch eine verdunkelte Brille hindurch an.»

Vermisst: Die Bar- und Clubbetreiber

Hülya und Laila bedauerten es, dass nicht mehr Leute an die Revolution gekommen sind, vor allem die Jungen und die Bar- und Clubbetreiber fehlten ihnen. «Die Jungen wollen immer, dass überall etwas läuft, aber etwas dafür tun, wollen sie nicht. Nicht einmal heute. Und die Clubbetreiber, die haben etwas erreicht, sind aber bequem geworden und ruhen sich jetzt darauf aus, statt auch im Stadtpark zu sein, wo sie sich für jene einsetzen könnten, die auch noch mehr erreichen wollen.» Wollte man wirklich zusammen den Aufstand proben, hätten die Clubs und Bars ja zum Beispiel für einige Stunden streiken können an diesem Tag, schlug Hülya vor. Aber es sei halt typisch für St.Gallen, «dass sich immer Grüppchen bilden, die lieber gegeneinander statt miteinander arbeiten».

So falsch ist diese Einschätzung nicht, wie auch manche Diskussionen im Vorfeld der «Revolution 9000» gezeigt haben. Von Grabenkämpfen war die Rede, von «guter» vs. «schlechter» Kultur, von schleichender Kommerzialisierung und davon, dass doch die Stadtpark-Revoluzzer die eigentlichen Bünzlis seien.

Alles berechtigte Positionen. Doch es wäre interessanter gewesen, diese auch live im Stadtpark zu hören statt nur in den Sozialen Medien oder im Einzelgespräch. Umso erfreulicher war es, drei Leute vom Kollektiv «Mir schaded de Wirtschaft» im Stadtpark anzutreffen. Sie kritisierten Aemisegger letzte Woche auf saiten.ch ziemlich scharf, suchten gestern aber dennoch das Gespräch. Wie auch Martin Amstutz, der den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen will, «dass man sich das Ganze nicht einmal anschaut, nur weil die Kritik aus der falschen Ecke kommt».

Ohne Forderungen keine Revolte

Wir lernen: Was im Internet und in den (Sozialen) Medien hochkocht, wird längst nicht so heiss gegessen im analogen Leben. Keine neue Erkenntnis, aber man stelle sich vor, wie voll und laut der Stadtpark gewesen wäre, wenn alle, die sich auf diesem oder jenem Weg zur bevorstehenden Revolution geäussert haben, ebenfalls da gewesen wären…

Zweitens: Ohne Forderungen keine Revolte. Das, was Aemisegger da plante, war, wie er auch selber sagt, eher ein grosser Runder Tisch ohne Regeln, aber bei weitem keine Revolution, also Vorsicht mit diesem Begriff. Aber ja, sowas hat die Schweiz vermutlich wirklich noch nie gesehen. Oder um es mit Hans Fässler zu sagen: «St.Gallen hat die erste Revolution, die mit einer Bewilligung begann.» Diese hat Aemisegger nämlich entgegen anderslautender Medienberichte doch noch einholen müssen.

Und er wird bald wieder eine Bewilligung brauchen, denn gestern wurde bereits die «Septemberrevolution» ausgerufen: sie findet am 7. September statt, am gleichen Ort, praktischerweise eine Woche vor Beginn des Weihern Festivals in der Grabenhalle.

Jetzt mitreden: 2 Kommentare
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Hanss Dampff,  

All diese Hippigschpängstli in der korrekt lärmgepegelten und sauber gestrählten Nullstern-Welt. Ich glaube wir bräuchten alle einfach einmal so ein richtig zünftiges Bignik.

Steff Signer,  

Zur Revolution und KEINER geht hin Aktion im Stadtpark. Hier ein kleiner Auszug aus dem Kapitel “Die Hippiezeit“ aus meiner Biografie. Zeitpunkt Herbst 1970. “Das Jugendhaus in St. Gallen an der Katharinengasse bildete mit der Goliath Bar und der lokalen Institution Africana, einem zweistöckigen Club ohne Alkoholausschank, mit aktueller Musikbox und ab Mitte 60er mit regelmässigen Auftritten internationaler Bands den „Kreis“. Treffpunkt der trendigen Jungen und meist Weekend-Hippies, die unter der Woche eine geregelten Arbeit nachgingen oder in der Lehre waren, an den Wochenenden aber diesen Lifestyle zelebrierten. In dieser Zeit oder etwas später tauchte Urs Läuchli auf, mit dem ich mich in Trogen angefreundet hatte. Urs war Hardcore Linker, ein Anarchist mit extremsten Ansichten, Einzelgänger, keiner Partei angeschlossen und er kam mit dem Auftrag nach St. Gallen, das Africana besetzen zu wollen und es so „ins Volkseigentum zurückzuführen“. Ich fand das eine etwas abgefahrene Idee, zweifelte an der Solidarität der Weekend Hippies, aber entschloss mich, dabei mitzumachen. So verlas er an einem Olma Samstagnachmittag gegen vier Uhr nachmittags auf der Treppe des benachbarten Schuhgeschäftes sein Manifest, adressiert an die St. Galler Jugend. Die zahlreiche, vor dem Africana herumhängende Meute, nahm diese Message stoisch und ungläubig zur Kenntnis und als er konzis aufforderte: „St. Galler Jugend, mir nach“! waren Urs, ein Stadt bekannter Rocker namens Blacky und ich die einzigen, die in Richtung Eingang losmarschierten. Dort stand ein behäbiger Sekuritas und wollte uns die Einwehr verweigern. Urs verschaffte sich per Hechtsprung radikal Eingang und wir folgten ihm. Drinnen angekommen standen wir ratlos da und wussten nicht weiter. Nach einer Weile nervös Rauf- und Runtertigern, erschien die Polizei und während Urs und ich flüchten konnten, verhafteten sie Blacky. Das war eine der wenigen linken Aktionen in meinem Leben! Mit Urs Läuchli, heute Dr. Urs M Laeuchli, Mediator und Arbitrator in San Francisco, freundete ich mich 1969 in Trogen an, besuchte ihn oft im Zimmer seiner Pension, unweit des Dorfplatzes. Dort rauchten wir Joints und hörten Hot Rats von Frank Zappa.“

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