Die Empörung war gross, als bekannt wurde, dass Kulturveranstalter Dario Aemisegger das Weihern Openair wegen quasi «unüberwindbarer Differenzen» mit den Behörden in die Grabenhalle verlegt hatte. «Ghost Town! Schlafstadt! Bünzlistadt!», quoll es aus den Kommentarspalten.
Und wo man hinkam, wurde früher oder später über die «Causa Weihern» diskutiert. Und über die ominöse «Revolution gegen die Bünzlis», die Dario Aemisegger in deren Nachgang medienwirksam verordnet hatte. Die einen fanden die Idee «eigentlich noch ganz lustig», andere erhofften sich mit der Revolution eine Plattform, um ihrem Ärger über die vermeintliche Bünzlistadt Luft zu machen.
Die kritischen Stimmen störten sich an Aemiseggers 68er-Rhetorik und am unreflektierten Umgang mit dem Revolutionsbegriff und/oder waren der Meinung, dass es in St.Gallen doch seit Jahren eine ziemlich gut vernetzte Szene gibt, die sich dezidiert kulturpolitisch engagiert. Manche fühlten sich vor den Kopf gestossen, dass der bis anhin kaum als politisch geltende Weihern-Veranstalter kurzerhand eine Revolution ausrief, ohne vorher kurz mal anzurufen.
Kein Sturm aufs Rathaus
Am Mittwochnachmittag sollte diese mit ordentlich Pathos angekündigte «Revolution 9000» nun endlich ihren Anfang nehmen. Wir also husch den Block eingesteckt und erwartungsschwanger in den Stadtpark geeilt. Angesichts der zahlreichen Wortmeldungen im Vorfeld war dort ja Grosses zu vermuten.
Und dann geschah: nichts. Oder zumindest nicht viel. Es haben sich etwa 50 Leute im Stadtpark eingefunden, wovon gefühlt die Hälfte den Medien zuzurechnen war. Keine feurigen Reden, kein Sturm aufs Rathaus, keine Wasserwerfer. Stattdessen überall kleine Gruppen, die sich über dies und das unterhielten und manchmal auch über die (Bewilligungs-)Kultur dieser Stadt.
Da war zum Beispiel Tüchel Frontmann Matthias Howald. Er kam vor allem aus Neugier. Und weil er sich als altgedienter Punkrocker bestens auskennt in Sachen Lärmklagen. «Wir als Band haben zwar nicht direkt Ärger, den haben vor allem die Veranstalter», erklärte Howald. Und dass er es bedauert, dass in St.Gallen vieles verkompliziert werde und nur mit strengen Auflagen möglich sei. «Wenn man etwas bewilligt, soll die Stadt auch dazu stehen und den Anlass gegenüber allfälligen Lärmklägern verteidigen. Das Openair wird ja auch nicht abgebrochen wegen ein paar Anrufen.»
Auch DJ-Legende Johnny Lopez solidarisierte sich mit Aemisegger. Weil er «ähnliche Situationen auch schon oft erlebt» habe. «In den 70er-Jahren war es noch ein bisschen einfacher, Konzerte zu veranstalten», sagte Lopez, «allerdings positionierten wir damals auch noch viel stärker gegen das Establishment. Wir haben einfach gemacht. In den Jahren darauf haben die Probleme zugenommen. Zu Ozon-Zeiten haben sich ständig Nachbarn beschwert, wir hatten etliche Diskussionen mit dem Quartierverein und fühlten uns von den Behörden schikaniert. Und die Auflagen im Concerto an der Olma oder am Stadtfest waren so streng, dass ich als DJ vom normalen Gesprächspegel übertönt wurde. Das ist frustrierend. Musik braucht einen gewissen Pegel, damit man sie spürt – ein Bild schaut man ja auch nicht durch eine verdunkelte Brille hindurch an.»
Vermisst: Die Bar- und Clubbetreiber
Hülya und Laila bedauerten es, dass nicht mehr Leute an die Revolution gekommen sind, vor allem die Jungen und die Bar- und Clubbetreiber fehlten ihnen. «Die Jungen wollen immer, dass überall etwas läuft, aber etwas dafür tun, wollen sie nicht. Nicht einmal heute. Und die Clubbetreiber, die haben etwas erreicht, sind aber bequem geworden und ruhen sich jetzt darauf aus, statt auch im Stadtpark zu sein, wo sie sich für jene einsetzen könnten, die auch noch mehr erreichen wollen.» Wollte man wirklich zusammen den Aufstand proben, hätten die Clubs und Bars ja zum Beispiel für einige Stunden streiken können an diesem Tag, schlug Hülya vor. Aber es sei halt typisch für St.Gallen, «dass sich immer Grüppchen bilden, die lieber gegeneinander statt miteinander arbeiten».
So falsch ist diese Einschätzung nicht, wie auch manche Diskussionen im Vorfeld der «Revolution 9000» gezeigt haben. Von Grabenkämpfen war die Rede, von «guter» vs. «schlechter» Kultur, von schleichender Kommerzialisierung und davon, dass doch die Stadtpark-Revoluzzer die eigentlichen Bünzlis seien.
Alles berechtigte Positionen. Doch es wäre interessanter gewesen, diese auch live im Stadtpark zu hören statt nur in den Sozialen Medien oder im Einzelgespräch. Umso erfreulicher war es, drei Leute vom Kollektiv «Mir schaded de Wirtschaft» im Stadtpark anzutreffen. Sie kritisierten Aemisegger letzte Woche auf saiten.ch ziemlich scharf, suchten gestern aber dennoch das Gespräch. Wie auch Martin Amstutz, der den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen will, «dass man sich das Ganze nicht einmal anschaut, nur weil die Kritik aus der falschen Ecke kommt».
Ohne Forderungen keine Revolte
Wir lernen: Was im Internet und in den (Sozialen) Medien hochkocht, wird längst nicht so heiss gegessen im analogen Leben. Keine neue Erkenntnis, aber man stelle sich vor, wie voll und laut der Stadtpark gewesen wäre, wenn alle, die sich auf diesem oder jenem Weg zur bevorstehenden Revolution geäussert haben, ebenfalls da gewesen wären…
Zweitens: Ohne Forderungen keine Revolte. Das, was Aemisegger da plante, war, wie er auch selber sagt, eher ein grosser Runder Tisch ohne Regeln, aber bei weitem keine Revolution, also Vorsicht mit diesem Begriff. Aber ja, sowas hat die Schweiz vermutlich wirklich noch nie gesehen. Oder um es mit Hans Fässler zu sagen: «St.Gallen hat die erste Revolution, die mit einer Bewilligung begann.» Diese hat Aemisegger nämlich entgegen anderslautender Medienberichte doch noch einholen müssen.
Und er wird bald wieder eine Bewilligung brauchen, denn gestern wurde bereits die «Septemberrevolution» ausgerufen: sie findet am 7. September statt, am gleichen Ort, praktischerweise eine Woche vor Beginn des Weihern Festivals in der Grabenhalle.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.