25’000 Franken weniger für die Kulturinstitutionen Palace und Sitterwerk: Das war die letzte, unerfreuliche Zahl aus dem St.Galler Rathaus. Der Sparbefehl folgte unmittelbar auf die Senkung des Steuerfusses im Parlament. Seither diskutieren die Öffentlichkeit und die Politik alarmiert beziehungsweise frustriert hin und her; die Infos hier oder hier oder hier.
Jetzt am Montag kam die neue, erfreuliche Zahl: Um 10,9 Millionen Franken schliesst die Rechnung der Stadt 2018 im Plus ab; im Vergleich zu den budgetierten 9,2 Millionen Defizit beträgt der Gewinn sogar gut 20 Millionen Franken.
Die Gründe im Schnelldurchlauf: weniger Konsumausgaben, weniger Personalkosten, höhere Steuererträge, zurückgestellte Investitionen. Oder übersetzt: Die Stadt steht auf der Bremse, sie schiebt Aufgaben vor sich her beziehungsweise hat zuwenig Personal, um sie anzupacken.
Polstern statt handeln
Und wie reagiert der Stadtrat darauf? «Der Ertragsüberschuss wird dem Eigenkapital zugeschlagen, das sich damit auf 118, 4 Mio. erhöht.» Damit nimmt die Verschuldung ab und soll das Polster für künftige Investitionen und höhere Personalkosten vergrössert werden.
Falls Sie bis hierher gelesen haben und Ihnen die Füsse noch nicht eingeschlafen sind: So funktioniert das real existierende Scheitlin-Gallen. Jahr für Jahr budgetiert der Stadtpräsident und Finanzchef zu tief, dann präsentiert er eine tolle Rechnung und warnt zugleich, dieser Erfolg müsse «relativiert werden».
Keine Lust auf Relativierung? Vielmehr Lust auf Revitalisierung? Hier sind einige Ideen, was mit den 20 Millionen Schlaues zu tun wäre. Saiten hat sie erfragt bei SP-Stadtparteipräsident und Parlamentarier Peter Olibet, bei der Grünen Fraktion und ihrer Stadtparlamentarierin Franziska Ryser, bei SVP-Stadtparlamentarier Christian Neff und bei sich selber.
Peter Olibet (SP): Mittagstisch, Kulturkonzept, Langsamverkehr
Soziales
Mittagstisch für alle mit kostenloser Betreuung – die Motion kommt nächste Woche ins Stadtparlament und bietet die Chance, Mittagsbetreuung für alle Kinder unabhängig vom Portemonnaie der Eltern zu ermöglichen und einen Schritt Richtung Tagesschule zu machen
Kultur
Ein Kulturkonzept, bei dem es auch um Geld gehen muss und nicht nur um Inhalte
Leistungsvereinbarungen, die an veränderte Bedingungen angepasst werden (Beispiel Palace und Sitterwerk)
Vorwärts machen beim Kunstmuseum-Umbau
Ja zur Textilmuseum-Finanzierung, falls die neue Vorlage Hand und Fuss hat
Verkehr
Mehr Tempo bei den Massnahmen für den Langsamverkehr – damit lassen sich auch Gelder aus dem Agglomerationsprogramm auslösen
Ein Steg über den Güterbahnhof, finanziert von Stadt und Appenzellerbahnen, zur Erschliessung der neuen Haltestelle der Bahn
Franziska Ryser (Grüne): Grüner Topf für den Stadtraum, Ekkehard für die Kultur
Gratis Mittagsbetreuung in der Primarschule
Geld für die Zivis in der Schule, damit der Lektionenpool der Schulhäuser nicht ergänzend beansprucht werden muss
Ein Startbudget für die Umsetzung des Kulturkonzepts
Ein finanzielles Fundament für das fehlende Kulturhaus für die freie Szene
Gratis Zugang für Menschen mit N- und F-Bewilligung zu Museen, Bibliotheken und anderen Kultur- und Bildungseinrichtungen
Erhöhung der Betriebsbeiträge für Palace und Sitterwerk um mindestens 25’000 Franken, wiederkehrend
Ankauf und Sanierung des Hotels Ekkehard und Umnutzung mit Atelierräumen für Kultur im OG, offenem Café und Saal im EG und Proberäumen für Musik im Keller
Verkehr und Stadtraum
Ein städtisch statt privat finanziertes Veloverleih-System
Eine zusätzliche Stelle für die Verkehrsplanung, damit es mit der velofreundlichen Erschliessung vorwärts geht
«Grüner Topf» zur Finanzierung von ökologischer Stadtraumgestaltung und -aufwertung, mit Mitteln für Dach- und Fassadenbegrünungen
Entsiegelung und Wasserspiele
Ein grünes Kulturpärklein mit offener Bühne bei der Grabenhalle
Christian Neff (SVP): Billigerer öV, günstigere Stadtwerke
Förderung von Angeboten wie dem Musicaltheater Storchen
Streichung der Beitragserhöhungen für Palace und Sitterwerk rückgängig machen
Kostenlose SBB-Tageskarte wieder einführen, evtl begrenzt
Senkung der öV-Preise für ein attraktiveres Angebot
Finanzen
Wenn immer möglich, auch wenn es kleine Beiträge sind: Schuldenabbau
Senkung der Kosten für die St.Galler Stadtwerke – ganz allgemein: Solche Dienstleistungen haben keine Gewinne zu erwirtschaften. Stadtwerke und VBSG gehören wie eine Genossenschaft geführt. Kosten senken, statt das Geld in ein Datencenter zu investieren, das nie rentabel sein wird.
Saiten: Provisorium für die Freien, Sprachkurse, Gratis-öV
Wiederverwendung des Provisoriums für das Theater St.Gallen, nachdem es nicht mehr gebraucht wird, als Spielstätte für die freie Szene. Die Stadt erwirbt es vom Kanton und stellt es an geeigneter Stätte auf (Güterbahnhof-Areal, Parkplatz vor der Fachhochschule oder andere…)
Anständige Liegenschaft zur Zwischennutzung für das Rümpeltum, damit dieses wieder Konzerte im würdigen Dezibelbereich veranstalten kann
Finanzierung eines freien Streiktags am 14. Juni für alle bei der Stadt angestellten Frauen
Städtisch finanzierte Umschulungen für Menschen, die als Folge des Arbeitswandels ihren Job verlieren
Gratis Sprachkurse für alle, in allen Sprachen
Energie
Solarzellen auf allen städtischen Gebäuden als Schritt zur CO2-Neutralität
Seilbahn in die Weieren
Hauswipfelpfad durch die Altstadt
Gratis-öV für alle unter 25, egal ob roter Pass oder nicht
Velowege! Und Krückenwege!
Oder soll St.Gallen hier enden?
Die St.Galler Reithalle als Kulturhalle? Der Stadtrat sagt nein zur Initiative – was sagen Sie?
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.