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Kulturkonzept: Der Katalog der Wünsche

Rund 160 Leute, die mitreden – das gab am Ende ungefähr ebenso viele gute Ideen: Das zweite Forum zum neuen Kulturkonzept der Stadt St.Gallen in der Lokremise brachte ziemlich viel Konkretes. Bloss: Die Stadt will zugleich Steuern senken.
Von  Peter Surber
Die Wand der Massnahmen am Kulturforum. (Bilder: Lukas Würmli / Stadt St.Gallen)

Kultur gehört hinaus aus den Institutionen und hinein in die Quartiere! Das war eine der Forderungen, die an unserem Tisch, einem von rund zwanzig Debattentischen, lanciert wurde. Sinnvoll, umsetzbar – und nicht mal teuer.

Oder: St.Gallen braucht ein Kulturzentrum! Mit Räumen zum Proben, mit Ateliers und einer Bühne. Ein Ort für Austausch, für Aufführungen, mit einem Nachtcafé, alles möglichst niederschwellig: Diese Anregung kam von einem anderen Tisch, sie kam mit leichten Unterschieden gleich mehrmals, einmal sogar unter dem Begriff «Campus der Künste». Eine grossartige Sache – allerdings eine, die sehr viel Geld kosten würde.

Oder, nochmals aus einer anderen Ecke: Es braucht eine Kulturagenda (hallo, Leute, die gibt es: saiten.ch/kalender); Kultur brauche mehr Sichtbarkeit, mehr Medienpräsenz. Auch das war ein vielfach und lautstark geäussertes Anliegen.

Sechs «Handlungsfelder»

Die Beispiele könnte man fortsetzen: Das zweite Forum, veranstaltet von der Kulturförderung der Stadt zusammen mit der Fachhochschule, wurde noch einmal zum ausladenden Wunschkonzert. Mit dabei war die kulturelle «Basis» von der Chorpräsidentin bis zum Kunstkiosk-Team, vom Jazzpianisten bis zur Tanzschaffenden, mit dabei waren auch die Spitzen der grossen Häuser vom Schauspielchef bis zum Kunsthallen- und Kunstmuseumsdirektor, Lagerhaus, Figurentheater, Sitterwerk, Palace und so weiter, inklusive Angehörige der städtischen Verwaltung.

Allerdings waren jetzt, im Gegensatz zum ganz offen gehaltenen ersten Forum, sechs «Handlungsfelder» definiert, als Zusammenzug aus den bisherigen Diskussionen und der Befragung von ausgewählten Kulturschaffenden.

Die sechs Stichworte lauten:

  • Vielfalt pflegen, Schwerpunkte setzen
  • Verbindungen schaffen, Kooperationen unterstützen
  • Kulturelle Teilhabe stärken
  • Neues und Experimentelles ermöglichen
  • Kultur kommunizieren
  • Schnittstellen klären, Transparenz verbessern

Das wurde erstmal allgemein diskutiert. Jemand in der Runde hatte den Eindruck: Die sechs Stichworte werden gleich auch die Kapitel des neuen Kulturkonzepts sein. Eine Teilnehmerin fand: viel warme Luft, wenig Substanz. Ein dritter nahm es positiv: gut, dass sich in Sachen Kulturförderung etwas tut…

Beim konsultativen Schwarmbilden zeigte sich dann: Die weitaus grösste Zahl positionierte sich in einer Skala zwischen 5 und 10 und unterstützte damit die Stossrichtung des Konzepts. Bei einer Minderheit überwogen die Zweifel, während sich im Sektor der komplett Unzufriedenen gerade einmal zwei Vertreter der volkstümlichen Kultur wiederfanden. Ihre Kritik: Volkskultur werde in den bisherigen Planungen vernachlässigt.

Die zweite Runde am Montagabend sollte das Ganze dann handfest machen: Aus den Handlungsfeldern wurden wiederum partizipativ Massnahmen destilliert oder zumindest Ideen für Massnahmen. Hier eine Auswahl:

Mehr Förderung für die «Freien»

Die freie Szene in Theater und Tanz bräuchte nicht nur Raum, sondern auch eine Art «Intendanz», zuständig für Vermittlung, Werbung, Koordination etc. Die freie Szene braucht mehr Platz und Zeitfenster in der Lokremise – ein altes Thema, bekanntlich. Oder: Die freie Szene bräuchte ein Festival, für Einheimische und Auswärtige, am liebsten mit einem migrantischen Schwerpunkt.

