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Stadtentwicklung früher und heute

Die Diskussionen um das Gebiet «hinter den Gleisen» lassen auf Bürgerbeteiligung hoffen. Müssen wir, wie kürzlich in Saiten zu lesen war, ungehorsam werden? – Die Kunst des Mitgestaltens ist uns abhanden gekommen, sagt St.Gallens ehemaliger Stadtplaner Mark Besselaar.
Von  Gastbeitrag , 

Planer, Managerinnen, Gebietsentwickler, Behörden- und Verwaltungsmitglieder: Sie alle sind ganz normale Menschen. Und weil sie normale Menschen sind, haben sie sich an das «Bestehende» gewöhnt. Deshalb sind sie mit ihrer Handlungsweise tief darin verankert. Es sind eben die Dinge, die man nur ungerne loslässt.

Wie normale Menschen wissen auch sie sehr gut, dass sich die Welt rund um uns herum verändert. Sie verkünden diese Tatsache sogar auf Veranstaltungen, schreiben fleissig darüber in Foren und reden darüber, dass wir endlich umdenken müssen. Aber genau wie bei normalen Menschen sind die traditionell verwurzelten Handlungsmuster hartnäckig.

Ein Beispiel: Wenn es um «Smart Cities» geht, stehen die Forderung, dass wir nachhaltiger werden müssen, und die Frage, was der Staat dazu leisten kann und muss, meistens zuoberst auf der Traktandenliste. Das haben wir seit dem Bericht des «Club of Rome» 1972 ausgiebigst diskutiert. Im Hinblick auf die gesellschaftlichen Mobilitätsbedürfnisse, gilt die erste Sorge oft der Nachfrage; welche infrastrukturellen Massnahmen und Investitionen notwendig sind, um die Kapazitäten bereitzustellen.

Nachhaltige Stadtentwicklung und angebotsorientierte Mobilität oder gesellschaftlicher Konsens? Wir kennen die Trends, die Bedürfnisse, aber auch die Unzulänglichkeiten.

Erleuchtet? Nein, verblendet!

Neben jenen, die schon wissen, worum es sich handelt, sich aber nur mit Mühe und Not von den alten Denkmustern und Handlungsfeldern lösen können, haben wir noch die «Erleuchteten». Diejenigen also, die eben das «Licht» gesehen haben. Sie erklären lauthals, dass alles, was hinter uns liegt, sozusagen mausetot ist. Ein neues Jahrzehnt, nein, eine neue Ära sei angebrochen. Sie lesen «Triumph oft the City» von Edward Glaeser und plappern ihm vorbehaltlos nach: «Wenn nur der Staat sich nicht überall einmischen würde, dann kommt es schon gut mit der Stadt, mit ihrer Entwicklung, mit ihrer Prosperität».

Das ist nicht nur eine Anmassung, sondern auch ein grosses Missverständnis! Sie sind von Thomas Piketty und seinen Thesen begeistert und nicken sie vorbehaltlos ab. Sie lesen Sloterdijk, weil er eben zum guten Ton gehört und weiss, wie man leben muss und was man an sich selber ändern sollte: «Du musst dein Leben ändern».

Das vom Staat diktierte top-down «Wir wissen, was gut für die Gesellschaft ist» und das bottum-up der Bürgerinnen und Bürger «Wir wissen schon, was uns bedrängt, uns beschäftigt» passen je länger je weniger zusammen.

Neuere Erkenntnisse aus soziologischen Untersuchungen über Stadtentwicklung besagen, dass uns als Resultat unserer «dualen» Gesellschaft die Kunst des Mitgestaltens abhanden kommt, am Verschwinden ist, entgleitet.

Ist uns das Handwerk der Bürgerbeteiligung, der Partizipation, abhanden gekommen? Wir haben ein Jahrhundert staatlich gelenkte Stadtentwicklungspolitik hinter uns. Haben wir als Bürgerinnen und Bürger zu oft ohne mitreden zu können unsere Kreuzchen gesetzt?

Neue Rollenverteilung dank überforderter Obrigkeiten

In der Stadtentwicklungsfrage fehlt uns die gesellschaftliche Interaktion der Mitte. Es gibt keine Begegnungen mehr zwischen der institutionalisierten Stadtentwicklung und der Welt der lokal angesiedelten Initiativen.

Genug Trübsal, es gibt eine gute Nachricht: Einiges deutet nämlich darauf hin, dass wir als Bürgerinnen und Bürger wieder im Stande sind Initiativen zu ergreifen. Weil die Obrigkeit vielerorts überfordert ist, zeichnet sich eine neue Rollenverteilung im Zusammenspiel zwischen Staat und Gesellschaft, zwischen «von oben nach unten» und «von unten nach oben» ab.

Wie sollen die künftigen Protagonisten ihre Rolle ausfüllen? Das ist eine Frage, die uns beschäftigen sollte. Und da helfen uns Sloterdijk, Piketty, Sennett und Glaeser nicht. Da müssen wir uns selber an der Nase nehmen.

Soll sich der Staat aus Stadtentwicklungsfragen zurückziehen und das Feld den Stadtbewohnern überlassen? Die Antwort ist selbstverständlich nein. Für eine Gesellschaft, die im Grunde genommen fähig ist, sich über Fragen der Stadtentwicklung zu artikulieren und darüber hinaus auch Möglichkeiten hat, sich einzumischen, muss der Staat Voraussetzungen schaffen.

Man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass wir die Exekutive per Demokratiebeschluss für diese Aufgabe beauftragt haben. Und ganz nebenbei: Man lese doch die Legislaturziele, die in den letzten Jahren landauf, landab veröffentlicht worden sind.

Gesellschaftliche Outputs statt behördliche Inputs

Die Herausforderung besteht darin, dass gesellschaftliche Initiativen aktiv unterstützt werden müssen. Anstatt des behördlichen Inputs sollte der gesellschaftliche Output gesteuert werden. Die Planungsdoktrin in Sachen Stadtentwicklung ist auf dem Prüfstand. Wir müssen wieder lernen, uns mit dringenden Fragen der Stadtentwicklung zu befassen, die der Staat, wie es unzählige Beispiele aus jüngster Vergangenheit gezeigt haben, nicht mehr im Alleingang bewältigen kann.

Für die Verwirklichung von Änderungen soll der Staat aktiv Rahmenbedingungen vorgeben, die nicht zuletzt die Funktion haben, eine Gesellschaft zur aktiven Gestaltung zu motivieren.

 

Mark Besselaar leitete von 1993 bis 2008 das Stadtplanungsamt St.Gallen. Heute ist er im Ruhestand und unter anderem ehrenamtlich tätig für Buchstadt St.Gallen.

 

Bild: I de Begegnigszone… – Gallusstrasse St.Gallen, frisch gepflästert, begegnungszonen.ch

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Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

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Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover