Seit der Wahl von Jan Henric Bogen zum neuen Direktor im November letzten Jahres reisst die öffentliche Diskussion um die Zukunft von Konzert und Theater St.Gallen (KTSG) nicht ab. Genau gesagt gilt das schon seit Juni 2021: Damals gab das Auswahlverfahren zu reden, das der Verwaltungsrat ohne Findungskommission, dafür mit Headhunter aufgleiste. Die neue Hierarchie, die das Theater mit der Suche nach einem künstlerisch und administrativ gesamtverantwortlichen Intendanten etablierte, galt vielen als unzeitgemässer Rückfall in patronale Führungsstrukturen.
Dann, Ende November 21, die Wahl des neuen starken Mannes: Jan Henric Bogen. Er versprach flache Hierarchien. Und jetzt im März 22 seine Personalentscheide: Nachdem schon zuvor der Verwaltungsrat den Vertrag mit Schauspieldirektor Jonas Knecht nur bis 2023 verlängert hatte (um noch einmal daran zu erinnern: ohne dies öffentlich mitzuteilen), schickt Bogen auch Tanzchef Kinsun Chan in die Wüste und kündigt dem langjährigen Konzertdirektor Florian Scheiber, der Bericht dazu hier.
In Leser:innenbriefen gehen seither die Wogen hoch, kritisiert wird in erster Linie der Verwaltungsrat, der diese Entscheide durchgewunken hat. Im «St.Galler Tagblatt» haben am Donnerstag VR-Präsident Urs Rüegsegger und Vizepräsidentin Laura Bucher Stellung genommen. Tenor: Die Kommunikation sei unglücklich gelaufen, die Richtung stimme aber.
Das Umbau-Programm
Doch es geht um mehr als um die Art der Kommunikation. Die einzelnen Punkte des Umbaus sind:
1 – Die bisherigen Spartendirektionen werden zu Spartenleitungen herabgestuft. Künftig gibt es nur noch einen statt vier Direktoren: Jan Henric Bogen.
2 – Auf der nächsten Ebene wird ein achtköpfiges Leitungsteam etabliert. Es umfasst neben dem Direktor die künstlerischen Leitungen von Oper, Schauspiel, Konzert und Tanz, die Dramaturgie, die Technik und die Finanzen. Die sieben Personen (Bogen ist in Personalunion auch Opernleiter) sollen dem Haus zu einer gemeinsamen Sprache verhelfen.
3 – Als Gesamtverantwortlicher Direktor hat Bogen ein Vetorecht in diesem Gremium. Damit unterscheidet sich St.Gallen von anderen Mehrspartenhäusern, wo der Intendant überstimmt werden kann.
4 – Statt den bisher getrennten Dramaturgie-Teams für Musiktheater, Schauspiel und Tanz gibt es künftig eine gemeinsame Dramaturgie für alle Sparten. Ob das künstlerisch sinnvoll ist, dazu hört man unterschiedliche Einschätzungen – einerseits kommen sich Wort, Bewegung und Musik im zeitgenössischen Theater tatsächlich immer näher, andrerseits braucht Tanz ein ganz anderes Knowhow als ein Sprechstück. Auch da heisst das Ziel «Corporate Identity».
5 – Mit der engen Verzahnung von Gesamtverantwortung und Finanzen bildet sich ein Machtpol um Bogen. Umgekehrt droht die bisher (dank Florian Scheiber) starke Konzertdirektion an Gewicht zu verlieren, wenn der Chefdirigent auch diese Funktion erfüllen soll – wozu er offensichtlich erstmal überredet werden musste.
6 – Über alles stellt Bogen die drei Schlagworte «Partizipation», «Diversität» und «Nachhaltigkeit», die vom ganzen Haus gelebt und vermittelt werden sollen.
Ein Haus, eine «Marke»?
Nimmt man diese Punkte zusammen, so heisst das Fazit: Der Umbau am Theater St.Gallen hat seine Logik, und der neue Direktor setzt ihn gemäss dieser Logik um. Die Logik heisst, in Abwandlung des Slogans («drei Museen, drei Häuser»), der für die Museumspolitik der Stadt Furore gemacht hat: ein Haus, ein Wille, eine «Marke».
Jan Henric Bogen (Bild: Theater St.Gallen)
Ob diese Unternehmens-Logik auch zukunftsträchtig ist, bleibt allerdings die Frage. Hier drei Bedenken:
Erstens: An Bogens Entscheiden partizipiert bisher einzig der Verwaltungsrat selber beziehungsweise dessen Ausschuss. Die Mitarbeitenden von Konzert und Theater sollen künftig zwar mit Sprechstunden und Hearings einbezogen werden. Der Tatbeweis, dass das Theater der goldenen Diversity-Regel «Nothing about us without us» folgt, ist jedoch bisher ausgeblieben.
