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Die Aneignung der Kulturstadt

Wer über Kultur und Kulturförderung in der Stadt spricht, muss eine Vorstellung davon haben, was die Stadt der Zukunft überhaupt ausmacht. Dani Fels, Dozent und Stadtforscher, über die Ansprüche an den öffentlichen Raum und die «kulturell geprägte» Stadt der Zukunft.
Von  Peter Surber
Dani Fels (Bild: Ladina Bischof)

Saiten: Die jüngste Ausgabe der Zeitschrift «Hochparterre» bringt einen Text der Architekturprofessorin Anne Brand zur Frage: Wie steht es um den öffentlichen Raum in 30 Jahren? Sie sagt unter anderem: «Es werden jene obsiegen, die sich den Raum aneignen und teilen, Verantwortung übernehmen und etwas machen wollen». Der Stadtraum werde der Kontrapunkt zum Digitalen sein: «Nach dem Exzess der Technik folgt eine Eroberung des Öffentlichen durch das Kollektiv». Realistisch?

Dani Fels: Vielleicht wird dank Smart City die Technik auch noch viel beherrschender sein als heute. Deren Auswirkungen auf die Öffentlichkeit, besonders auf den öffentlichen Raum sind noch nicht abzuschätzen. Im Moment wird das Thema extrem technisch abgehandelt, die Städte setzen auf smarte Technik, unter anderem um ihre Strombedürfnisse zu organisieren. Da gibt es viel Sinnvolles und Nachvollziehbares – was der Wandel bewirkt, kann man vielleicht in absehbarer Zeit in den Pilotquartieren beobachten, wo es unter anderem um smarte Nachbarschaft geht.

Was ist eine smarte Nachbarschaft?

Damit sind zum Beispiel Möglichkeiten gemeint, Dinge zu melden, die im Quartier beschäftigen –wie beim Stadtmelder». Oder es geht ums Teilen. Analoge Modelle wie die «Pumpipumpe» kennt man bereits: Ein Kleber am Briefkasten sagt, was man hier leihen kann, nach dem Grundsatz: Es braucht nicht in jedem Haushalt eine Aluleiter oder eine Stichsäge. Das könnte App-basiert noch besser funktionieren. Man kann die Technik aber auch zum Denunzieren brauchen. An unserer nächsten Sozialraumtagung Ende März werden smarte Nachbarschaften eins der Themen sein. Es gibt interessante alternative Lesarten von Smart City aus kritischer Perspektive. Dazu empfehle ich die Publikation Die smarte Stadt neu denken von Francesca Bria und Evgeny Morozov*.

Eine Vision für die Stadt der Zukunft sind solche Massnahmen allerdings noch nicht.

Der Wandel ist natürlich viel umfassender. Bis in die 70er-Jahre hat sich quer durch Europa die sozialdemokratische Stadt durchgesetzt, in der der Konsens darin bestand: Es hat Platz zum Wohnen für alle. Heute stecken wir mitten drin in der ökonomischen Stadt, in der alles auf Rentabilität geprüft wird. Beispielhaft dafür ist die Diskussion um leere Ladenlokale; man kann diese Misere nicht nur am Onlinehandel festmachen, sondern muss auch über Immobilienprofite reden. Und in einemnächsten Schritt entwickelt sich dann die kulturell geprägte Stadt, durchaus mit dem Anspruch, dass man den öffentlichen Raum nehmen und ihn besetzen kann. Dieser Raum ist heute ja seinerseits stark ökonomisch besetzt. Eine zunehmende Zahl von Flächen ist einer ökonomischen Nutzung unterworfen, zum Beispiel mit Gartenbeizen oder dem Weihnachtsmarkt, der in St.Gallen als eine kleine Olma zentrale Strassen der Stadt in Beschlag nimmt.

Wodurch zeichnet sich die kulturell geprägte Stadt aus?