Mehr Kultur in der Schule

Kultur fängt in der Schule an. In den Lehrplänen braucht es mehr Platz für kulturelle Bildung, es fehlt ein «Hauptfach Kultur», Kultur wird zu wenig als aktives Handeln erfahrbar und ist zu oft nur ein fakultatives «Unterhaltungsprogramm» für die Kinder.

Die positive Einschätzung gab es daneben auch: Schule und Kultur sind sich nicht fremd, viele Schulhäuser haben eigene «Kulturbeauftragte», die Zahl an Vermittlungsangeboten ist gross, insbesondere auf der Plattform kklick.ch.

Ein Standortfaktor namens «Kultur-DNA»

Kulturelle Vielfalt allein ist kein Standortfaktor. Vermarkten lässt sich ein Profil – aber hat St.Gallen eine Kultur-DNA? Textilstadt? Buchstadt? Hier überwogen die Fragen: Wer entscheidet über Schwerpunkte in der Kulturförderung? Und wie schafft man es, nicht bloss die Vergangenheit zu zelebrieren, sondern in die Zukunft zu schauen?

Der Traum vom Campus der Künste

Um die Abwanderung von Talenten zu verhindern, braucht St.Gallen und die Ostschweiz eine Fachhochschule für Kreativberufe, vielleicht sogar eine Kunsthochschule, eben: einen Campus der Künste, oder auch, bescheidener, Co-Working-Räume.

Eine Kultur der niedrigen Schwellen

Kulturelle Teilhabe heisst nicht: Alles für alle, sondern für alle etwas. Ideen, um neues Publikum, Kinder, Migrantinnen, alte Leute etc. zu erreichen, gab es zahlreich: niederschwellige Angebote, Kultur in den Quartieren, Gratis-Eintritt in Museen, Live-Streams des Theaters im Stadtpark, Kulturscouts losschicken, eine eigene Kinder- und Jugendtheatersparte am Theater. Oder: Konzerte zu Tageszeiten anzusetzen, die auch Menschen die Teilnahme ermöglichen, die Schicht arbeiten oder Kleinkinder betreuen…

Experimente und die Lizenz zum Scheitern

Wie fördert man Unkonventionelles und Experimentelles? Nach Meinung des Forums zum Beispiel, indem man Räume, Material, Knowhow zur Verfügung stellt, damit Ungewohntes, Unerprobtes erforscht werden kann und auch Scheitern erlaubt ist.

Der Ort des Transdisziplinären

Ein Haus der Künste könnte den «Brain drain» weg aus der Ostschweiz stoppen, Kooperationen mit anderen Städten ermöglichen, es könnte überhaupt ein «dritter Ort» sein für transdisziplinäre Projekte. Die Botschaft, sinngemäss: St.Gallen kann grösser gedacht werden. Dazu würde auch gehören, sich nicht mehr auf den Wohnort als Fördervoraussetzung zu fixieren.

Kultur braucht Sichtbarkeit

Viele Forumsteilnehmerinnen und -teilnehmer beklagten den Verlust der Kulturseiten in den Tagesmedien. Kultur braucht Sichtbarkeit, sie braucht einen umfassenden oder, nach anderer Meinung, einen kuratierten Veranstaltungskalender. Von den Litfasssäulen der Stadt mit den Kulturplakaten soll der Begriff «Kleinkunst» verschwinden. Und gewünscht wird weniger Bürokratie: Kultur brauche eine kulante Bewilligungspraxis.

Und jetzt: Runter mit dem Steuerfuss??

Aus der Vielfalt an Massnahmen soll bis im April ein erster Konzeptentwurf werden, sagen die Leiterinnen der Kulturförderung der Stadt, Kristin Schmidt (links) und Barbara Affolter.

Wovon allerdings bei all den guten Ideen kaum die Rede war am Montagabend in der Lokremise: vom Geld. Dabei debattiert just heute in einer Woche das Stadtparlament das Budget 2019. Die bürgerliche Ratshälfte setzt auf eine Senkung des Steuerfusses. Es wird knapp werden.

Auch wenn, wie mehrmals betont wurde, nicht alle Verbesserungen im Bereich der Kulturförderung automatisch Geld kosten, und auch wenn ein Denken in Kooperationen möglicherweise hier und dort sogar Geld spart: Will St.Gallen den kulturellen Schwung nutzen, den der partizipative Prozess spürbar ausgelöst hat, so muss der Steuerfuss in der Stadt mindestens gleichbleiben.

Die am Forum teilnehmenden Mitglieder des Parlaments, es waren einige, werden sich dazu ihre Gedanken gemacht haben.

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