Zweitens: Diversität mag das Zauberwort der Stunde sein. Aber die neue Struktur zielt erklärtermassen auf das Gegenteil, auf Zentralisierung und künstlerische Vereinheitlichung. «Divers» war das Theater St.Gallen bisher gerade dadurch, dass die Sparten je unterschiedlich geprägt waren, durch die Vielfalt der Programmatik, durch das jeweilige Profil der Leitungspersonen. «Divers» war und ist dank dieser Vielfalt heute auch das Publikum. Wer Tanz, Oper, Schauspiel, Konzert zu stark über einen Leisten schert, setzt jene Vielstimmigkeit aufs Spiel, die das Wesen der Kultur überhaupt ist – und das Wesen offener, multiperspektivischer, auch fragmentierter Gesellschaften.
Drittens: Der Verwaltungsrat von KTSG setzt sich aktuell zusammen aus vier Bankern, drei Jurist:innen, einer Marketingspezialistin, einem Germanisten, einer Zahnärztin, den Vertretungen von Regierung und Stadtrat St.Gallen, drei Delegierten des St.Galler Kantonsrats und einer Delegierten des Stadtparlaments. Der VR widerspiegelt damit in keiner Weise die gesellschaftliche Vielfalt.
Weder sind die Jungen angemessen vertreten noch migrantische Kreise, weder People of Colour noch Menschen mit Handicap. Und insbesondere fehlt es an Theater-Knowhow, an der Stimme der Kulturschaffenden und jener des Publikums. Diversität bleibt eine leere Floskel, wenn sie nur unten und nicht oben gelebt wird.
Die Logik des Organigramms
Neue Struktur, neue Köpfe: Das kann Sinn machen, wenn klar ist, wohin das Theater will. Und wovon es weg will. Wenn es also um Inhalte geht. Diversity, Nachhaltigkeit und «frischer Wind» sind noch keine Inhalte.
Bisher hat sich der neue Direktor nicht dazu geäussert, warum die Arbeit von Tanzchef Kinsun Chan nicht mehr gewünscht ist, was dieser geleistet oder nicht geleistet hat. Bisher ist der Verwaltungsrat jedes Wort zur Arbeit von Schauspielchef Jonas Knecht schuldig geblieben – warum genau diese mit der Region stark verbundene Arbeit nicht mehr gefragt sein soll. Und bisher fehlt jede Kritik an den Tonhalle-Programmen, die den Rausschmiss von Konzertdirektor Scheiber inhaltlich untermauern würde. Der Verdacht ist: Es gibt diese Kritik nicht. Es gibt keine Inhalte. Es gibt nur die Logik des Organigramms.
Zum Theater gehört es zwar, dass Köpfe rollen – nicht nur auf der Bühne, sondern auch hinter den Kulissen. Aber ein Theater, das sich als gesellschaftlicher Brennpunkt ernst nimmt, muss für diese Fragen offen sein. Ein Theater, das wie in St.Gallen von breiter Sympathie im Publikum, bei Politik und Sponsor:innen lebt, hat nicht nur einen ökonomischen, sondern auch einen ideellen Leistungsauftrag.
Zu einem solchen Theaterverständnis hätte gehört, die Arbeit der bisherigen künstlerischen Leiter zu würdigen und zu messen an dem, was man sich für die Zukunft erhofft. Und es würde heissen, über Inhalte statt über Schlagworte zu diskutieren und Mitarbeitende und die interessierte Öffentlichkeit in diese Diskussion selbstverständlich mit einzubeziehen.
Zum Beispiel Milo Rau
Einer, von dem man in dieser Hinsicht lernen könnte, war gerade am Mittwochabend in St.Gallen mit einem Film, der exemplarisch vorlebt, was Teilhabe und Nachhaltigkeit in der Kunst heissen können: Milo Rau zeigte und diskutierte im Palace Das neue Evangelium. Im Film zetteln Schwarze Erntearbeiter in Süditalien, inspiriert von der biblischen Passionsgeschichte und unterstützt vom Filmteam, eine «Revolution der Würde» an – mit realen Folgen: bessere Arbeitsbedingungen, mehr Mitbestimmung, kollektive Selbstermächtigung.
Vielleicht ist Jan Henric Bogen ja der Mann dafür, in St.Gallen Theater als gesellschaftlichen Katalysator noch intensiver als bisher in Gang zu setzen. Vermutlich braucht es dafür einen anderen, zeitgemäss zusammengesetzten Verwaltungsrat. Und sicher geht es nur mit vielen anderen engagierten Mitstreiter:innen, mit Kollaborationen statt solistisch.
Saiten ist gespannt auf diese partizipativen, diversen und nachhaltigen Diskussionen.
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