Dadurch, dass verschiedene im weitesten Sinn kulturelle Aktivitäten im Stadtalltag sichtbar sind, nicht nur an den für sie original gedachten Kulturstätten. Im ehemaligen Rösslitor-Gebäude am Bärenplatz wären dann vielleicht Ateliers einquartiert – natürlich ein verwegenes Beispiel, weil das ja eine der teuersten Mietflächen der Innenstadt überhaupt ist. Aber es ginge darum, solche Nutzungen nicht nur auf Brachen oder immer mehr verschoben am Stadtrand zu ermöglichen. Wenn der St.Galler Güterbahnhof einmal fertig verplant ist, haben wir kaum noch Brachen in der Innenstadt. Grundsätzlich müsste es gelingen, die Innenstadt neu zu beleben durch ein Handeln, das nicht primär dem Konsum dient.

Das ist der Gegensatz: kommerziell vs. zweckfrei?

Zweckfrei ist ein gutes Wort. Die Innenstadt heute (und das gilt natürlich nicht nur für St.Gallen, sondern für Frauenfeld, Rorschach, für die meisten Orte) ist absolut nicht zweckfrei genutzt. Kaum jemand wagt noch ein Experiment, ob auf der Gasse oder in Ladenlokalen. Auf der einen Seite steht eine strikte Bewilligungspraxis dafür, was erlaubt ist im öffentlichen Raum und was nicht. Und auf der anderen Seite stehen die exorbitanten Kosten. Das Gesicht der Stadt würde sich verändern, wenn sich nicht überall der internationale Einheitsmix durchsetzen würde. Denn die Logik der Innenstadt als Konsummeile führt dazu, dass der öffentliche Raum mit-kommerzialisiert wird. Aber wollen wir das? Man hört selten, dass jemand sagt: Ich finde es super, wenn die Multergasse aussieht wie eine vergleichbare Strasse in Stockholm oder Rom…

Ist das neben der Logik des Angebots nicht auch ein Problem der Nachfrage? Kein Mensch kauft noch einen Packen Nägel oder eine Lampe in der Altstadt.

Kann ich irgendwo eine Rolle Wellkarton in der Stadt kaufen? Unmöglich…! Die Nachfrage ist sicher ein Punkt, aber die Frage ist: Wie reagiert man darauf? Im Moment setzen sich Variationen des Immergleichen durch. Am Ende gibt es nur noch die grösseren Konzerne, die auch mal ein Experiment wagen können – und Läden mit Luxusgütern. Aber wie wärs, wenn plötzlich wieder jemand Wellkarton verkaufen würde in der Innenstadt. Vielleicht würde man sogar ein Hipster-Publikum erreichen mit elementaren Gütern des täglichen Bedarfs.

Oder mit einer kulturellen Nutzung?

Da wird es heikel, Stichwort Gentrifizierung: Kultur ist ein Indikator der Veränderung. Zuerst kommt Kultur in ein Quartier, belebt es und macht es attraktiv. Dann wird die Standortförderung aufmerksam, die Entwicklung zieht Investoren an, die das urbane Umfeld toll finden, und die ersten, die bei dem Prozess auf der Strecke bleiben, sind wieder die Kulturschaffenden, weil sie sich den Quadratmeter nicht mehr leisten können. Ein Gegentrend wäre: dass die Kultur wieder in die Stadt hineindrängt, statt aus der Stadt herausgedrängt zu werden, und sich Räume aneignet, die bis dahin ausschliesslich ökonomisch genutzt waren.

Wie kann man diesen Prozess der Gentrifizierung verhindern?

Das ist komplex. In St.Gallen sind durchaus Bestrebungen vorhanden, dass es nicht soweit kommt, zum Beispiel Überlegungen zu einer Wohnraumstrategie. Die Stadt kann Einfluss nehmen, indem sie sich Liegenschaften sichert statt verkauft. Es ist ein politischer Entscheid, die Stadt nicht nur dem sogenannten Markt zu überlassen und Investoren, die sich gesellschaftlich zu nichts verpflichten.

Eine Kulturstadt ist, wenn man bezahlbare Wohnungen in der Innenstadt findet?

Unbedingt. Das hat viel miteinander zu tun. Eine Stadt, die man sich leisten kann. Und die sich nicht bloss nach Bedarf mit Kultur schmückt, sondern sich Gedanken macht über Rahmenbedingungen, die allen zugute kommen. Viele Kulturschaffende leben nah am Prekariat, selbst wenn sie Erfolg haben. Das Positive daran: Wer seine künstlerische Vision und Mission hat, kann sich das in St.Gallen noch eher leisten als in Zürich.

