«Der ganze Prozess um die Findung der neuen Führungsperson hat uns gezeigt, dass das System, in dem wir uns bewegen, verbessert werden muss. Die Mitarbeitenden brauchen bessere und mehr Partizipationsmöglichkeiten.» So steht es in einer Stellungnahme, die drei Mitarbeitende von Konzert und Theater St.Gallen nach der Wahl des neuen gesamtverantwortlichen Direktors, Jan Henric Bogen, am Dienstag aufgesetzt haben.
Dabei gehe es ihnen nicht um die Person Bogen: «Trotz der Enttäuschungen in Bezug auf den Auswahlprozess sehen wir, basierend auf dem bisherigen Erleben seines Führungsstils und seinen Visionen für die Sparte Musiktheater, in seiner Wahl die Chance, mit ihm einen Gesamtverantwortlichen gefunden zu haben, der die Leitung des Hauses auf eine partizipative und zukunftsorientierte Art übernimmt», heisst es im Statement. Besonders erfreulich sei seine Entscheidung, den Tanz zu einer eigenständigen Sparte zu machen.
Verpasste Vorab-Diskussion um die Leitungsstruktur
Kritisiert wird hingegen das Wahlverfahren, und grundsätzliche Bedenken gibt es zum neuen Führungssystem mit einem Intendanten an der Spitze – der in St.Gallen allerdings nicht so, sondern «gesamtverantwortlicher Direktor» heisst.
Das jetzt in St.Gallen neu etablierte Intendanz-Modell sei anfällig für Machtmissbrauch, heisst es in der Stellungnahme, unter anderem mit Verweis auf das Buch Macht und Struktur im Theater von Thomas Schmidt. Deshalb und wegen der gestiegenen Anforderungen setzten immer mehr Kulturinstitutionen auf kollaborative Modelle. Ihnen gegenüber sei das Intendanzmodell ein Rückschritt. Dabei biete gerade Konzert und Theater St.Gallen mit seinen vier gleichberechtigten Direktor:innen «die Voraussetzung, ein fortschrittlicher Betrieb zu sein».
Verwaltungsratspräsident Urs Rüegsegger widerspricht auf Anfrage: Kooperative Leitungsmodelle hätten zwar bei Einspartenhäusern eine gewisse Verbreitung – aber nicht bei Mehrspartentheatern. Auch die oft genannten angeblichen Vorbilder wie das Theater Basel seien von Intendanten geführt.
Das neue St.Galler Modell sei keine Absage an Partizipation, bekräftigt Rüegsegger. «Ein Theater kann man nicht mehr führen wie früher. Man muss eine Form finden, welche die Leute involviert. Theater funktioniert dann, wenn man eng verzahnt arbeitet und sich austauscht. Jan Henric Bogen steht für ein solches kommunikatives Führungsverständnis.» Wie Bogen das selber sieht: das Interview hier.
Vergeblicher Wunsch nach mehr Mitsprache
Zum Findungsprozess sagt Rüegsegger, die Mitsprache sei gewährleistet, indem zwei Vertreter:innen der Mitarbeitenden im Verwaltungsrat Einsitz hätten. Sie seien dadurch bei der Erarbeitung des Profils einbezogen gewesen und laufend über den Findungsprozess informiert worden. Der Verwaltungsratsausschuss habe sich gegen weitergehende Forderungen ausgesprochen; es wäre schwierig, in einem Bewerbungsverfahren bei einem grösseren Kreis von Involvierten Vertraulichkeit zu gewährleisten und die Zuständigkeiten klar festzulegen. «Wir hielten das für nicht praktikabel».
In anderen Städten gebe es Mitbestimmungsmodelle, heisst es hingegen in der Stellungnahme aus dem Theater: In Tübingen etwa stellten sich die zur Wahl stehenden Personen den Mitarbeitenden, die das wünschen, vor. In Osnabrück würden Rollenspiele mit dem Ensemble durchgeführt, in Basel gehöre ein Ensemblemitglied zur Schauspieldirektion, in Krefeld wähle das Ensemble die Schauspielleitung selber.
Die Mitarbeitenden hatten unter anderem Hearings mit den Kandidat:innen in der Endauswahl gewünscht und angeregt, dass ausser der Headhunting-Agentur auch mehrere Theaterexpert:innen bei der Findung mitwirken sollten. Laut Rüegsegger bestand die Findungskommission aus dem Ausschuss des Verwaltungsrats, zugezogen wurde der Vertreter der Personalagentur Egon Zehnder in Zürich, die Intendantin der Bregenzer Festspiele Elisabeth Sobotka sowie ein Assessor für Führungsfragen.
«Unsere Vorschläge und Wünsche in diese Richtung wurden vom Verwaltungsrat nicht berücksichtigt. Dies erachten wir, nach einem grundsätzlich konstruktiven ersten Gespräch im Juni, als nicht angemessen, zumal in einem gemeinsamen Statement das Gespräch als ‹Ausgangspunkt einer konstruktiven Zusammenarbeit in dieser wichtigen Phase› bezeichnet wurde», heisst es in der Stellungnahme.
Bei all dem gehe es nicht um «Jobangst», wie die Ensemblemitglieder auf Nachfrage bekräftigen. «Künstler:innen mit befristeten Verträgen haben nie Job-Sicherheit. Gerade bei Wechseln sind personelle Veränderungen üblich und treffen natürlich auch Künstler:innen. Hätten wir nur Angst um unsere Jobs, würden wir im Gegenteil schön still halten.»
Hier passierten jedoch weitreichende strukturelle Veränderungen. Warum dies vom Verwaltungsrat geheim gehalten und erst auf Mediennachfrage hin öffentlich wurde, sei für sie weiterhin unverständlich. «Die Diskussion, die jetzt stattgefunden hat, hätte stattfinden müssen, bevor diese weitreichende Entscheidung getroffen wurde, und zwar nicht nur im Verwaltungsrat, sondern im Betrieb, in der Genossenschaft, in der Öffentlichkeit. Dies wäre für KTSG eine einmalige Chance gewesen, dieses Haus neu, visionär und fortschrittlich zu gestalten, unter Mitwirkung aller Beteiligten.»
Bucher und Buschor wären gefragt
Für morgen Donnerstag hat der Verwaltungsrat alle Mitarbeitenden zu einem Informationsanlass im Theater eingeladen. Die Diskussion geht also weiter.
In der Pflicht stehen dabei auch die Vertreter:innen der Politik im siebenköpfigen Verwaltungsratsausschuss, die St.Galler Regierungsrätin Laura Bucher, Vizepräsidentin der Genossenschaft Konzert und Theater St.Gallen, und der St.Galler Stadtrat Markus Buschor. Von ihnen war zum Thema nichts zu hören; es kommuniziert allein der Präsident des Verwaltungsrats.
Doch immerhin geht es um das Flaggschiff des Kulturlebens im Kanton, organisiert als öffentlich-rechtliche Genossenschaft, finanziert mit 20,8 Millionen Franken vom Kanton St.Gallen, 8,6 Millionen Franken von der Stadt St.Gallen, rund 2 Millionen Franken von anderen Kantonen und Gemeinden: ein Grossbetrieb mit rund 260 festangestellten und über 300 freischaffenden Mitarbeitenden und über 80’000 Besucherinnen und Besuchern im Jahr. Es geht um die Führungsstruktur und um die wichtigste Stelle, die in diesem öffentlichen Kulturbetrieb neu zu besetzen ist. Beziehungsweise war.
An einem solchen zentralen Ort des öffentlichen Lebens kann nur eine Devise gelten: Transparenz und Diskussionsbereitschaft.
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