«A Little Mountain Village» – den Film über die kulturelle Situation in St.Gallen – hast Du zusammen mit Matthias Fässler gedreht. Was habt Ihr herausgefunden?
Wir zwei bewegen uns natürlich schon relativ lange in der Stadt, und deshalb sind die Überraschungseffekte nicht so riesig. Wir wollten aber auch bewusst ein breites Publikum ansprechen und sensibilisieren.
Sensibilisieren wofür?
Für Themen wie Stadt- und Quartierentwicklung. Aber auch dafür, zu sehen, wie unglaublich viel Einsatz und Herzblut hinter vielen Kulturorten steckt – das machen sich die Besucher oft nicht bewusst. Wenn einer wie Daniel Weder vom Kugl im Film sagt: Ohne die zwanzig, dreissig Leute, die hier freiwillig unentgeltlich arbeiten, wäre ein solcher Betrieb undenkbar… Das hat mich bewegt.
Die Botschaft lautet also: Es gibt viele Kultur-Orte, in denen tolle Arbeit geleistet wird …
… ja, St.Gallen hat für seine Grösse ein gutes Kulturangebot. Klar, das Stichwort Reithalle fällt auch im Film, ein Kulturraum dieser Grössenordnung fehlt, doch sonst betonen alle durchs Band, das Angebot sei gut – aber: Es ist nicht in Stein gemeisselt.
Was heisst das?
Klar ist ja, dass das Rümpeltum einen neuen Standort finden muss. Das Kugl ist in Gefahr, auch wenn sich für diesen Sommer eine Lösung abzeichnet. Und: Der Spardruck ist sicher in den nächsten Jahren weiter ein Thema. Bisher sind die Institutionen geschont worden, aber für Kleinanlässe ist weniger Geld da. Man muss auf der Hut sein.
Trotzdem entstehen immer wieder neue Orte. Was habt Ihr entdeckt?
Gute Frage… Wir haben nicht eigentlich Neues gesucht, sondern uns auf ein paar bekanntere Orte konzentriert: Grabenhalle, Palace, Kugl, Rümpeltum und als Exot das Backstage. Doch es kamen auch neue Orte zur Sprache: Tivoli, Theater 111, Buena Onda, Tankstell und andere. Man muss sich neue Räume erkämpfen, Orte, wo Unvorhergesehenes passiert. Es geht ja auch um den öffentlichen Raum und die Frage, wer wo was machen darf und ob es wirklich für alles eine Bewilligung braucht.
In Winterthur gab es Krawalle, Bern hat sich «freigetanzt», explizit ohne Bewilligung. Was ist in St.Gallen los, dass hier nichts los ist?
Ich glaube, die Themen sind überall die gleichen. Womöglich ist in St.Gallen der Leidensdruck kleiner. Wenn man an den Polizeieinsatz jüngst in der Berner Reithalle denkt, als die Polizei bewaffnet in die Küche eindrang: So etwas ist hier noch nicht vorgekommen. Man darf die Wegweisungen aber nicht vergessen, ein Thema, das im Film auch angeschnitten wird. Dass ein Grundrecht wie das Aufenthaltsrecht völlig eingeschränkt wird, das darf nicht sein.
Insgesamt überwiegt im Film aber das Positive.
Der Film will keine simple Botschaft haben, sondern ein Stück Bewusstseinsarbeit leisten, vor allem auch in Bezug auf die Gentrifizierungs-Prozesse in der Stadt. Ich wohne im Linsebühl. Dort ist es wichtig, die Entwicklung genau zu beobachten und zu reagieren, wenn die Verdrängung einsetzt. Im Film zeigen wir das Thema der Verdrängung, Ökonomisierung, Aufwertung am Beispielmdes Gebiets Bahnhof Nord. Vorher gab es günstigen Wohnraum, es war viel Leben im Quartier, und jetzt ist es einfach tot.
Wie schätzt Du die Situation im Linsebühl ein?
Die entscheidende Frage ist immer: Ab welchem Zeitpunkt wird wer verdrängt? Solange es ein gutes Nebeneinander gibt, ist das Problem weniger da. Eine gewisse Verteuerung hat im Linsebühl schon stattgefunden. Aber der Umbruch ist langsam, man sieht ihn nicht so direkt wie am Bahnhof.
Orte wie das Kugl oder die Buena Onda sind durch Lärmklagen bedroht. Lärm: Das ist vermutlich eins der brennenden Stadt-Probleme?
Auf jeden Fall. Erlaubt sind in diesen Zonen «mässig störende Betriebe», und die Frage ist dann immer: Was ist mässig, was übermässig? Das sind Gesetze auf Bundesebene, entsprechend schwierig ist es, lokal anzusetzen. Irgendwann werden sich die Städte untereinander vernetzen müssen, um klar zu machen: Die Gesetze sind nicht mehr zeitgemäss für ein heutiges Verständnis von urbanem Leben. Es kann nicht sein, dass das Interesse von Einzelpersonen höher gewichtet wird als das öffentliche Interesse einer ganzen Stadtbevölkerung.
Öffentliches Interesse, das heisst: Party?
Natürlich nicht total, ausser Rand und Band. Es ist eine Abwägensfrage. Aber wer in einer Stadt wohnt, muss bereit sein, einen gewissen Pegel zu akzeptieren. Der Tag- Nacht-Rhythmus ist nicht mehr derselbe wie früher. So weit ich es verstehe, müsste man sich auf Bundesebene mit der Zonenordnung dafür einsetzen, dass Kulturbetriebe einen für sie angemessenen Status bekommen.
Eine Kulturzone?
Das ist kein schlechter Begriff, ja.
Wenn Du über St.Gallen nachdenkst: Hast Du eine Vergleichsstadt?
Aufgewachsen bin ich in Waldstatt … St.Gallen ist für mich also schon ein bisschen Grossstadt. Aber neulich war ich in Kopenhagen. Es war ein Feiertag, wir sassen mit vielen anderen auf einer Brücke, es gab Musik in ordentlicher Lautstärke, und ich fragte: Braucht man dafür eine Bewilligung? Die Antwort war: Nein, das macht man spontan! Das könnten wir in St.Gallen auch brauchen.
Der Dokumentarfilm «A Little Mountain Village» von Angelo Zehr und Matthias Fässler ist am Dienstag, 8. Juli um 20 Uhr im Palace zu sehen.
Angelo Zehr, 1990, hat bald den Bachelor als Multimedia-Produzent und sitzt für die Juso im St.Galler Stadtparlament.
Bild: Tine Edel
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.