Die Vision einer Stadt könnte es auch sein, multikulturelle Offenheit und Diversität zu pflegen und niemanden auszugrenzen. Kann man eine solche Stadt-Kultur, ein Klima der Toleranz quasi verordnen, per Kulturkonzept zum Beispiel?

Das stelle ich mir sehr hölzern vor. Aber was die Stadt tun kann, ist, solche Bestrebungen nicht zu blockieren. Letztlich sind wir da wieder bei der Aneignung und Eroberung des Raums. Da gibt es interessante Ansätze, auch aus dem «Migrationsuntergrund», wie vor einiger Zeit eine Veranstaltung im St.Galler Palace betitelt war.

Was sind das für Ansätze?

Der selbstbewusste Auftritt von jungen Migrantinnen und Migranten etwa, die sich nicht mehr auf die Diskussion «ihr drinnen, wir draussen» einlassen, sondern im Sinn des Interkultur-Ansatzes von Terkessidis sagen: Wir sind da, wir sind gemeinsam da, also machen wir etwas aus dieser Situation! Das ist vermutlich wirkungsvoller als jedes Partizipationsreglement, wenn dank selbstbewusstem Handeln andere Biografien, andere Lebensentwürfe, andere Werte auf selbstverständliche Art sichtbar werden. Was eine Stadt dafür leisten kann? Sie kann mit Offenheit solche Entwicklungen zulassen, unabhängig davon, von wem der Anstoss kommt. Leute, die initiativ sind, sollten sich darauf verlassen können, dass eine Stadt ihre Initiative schätzt. Dafür braucht es kein Regelwerk mit Bedingungen. Aber es müssen die übergeordneten Diskussionen geführt werden: Was soll in der Innenstadt möglich sein und was nicht? Soll sie das Freiluft-Einkaufszentrum sein, oder darf sie vielfältiger sein, ohne dass sich zwingend kommerzielles Angebot an kommerzielles Angebot reiht.

Wie wärs mit einem neuen Kriterium in der Kulturförderung? Neben Qualität, Konsequenz, Nachhaltigkeit etc. eines künstlerischen Schaffens könnte das Kriterium heissen: gesellschaftliche Relevanz. Oder: Beitrag zu einer lebendigen Stadt. Gäbe es dazu Vorbilder?

Projektbezogen gibt es solche Kriterien durchaus, an der «Wien-Woche» zum Beispiel, einem Festival, das jeden Herbst zwei Wochen lang Kunst und Kultur im öffentlichen Raum bietet. Es gibt jedes Jahr ein Leitthema, und es werden Projekte eingeladen aufgrund ihrer gesellschaftlichen Relevanz. Das Programm bewegt sich stets auf der Schnittstelle von Kunst und Politik. Wir haben 2013 dort ein Projekt mit abgewiesenen Migrantinnen und Migranten realisiert, «Blackbox Demokratie» hiess es, es fand in einer öffentlichen Bibliothek in Simmering statt, wo auch Leute vorbeikamen, die in Kulturhäuser wie das Wien Museum nicht gekommen wären.

Das ist ein quasi «von oben» verordnetes Festival?

Es wurde ursprünglich von den Grünen im Parlament angeregt. Die Stadt Wien ist Veranstalterin. Die Geschäftsstelle ist mit drei Personen aus drei verschiedenen Ländern besetzt.

So wie es Milo Rau in seinem «Genter Manifest» postuliert: In jeder Produktion müssen mindestens zwei Sprachen gesprochen werden, sonst gibt es kein Geld.

Es gibt ja viele Gründe gegen Quotenansätze, aber auf der Ebene der Kulturförderung könnte man durchaus darüber reden. Bei Neubauten bin ich auch dafür, jeweils ein Promille für Kultur oder für Soziales einzusetzen. Eine Quote wäre ein klares Signal dafür, dass man nicht mehr auf der Migrationsschiene argumentiert, sondern als Selbstverständlichkeit anerkennt, dass die Diversität existiert und dass sie auch in der Kulturförderung adäquat abgebildet werden soll. Das wäre eine interessante Diskussion. 

Dani Fels, 1961, ist Dozent an der Fachhochschule St.Gallen. Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.

*Der Text kann bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung als PDF geladen oder gratis bestellt werden.

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