«Ich habe mir überlegt, wo man in der städtischen Kulturszene das migrantische Schaffen wahrnimmt», sagt Silvia Maag, Leiterin der regionalen Fachstelle Integration in St.Gallen. «Aber abgesehen vom interkulturellen Begegnungstag, neuerdings Fest der Kulturen genannt, den Filmen ausländischer Regisseurinnen und Regisseure im Kinok oder dem Film-Festival Pantalla Latina führt dieses ein absolutes Nischendasein, wenn überhaupt.»
Was am Kulturforum in der Lokremise Mitte August 2018 von den Kulturschaffenden als Problem artikuliert wurde, bestätigt sich im Austausch mit der Integrationsfachstelle: Kultur mit sogenanntem Migrationshinter- bzw. -vordergrund, je nach Perspektive, Betrachtung und Selbstwahrnehmung, ist in der städtischen Szene kaum sichtbar.
Weder Stimm- noch Kulturrechte
Das ist kein gutes Zeichen für ein vielfältiges, die Bevölkerung repräsentierendes kulturelles Stadtleben. Erinnert sei an die 24’068 Bürgerinnen und -bürger ohne Schweizer Pass, fast ein Drittel der städtischen Bevölkerung: Sie bleiben nicht nur bei der politischen Mitbestimmung aussen vor.
Aber was lässt sich gegen diese Unsichtbarkeit unternehmen? «Damit Migrantinnen und Migranten ihren Beitrag – und den gibt es ja bereits jetzt, in dieser Szene existieren Maler, Schriftstellerinnen, Musiker, die ganze Bandbreite – zur öffentlichen Kultur leisten können, muss man sie einladen», fordert Maag. «Ansonsten werden sie auch weiterhin nicht gesehen. Das Ganze ist eine Frage der Partizipation.»
An das erste Kulturforum waren rund 400 Personen aus dem Kultur-Umfeld eingeladen. Auch die migrantischen Kulturvereine erhielten das Schreiben, heisst es von Seiten der Co-Leite- rinnen der Kulturförderung, Kristin Schmidt und Barbara Affolter. Warum kommt dann doch niemand?
Darauf antwortet Vica Mitrovic. Der Politologe und Stadtparlamentarier kennt viele migrantischen Kulturschaffenden und Vereine; er selber schreibt Bücher in serbischer Sprache. «Die Kulturvereine sind in sich geschlossene Gesellschaften, die enorme Probleme beim Kommunizieren haben und per eigener Definition dafür da sind, ihre jeweilige Kultur zu bewahren», sagt der 57-jährige. Dennoch geschehe da eigentlich sehr vieles, was für eine breite Öffentlichkeit interessant sein könnte. «Aber damit die Verschlossenheit aufbricht, braucht es die Einsicht, dass auch diese subkulturelle migrantische Szene ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft ist.»
In der Stadt St.Gallen leben Menschen aus mehr als 120 Nationen. Doch der Graben zwischen Existenz und Sichtbarkeit (zumindest im traditionellen Kulturbetrieb) ist gewaltig.
«Ihr seid erwünscht!»
«Ich habe Mühe mit diesem Begriff der migrantischen Kultur, das ist eigentlich zu vereinheitlichend. Die Vielfalt ist gross, das lässt sich nicht über einen Leisten schlagen», sagt Maag auf die Frage, welche Instrumente die Stadt denn zu ihrer Förderung bräuchte. «Die Stadt und auch die Gesellschaft müssten immer wieder eine hörbare, laute Einladung aussprechen: Ihr seid erwünscht, zeigt euch!»
Auch die einseitige Besetzung von Stellen in der städtischen Verwaltung kommt während des Interviews zur Sprache. Ausgedruckt auf dem Tisch liegen Informationen zur Kulturförderungskommission: «Weit und breit niemand mit Migrationshintergrund.» Das gleiche Bild in der Arbeitsgruppe Kunst und Raum.
Natürlich gebe es auch Orte, wo Integration stattfinde, zum Beispiel in der offenen Kirche oder im Solihaus, «aber meist bleibt das halt in kleinen Kreisen», sagt Maag. «Um Öffentlichkeit zu gewinnen, muss einfach mehr gemacht werden. Ich bin jederzeit für eine Migrantinnen- und Migrantenquote auf den entscheidenden Ebenen.»
Auch im Stadtparlament herrscht ein ähnliches Bild wie in den Fachkommissionen – abgesehen von Mitrovic finden sich im 63-köpfigen Gremium gerade drei Namen mit fremdländischen Anklängen. Ein repräsentatives Abbild der Bevölkerung sieht anders aus; die Tatsache, dass ein Drittel der Bevölkerung nicht stimmberechtigt ist, trägt natürlich dazu bei.
Eine St.Galler «Caravane des Quartiers»?
Vica Mitrovic hält eine klare Haltung und mehr Austausch für dringend. «Momentan hat die Stadt und Kulturszene ja wirklich Ruhe, da migrantisches Schaffen nicht gehört, nicht gesehen und kaum mit Interesse gewürdigt wird. Aber damit muss man aufhören.» Klarheit gelte es zu schaffen und auszusprechen, was eigentlich offensichtlich ist: «Ihr gehört zu uns, habt eine Aufgabe und eine Verantwortung. Die Stadt bietet Hand, aber ihr müsst auch etwas bieten.»
Wie das konkret aussehen könnte, macht die Stadt Lausanne vor. Dort wurde das Festival Fêtes de Lausanne, das Pendant zum St.Gallerfest, kurzum in die «Caravane des Quartiers» umgewandelt, eine Karawane, die alle zwei Jahre in einem anderen Quartier Halt macht mit Ausstellungen und Konzerten. Kulturelles Schaffen kommt so in alle Stadtteile.
Ein Vorbild für St.Gallen? Müsste zum Beispiel ein Wortlaut-Festival vielsprachig werden und auch Ableger in der Lachen oder in St.Fiden haben? «Schlussendlich geht es darum, dass die Kulturförderung als verlängerter Arm der Entscheidungstragenden dieser Stadt die passenden Instrumente findet, welche aktiv die Durchmischung fördern. Ansonsten bleibt alles gleich wie heute», bringt es Mitrovic auf den Punkt. Und Maag bringt nochmals das neue Kulturkonzept ins Spiel: «Die Stadt muss jetzt neu definieren, welche Kultur hier gewollt ist – Theater, Nischen, Etabliertes, Kleinkunst, Alternativ- und Subkultur, was will man? Es geht auch darum, wer welchen Teil vom Kuchen bekommt.»
Was natürlich kein Plädoyer dafür ist, den bereits etablierten Kräften die Gelder zu kürzen. Wohin sich das neue Kulturkonzept entwickeln wird, soll bis Ende 2019 klar sein. Ob es bis dahin migrantisches Schaffen aus der Versenkung in die Öffentlichkeit und Sichtbarkeit schafft? Auf dem Radar der Kulturschaffenden und der Kulturförderung ist das Thema jedenfalls.
Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.
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